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Sie ist die Kokosblütenzucker-Frau

Ex-MyMuesli-Managerin Vivien Vogt hat eine eigene Firma gegründet. Das Produkt wird von einer Familie auf Java produziert.
Von Christine Hochreiter, MZ

  • Vivien Vogt setzt derzeit alles auf eine Karte – und die heißt Kokosblütenzucker. Foto: Janur
  • Der Blütennektar wird aufgekocht, zerkleinert und gesiebt. Foto: Janur
  • Die Ernte des Blütennektars ist die Aufgabe der Männer. Foto: Janur
  • Die Verpackungen werden aus Bambus hergestellt. Foto: Janur

Passau.Wenn die viel strapazierte Bezeichnung Powerfrau zu jemandem passt, dann auf Vivien Vogt. Die Wahl-Passauerin braust per Rad zu unserem Termin heran. Ihr Geschäft findet derzeit an unterschiedlichen Orten statt. In der Altstadt und in einer gewerblich genutzten Halle etwas außerhalb. Im Leben der 34-Jährigen dreht sich derzeit fast alles um ein Produkt, das irgendwie zu ihrem Baby geworden ist: den Kokosblütenzucker.

Alles begann 2013/2014 mit einer Reise nach Java – und einem Trip in den Dschungel. Dort lernte sie eine Familie kennen, die seit gefühlten Ewigkeiten den Nektar aus Wildpalmen erntet, verarbeitet und davon lebt. Vogt: „Ich war begeistert, wie ehrlich, schlicht und puristisch diese Leute in ihrer Enklave leben – mit den ewig gleichen Tagesabläufen.“ Die Männer klettern auf Kokospalmen und sammeln den Blütennektar. Dieser wird vom Rest der Familie aufgekocht, zerkleinert und gesiebt. „Auch wenn schon die Jüngsten mit dabei sind – es ist keine Kinderarbeit. Der Nachwuchs hilft halt überall mit“, sagt Vivien Vogt. Den kostbaren und auch sehr kostspieligen Zucker verwendet die Familie ausschließlich zum Kochen, für den Tee und Kaffee wird raffinierter Zucker gekauft.

Brückenschlag zwischen Welten

Hoch oben in den Kokospalmen wird der Blütennektar eingesammelt.
Hoch oben in den Kokospalmen wird der Blütennektar eingesammelt. Foto: Janur

„Was ich dort geschmeckt und gesehen habe, hat mich nach meiner Rückkehr nicht mehr losgelassen“, erzählt die Neu-Niederbayerin. „Ich hatte das Gefühl, einen Schatz gefunden zu haben.“ In ihrem Hinterkopf geisterte stetig der Wunsch nach einem Brückenschlag zwischen diesen beiden Welten mit einer Entfernung von 17 000 Kilometern herum. Vogt war zu diesem Zeitpunkt noch im Fulltime-Job Managerin beim Passauer Müsli-Spezialisten MyMuesli. Sie wollte auch die Situation der Familie verbessern, die in einer Wellblechhütte lebt und kein Geld hat, um etwa einen Krankenhausaufenthalt zu bezahlen.

Irgendwann wusste sie dann, was zu tun war. Ende 2014 gründete Vogt ihre eigene GmbH. Sie kündigte ihre Stelle bei MyMuesli und begann damit, den Kokosblütenzucker „ihrer“ Familie unter dem Namen Janur zu vermarkten. Janur heißt auf Indonesisch „Palmblatt“. Das Knowhow dafür beherrscht sie aus dem Effeff. Weil sie von der Qualität ihres Kokosblütenzuckers „zu 1000 Prozent“ überzeugt ist, verzichtete sie auf die übliche Marktanalyse und konzentriert ihre gesamte Energie auf ihre neue kleine Firma – nach dem Motto: „Was andere machen, interessiert mich nicht. Ich mache das besser und anders.“ Auf eine Zertifizierung ihres Zuckers beziehungsweise auf ein Bio-Gütesiegel hat Vivien Vogt bewusst verzichtet. Schließlich kenne sie die Familie, die Prozesse – die Menschen, die ihr Produkt herstellen und ist immer wieder vor Ort zugegen, um nach dem Rechten zu sehen. Trotz der riesigen räumlichen Distanz sind Transparenz und Glaubwürdigkeit für sie kein Thema.

Verpackungen aus Bambusrohr

95 Prozent der Wertschöpfung soll nach ihren Vorstellungen auf Java stattfinden. Der Zucker wird dort an 365 Tagen im Jahr gewonnen. Sollte die Nachfrage über ihren Online-Shop steigen, nimmt die Familie zur Ernte mehr Verwandtschaft zur Hilfe. Das bedeutet auch, dass mehr Personen besser von einer Tradition leben könnten. Vivien Vogt öffnet im Café ihren Rucksack und lässt von dem braunen Sand kosten, den sie in kleine Zelluphanbeutelchen gepackt hat. Von Konsistenz und Optik her erinnert der Zucker an geröstetes Paniermehl, zergeht aber sofort auf der Zunge.

Die Gründerin

  • Werdegang:

    Vivien Vogt wurde in Kiel geboren und verbrachte ihre Kindheit in Heiligenhafen (Schleswig-Holstein). Sie studierte in Tübingen Rhetorik, Französisch und Ethnologie. Vor ihrem Schritt in die Selbstständigkeit war die 34-Jährige fünf Jahre lang bei MyMuesli für Vertrieb und Marketing zuständig.

  • Hobbys

    In ihre neue Heimat Passau verliebte sie sich schnell – nicht zuletzt auch mit Blick auf die „genialen Ausflugsmöglichkeiten ins Umland“, sagte Vogt jetzt.de vor zwei Jahren. Für sie als Naturmenschen und leidenschaftliche Jägerin sei die Region ein Eldorado.

Die Unternehmerin packt ihr MacBook aus dem Rucksack und zeigt selbstgedrehte Videos, Unmengen von Fotos, die sie auch in Alben auf ihre Facebook-Seite gestellt hat – von den Bäumen, dem Verfahren, der Familie und den Bambusschnitzern, die ihre Verpackungen herstellen. Letztere fand sie „quasi eineinhalb Stunden weiter im Dschungel“. Mit den dunkelbraunen Behältnissen aus Holz will Vogt auch einen Kontrapunkt zur Wegwerfgesellschaft setzen.

Die Gründerin weiß sich und ihr Produkt perfekt in Szene zu setzen. Vor kurzem holte sie den Sieg bei der Passau-Ausgabe des TV-Formats „Perfektes Dinner“ auf Vox. Und berichtet im Nachhinein: „Ich habe nur mitgemacht, um meinen Kokosblütenzucker zu promoten.“ Das hat anscheinend gut funktioniert. Inzwischen hat ihr ein Verlag bereits angeboten, ein einschlägiges Kochbuch zu schreiben.

Keine Rodungen erforderlich

So sieht der küchenfertige Zucker aus Java aus.
So sieht der küchenfertige Zucker aus Java aus. Foto: Janur

Sie selbst ist vom Kokosblütenzucker schwer begeistert: „Er schmeckt durch Karamell- und Malznoten interessanter als Industriezucker und wird überdies nachhaltig hergestellt“, sagt sie. Durch die Verwendung von wilden Palmen seien keine Rodungen erforderlich. Auch für Diabetiker soll der Zucker aus Asien geeignet sein. Eine Passauer Apotheke bietet ihr Produkt bereits an. Im Online-Portal für Diabetiker kann man nachlesen, dass der aus dem Nektar des Blütenstandes der Kokospalme gewonnene Zucker mit einem relativ niedrigen Glykämischen Index „auftrumpft“.

Vivien Vogt ist überzeugt, dass im Zucker viel Potenzial steckt. „Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass man im Supermarkt mal x Sorten Salz kaufen kann“, sagt sie. Die Zielgruppe seien Genussmenschen, die auch verstärkt auf Nachhaltigkeit und Fairtrade achten. 2016 will sie die Gewinnschwelle erreicht haben – unter anderem auch mit personalisierten B2B-Angeboten. Wertigkeit ist für die Gründerin ein wichtiges Wort – und der Glaube an die eigene Kraft ...

...ein beschwerlicher Weg lag vor uns, bis wir unser Ziel erreichten: 1 Tonne Kokosblütenzucker im Dschungel Javas

Posted by JANUR Kokosblütenzucker on Donnerstag, 14. Mai 2015

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