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Entwicklung

So wird virtuelle Welt Realität

Das Hotel vor der Buchung betreten oder den Online-Einkauf vorher in den Händen halten: Neue Technik macht das möglich.
Von Benjamin Weigl

Andreas Zeitler steht vor seinem virtuellen Roboter. Doch auch Alltagsdinge wie Sessel oder Jacken lassen sich virtuell in die Realität versetzen. Foto: Weigl
Andreas Zeitler steht vor seinem virtuellen Roboter. Doch auch Alltagsdinge wie Sessel oder Jacken lassen sich virtuell in die Realität versetzen. Foto: Weigl

Regensburg.Online-Shopping kann praktisch sein. Heute sind die neuen Schuhe bestellt, am nächsten Tag schon an der Haustüre. Doch dann folgt Ernüchterung: Die Schuhe zwicken an den Zehen oder sind viel zu groß. Wenn es nach Bernd Zube geht, gehört das bald der Vergangenheit an. Mit den virtuellen Innovationen der Firma Scanblue Engineering, für die Zube arbeitet, ist es bereits möglich, das neue Paar Stiefel vor dem Bestellen anzuprobieren. „Man kann am Tablet genau sehen, ob die jeweilige Schuhgröße mit der Fußgröße übereinstimmt“, sagt Zube. Im Online-Shop wird eine Größe gewählt, die Kamera auf die eigenen Füße gerichtet – und tatsächlich, die Schuhe passen genau.

Bernd Zube von Scanblue Engineering zeigt auf einem Tablet eine virtuelles Produktmodell einer Modelleisenbahn. Foto: Weigl
Bernd Zube von Scanblue Engineering zeigt auf einem Tablet eine virtuelles Produktmodell einer Modelleisenbahn. Foto: Weigl

E-Commerce, also das Einkaufen im Internet, ist nur eine von zahlreichen Branchen, bei denen sich sogenannte Virtual- und Augmented Realities immer mehr in unserem Alltag verankern. An der Industrie- und Handelskammer (IHK) wird anhand verschiedener Beispiele aus Handel, Industrie und Tourismus gezeigt, welche Potenziale die Technik bietet.

Nur die eigene Vorstellungskraft schafft Grenzen

Dr. Stephan Otto erklärt: „Bei Augmented Reality (AR) sehe ich die echte Welt, angereichert mit Informationen.“ Ein Beispiel ist der virtuelle Schuh, der plötzlich am eigenen Fuß sitzt. Auch der Sportfan kommt regelmäßig mit AR in Kontakt, wenn bei der Analyse von Fußballspielen virtuelle Passwege oder Spielerketten nachgezeichnet werden. Im Gegensatz dazu hat man bei einer Virtual Reality (VR) „eine komplett künstliche Welt vor sich“, sagt Otto. Er arbeitet für das Nürnberger Unternehmen HolodeckVR und erschafft in erster Linie keine erweiterten, sondern vollständig virtuelle Welten. Darin bewegt sich der Akteur in einem leeren oder mit wenigen Gegenständen ausgestatteten realen Raum fort, dem Holodeck. Während er in der realen Welt einen Schritt vor den anderen setzt, bewegt er sich durch die digitale Welt, die er durch eine VR-Brille sieht.

Technik

Die Feuerwehren üben mit der 3D-Brille

Die Bauklötze sind Geschichte. Seit diesem Jahr trainieren die Feuerwehren im Landkreis Cham mit 3D-Brille und Controllern.

Die Möglichkeiten dieser Technik reichen von Unterhaltung bis hin zur Simulation von Trainingsumgebungen für militärische Zwecke. „Sie sind nur dadurch begrenzt, was ich mir selbst vorstellen kann“, sagt Otto. Jemandem, der einen Hausbau oder eine Umgestaltung der eigenen vier Wände plant, kann VR bei Entscheidungen helfen. „Ich baue mir mein virtuelles Haus, kann etwa Möbel herumschieben und die Wandfarbe ändern. Im Holodeck kann ich dann anschließend durch das ganze Haus gehen.“

Von Achterbahn bis OP-Tisch

Der Trauma-Simulator von HolodeckVR ist für militärisches Training gedacht. Foto: Weigl
Der Trauma-Simulator von HolodeckVR ist für militärisches Training gedacht. Foto: Weigl

Für das US-Militär hat HolodeckVR den „Trauma Simulator“ entworfen, erzählt Otto. Darin lässt sich im virtuellen Operationsraum der Notfall am Patienten proben. „So ein Training ist am Einsatzort im Voraus nicht möglich.“ Stattdessen könne sich das Militär in einer virtuellen Welt auf den Ernstfall vorbereiten. Im Unterhaltungssektor lässt sich dagegen eine Achterbahn-Fahrt virtuell noch spektakulärer gestalten: Im Europapark steigt man zwar in die reale Gondel der Bahn, sieht aber durch die Brille eine Fantasiewelt. Im Erlebnispark Schloss Thurn nördlich von Nürnberg wird es ab April eine Weltneuheit geben: Der Autoscooter wird virtuell in eine Wüstenlandschaft versetzt, die Autos werden zu spektakulären Gefährten.

Andreas Zeitler vom Regensburger Start-up Unternehmen Vuframe möchte den praktischen Ansatz im Handel in den Mittelpunkt rücken: „Wie kann ich die Technologie heute schon in Firmen einsetzen?“ Seine Lösung: Das „Produktfoto 2.0“. Als virtuelles 3D-Modell lässt sich mit dem Produkt am Bildschirm interagieren. Zusätzlich kann es durch AR auf dem Tablet oder Smartphone in die reale Welt eingesetzt werden. Passt etwa dieser Sessel wirklich in mein Wohnzimmer? Und soll er eher grün oder rot werden?

Andreas Zeitler (rechts) zeigt, wie man Produkte per Augmented Reality virtuell in die Umgebung setzen kann. Foto: Weigl
Andreas Zeitler (rechts) zeigt, wie man Produkte per Augmented Reality virtuell in die Umgebung setzen kann. Foto: Weigl

Zeitler zeigt auch das Beispiel eines roten Roboters, der plötzlich animiniert im Raum steht. Zu den Kunden von Vuframe zählen Firmen wie Krones, BASF und s.Oliver, die ihren Kunden virtuelle Erlebnisse bieten oder die eigene Produktion und Maschinen virtuell planen. Zeitler sagt: „Damit kann man jedes Produkt emotionalisieren. So langweilig es auch sein mag.“

Den Urlaub virtuell aussuchen

Auch den in der Entstehung befindlichen 54 Hektar großen Siemens Campus in Erlangen hat das Regensburger Start-up virtuell modelliert. Für praktisch alle Produkte und Umgebungen seien die Daten, die man für die Virtualisierung brauche, heute in den Firmen bereits vorhanden, sagt Zeitler. Vuframe baut daraus plattformunabhängige, datenkomprimierte Modelle, die sich schnell verschicken und teilen lassen. Im Logistikbereich und bei Reise- und Schulungskosten lassen sich so Kosten sparen. Kunden werden auf ganz neuen Wegen erreicht und auch Mitarbeiter durch den innovativen Geist ans Unternehmen gebunden.

Vier Beispiele

  • Virtuelle Welten: HolodeckVR ist ein Nürnberger Unternehmen. Es erschafft Virtual Realities unter anderem in den Bereichen Gaming, Architektur und Trainingssimulation. Einer der Vorteile ist, dass die virtuellen Holos in fast jedem leeren realen Raum errichtet werden können.

  • Produktbild 2.0:

    Das Regensburger Start-up Vuframe gibt es seit fünf Jahren. Es hat sich darauf spezialisiert, Produkte in 3D oder per AR direkt zu den Kunden zu bringen. „Jedes Smartphone hat alle Sensoren dafür schon an Bord“, sagt Gründer Andreas Zeitler.

  • Trend im Online-Handel:

    Scanblue Engineering aus Niedersachsen möchte Produkte von Online-Shops greifbar machen. „Knackpunkt ist eine fotorealistische Darstellung im sparsamen Dateiformat“, sagt Zube. Vorteile: höhere Kundenzufriedenheit und geringere Rücksendequote.

  • Digitale Gästebetreuung:

    Hubermedia aus Lam zeigt Urlaubsparadiese auf Riesentablets oder in der VR-Brille (Foto). Dafür werden zum Beispiel Räume in Hotels in der Tiefe per Scan erfasst und fotografiert. Daraus lässt sich ein digitales Modell errechnen, durch das man sich bewegen kann.

Stefan Huber sieht sich durch die VR-Brille in einer virtuellen Umgebung um. Foto: Weigl
Stefan Huber sieht sich durch die VR-Brille in einer virtuellen Umgebung um. Foto: Weigl

Stefan Huber von hubermedia aus Lam (Landkreis Cham) zeigt anhand der Tourismusbranche einen weiteren, besonders einfachen Weg, virtuelle Welten in die Vermarktung einzubinden. Sein Unternehmen stellt für Reisebüros riesige Tablets bereit, auf denen sich die Kunden zusammen mit dem Berater in der Urlaubsumgebung, etwa Hotel oder Kreuzfahrtschiff, bewegen können. Der Online-Konkurrenz können Reisebüros so etwas engegensetzen. „In die buchbaren Angebote kann man richtig eintauchen“, sagt Huber. 360-Grad-Fotos und -Videos lassen sich schnell produzieren. Schließlich wird daraus ein virtueller Rundgang. In der Region Ostbayern sei das bei Gästehäusern und Hotels leider erst sehr vereinzelt verbreitet, sagt Huber.

Sehen Sie zum Thema Virtual Reality auch dieses Video:

So trainieren Feuerwehren aus Cham mit Virtual Reality.

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