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Interview

Schulen müssen neu gedacht werden

Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), sieht Reformbedarf in den Schulen.
Von Rebecca Sollfrank

Simone Fleischmann (Foto: Foto: BLLV)
Simone Fleischmann (Foto: Foto: BLLV)

Regensburg.Frau Fleischmann, hat Sie die Meldung erschreckt, dass Privatschulen einen so großen Zulauf haben?

Simone Fleischmann: Den Eltern geht es darum, die beste Förderung für ihr Kind zu bekommen. Gerade elitär ausgerichtete Privatschulen können dabei natürlich mit einer guten finanziellen Basis punkten. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Gebäude und die Ausstattung, sondern auch auf pädagogische Konzepte und die Ansprüche an politische sowie ganzheitliche Bildung oder die Projektorientierung. Da gibt es Arbeitsgemeinschaften, von denen wir an vielen öffentlichen Schulen träumen können, weil wir hier gerade einmal das Regelangebot vorhalten. Hier sind ganz klar die Politik und die Verwaltung in der Pflicht, die staatlichen Schulen mit ausreichend Ressourcen auszustatten, damit wir allen Kindern etwas anbieten und die Individualität der jungen Menschen abbilden können. Dann gelingt auch eine individuelle und ganzheitliche Förderung an den Schulen.

Sind Lernstoff und Unterricht an staatlichen Schulen noch zeitgemäß?

Die Frage ist in der Tat, was junge Menschen lernen sollen und vor allem, wie sie das tun. Was brauchen sie, um in der Welt von morgen zu bestehen? Reichen gute Noten in Mathe, Deutsch und Englisch? Reicht es, Wissen kurzfristig anzuhäufen, um es zu einem bestimmten Prüfungstermin wieder loszuwerden? Profitieren Schüler davon und macht sie das zu umfassend gebildeten Menschen? Werden wir Kindern tatsächlich gerecht, wenn wir sie mit zehn oder elf Jahren auf verschiedene Schultypen verteilen, um sie so „begabungsgerecht“ zu fördern?

„Wir Lehrerinnen und Lehrer im BLLV sind überzeugt, dass die Schule von heute nicht auf die Gesellschaft von morgen vorbereitet.“

Simone Fleischmann

Das klingt jetzt eher nach „Nein“

Die Fragen lassen nur einen Schluss zu: Schule muss neu gedacht werden. Wir Lehrerinnen und Lehrer im BLLV sind überzeugt, dass die Schule von heute nicht auf die Gesellschaft von morgen vorbereitet. Viele sehen sogar ihren pädagogischen Auftrag bedroht. Sie wissen, dass es in Zukunft um viel mehr geht als um den Erwerb von theoretischem Wissen. Sie wissen auch, dass Heranwachsende kreativ, empathisch, offen und eigeninitiativ sein müssen, um sich in einer sich rasant entwickelnden und immer komplexeren Welt zurechtfinden zu können. Anders ausgedrückt: Schüler brauchen neben kognitiven Kompetenzen auch emotionale Intelligenz, musisch-künstlerische Fähigkeiten sowie eine demokratische Werteorientierung. Der schulische Alltag sieht leider anders aus: Indem wir unablässig benoten, bewerten und sanktionieren, bremsen wir viele junge Menschen aus, zerstören Lernbereitschaft und Motivation und blockieren nachhaltiges Lernen.

Was muss sich ändern?

Wir brauchen einen Aufbruch, angelehnt an das ganzheitliche Bildungsverständnis von Johann Heinrich Pestalozzi. Die ganzheitliche Bildung eines jeden Kindes und die Entwicklung all seiner Potenziale müssen der Kern des pädagogischen Denkens sein. Nur im Zusammenspiel dieser drei Grundlagen des menschlichen Verhaltens gelingt Bildung. Es gilt, jedem einzelnen Menschen genau dort zu begegnen, wo er steht – mit Herz, Kopf und Hand. Dazu gehört auch ein neues Lern- und Leistungsverständnis. Wir haben an den bayerischen Schulen zwar vorbildliche kompetenzorientierte Lehrpläne. Aber die Art und Weise, wie Lehrkräfte die Leistung ihrer Schüler erheben und jeden Fehler nach wie vor sanktionieren müssen, ist überholt. Schulen werden immer noch dominiert vom fachlich-inhaltlichen Lernen. Sie verharren in einem traditionellen Lern- und Leistungsbegriff, einer falschen Prüfungs- und damit verbundenen Selektionskultur.

Rufen Sie also eine Revolution aus?

Wir Lehrerinnen und Lehrer wollen diesen Aufbruch. Er kann aber nur gelingen, wenn wir unterstützt werden, Schule nach diesen Ansprüchen zu gestalten.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Weitere interessante Wirtschaftsthemen gibt es auch im neuen kostenlosen Newsletter der Wirtschaftszeitung: www.die-wirtschaftszeitung.de/newsletter

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