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Wirtschaft
Sonntag, 23. September 2018 24° 7

Interview

Städte sind aus Menschen gemacht

Trendforscherin Oona Horx-Strathern, CEO des Zukunftsinstituts Horx, plädiert für eine menschenzentrierte Stadtentwicklung.
Von Stephanie Burger, Wirtschaftszeitung

Trendforscherin Oona Horx-Strathern Foto: Klaus Vyhnalek
Trendforscherin Oona Horx-Strathern Foto: Klaus Vyhnalek

Regensburg.Frau Horx-Strathern, welche Handlungsfelder spielen bei der Stadtentwicklung eine Rolle?

Oona Horx-Strathern: Städteplaner müssen sich mit dem soziodemografischen Wandel tiefer auseinandersetzen, sie müssen spüren, was sich in der Gesellschaft verändert. Die Ansprüche an Wohnungen, Gebäude und Städte sind heute höher als jemals zuvor und zwar nicht nur in Bezug auf Technologien, sondern auch im Kontext erweiterter Lebensspannen und im Hinblick auf Mobilität und Arbeitsformen. Eine neue Schule von Stadt-Architekten formuliert: „Buildings are just a detail“ oder zu Deutsch „Gebäude sind nur ein Detail“.

Was bedeutet für Sie ganzheitliche Stadtentwicklung?

Die „Mindful City“, eine Stadt, die konsequent alle Arten von Einsamkeiten bekämpft, kommt diesem Ansatz am nächsten. In ihr wird der Achtsamkeitsbegriff auf die urbane Frage übertragen. Jon Kabat-Zinn, Gründer der Achtsamkeitsbewegung, sagt, Achtsamkeit bedeute, auf eine bestimmte Weise aufmerksam zu sein. Eine „Mindful City“ ist achtsam in Bezug auf die sozialen Strukturen ihrer Bewohner und deren grundlegende Bedürfnisse hinsichtlich Lebensqualität.

Was macht eine Stadt zu einer intelligenten Stadt?

In der klassischen „Smart City“ geht es primär um gute Technologien, um schnelles Internet, digitale Verwaltung, flüssigen und pünktlichen Verkehr. Eine „richtig“ intelligente Stadt hingegen stellt die Verbundenheit der Menschen ins Zentrum – Technologie kann zu dieser Verbundenheit beitragen, sie aber nicht herstellen. Alexa Clay, die mit ihrem Alter Ego „The Amish Futurist“ die Schattenseiten digitaler Technologien aufzeigt, hat dies in der Frage ausgedrückt: „Wie können wir unser On-lineleben benutzen, um unser Off-lineleben zu verbessern?“ In der Philosophie von Jan Gehl, Begründer des neuen Urbanismus und einer der einflussreichsten Stadtplaner der Welt, lautet die Formel: „First life, then spaces, then buildings“ – erst das Leben, dann die Räume, dann die Gebäude.

Wie wird das Wohnen in der Stadt von morgen aussehen? Welche Wohnformen werden sich durchsetzen?

Die Wohnungen werden tendenziell kleiner sein, auch weil in den Städten das Bauen und der Platz dafür teuer sind. Doch weniger Fläche heißt nicht automatisch auch weniger Raum, denn in den Häusern wird es vermehrt gemeinschaftlich genutzte Bereiche geben. Es wird also nicht mehr so stark um Quadratmeter gehen, sondern um die Qualität des Lebensraums und der Nachbarschaft. Das Stichwort lautet „Shared Spaces“. Ein geteilter Raum kann eine Gemeinschaftsküche sein, eine Bibliothek im Erdgeschoss, ein Fitnessraum für die Bewohner eines Hauses oder ein Co-Working-Space. Ich denke, dass das sukzessive Auslagern von Komfort in den öffentlichen und halböffentlichen Bereich nicht nur ein effektiver ökonomischer Schritt, sondern auch eine soziale und kommunikative Notwendigkeit ist. In manchen Städten beträgt der Anteil der Singlehaushalte bereits heute mehr als 50 Prozent. Wenn wir uns im Bereich des Wohnens nicht zusammentun, werden wir zusehends vereinsamen. Es geht um ein anderes Denken, um neue, kommunikative Wohnformen, die das Individuelle mit dem Gemeinschaftlichen verbinden. Verzichten müssen wir deshalb aber auf nichts, wir müssen nur umdenken.

„Wenn wir uns im Bereich des Wohnens nicht zusammentun, werden wir zusehends vereinsamen. Es geht um ein anderes Denken, um neue, kommunikative Wohnformen, die das Individuelle mit dem Gemeinschaftlichen verbinden.“

Oona Horx-Strathern

Gibt es bereits Beispiele für solche „Co-Living“-Wohnformen?

Ein Paradebeispiel ist das Hochhaus „The Collective“ in London mit 550 auf ein Minimum reduzierten Wohnungen. Sie richten sich in erster Linie an die Millennials, also an die Generation der zwischen 1980 und 2000 Geborenen, die in der Regel noch über keinen größeren materiellen Besitz verfügen. Die kleinsten Einheiten, die „Twodios“, sind elf Quadratmeter groß und bestehen aus Bett, Badezimmer und winziger Küche. Die Bewohner haben jedoch Zugang zu 12000 Quadratmetern gemeinsamem Lebensraum mit Co-Working-Räumen, Spa, Waschküche, großer Küche, Fitnessraum, Terrasse, Bibliothek und Spielzimmer sowie erschwinglichen, hauseigenen Restaurants.

Wie werden wir uns in Zukunft bewegen und wie wird sich durch diesen Mobilitätswandel das Stadtbild verändern?

Als Antriebsform wird die Elektromobilität immer wichtiger werden. Die Autos werden außerdem in anderer Weise steuerbar sein, was zu weniger Staus auf den Straßen führen wird. Neue Siedlungen werden weniger Garagen haben, weil wir immer mehr dazu übergehen, Autos zu teilen.

Wie sieht die Energieversorgung in den Häusern und Städten von morgen aus?

Es gab eine Phase, in der viele Passivhäuser gebaut wurden. In diesen kam es vor allem auf „Vermeidung“ an. Meiner Meinung nach wäre es jedoch wichtiger, Aktivhäuser zu bauen, also Gebäude, die mehr Energie produzieren, als sie verbrauchen. Die überschüssige Energie kann man verkaufen und ins allgemeine Stromnetz einspeisen. Ich denke, das ist der Weg, den die Architekten in den nächsten Jahren gehen sollten.

Wie kann gewährleistet werden, dass die intelligente Stadt von morgen auch eine soziale Stadt bleibt?

Der amerikanische Volkswirt und Harvard-Professor Edward Glaeser, einer der einflussreichsten Stadttheoretiker in den USA, sagt dazu in „Triumph of the City“: „Wir sollten uns von der Idee verabschieden, Städte als Ansammlung von Gebäuden zu verstehen. Die wirkliche Stadt ist aus Menschen gemacht, nicht aus Beton.“ Es müssen also vermehrt Häuser und Siedlungen entstehen, die neue Wohn- und Lebensformen ermöglichen, solche, die Arbeiten und Wohnen verbinden und in denen Familien und Einzelpersonen unter dem gleichen Dach wohnen. Die Architektur der Zukunft sollte Flexibilität in allen Bereichen ermöglichen und keine Generationen-Ghettos errichten. Die US-amerikanische Architektin Jeanne Gang – die bekannteste weibliche Architektin der Welt – sagt, der Architekt von morgen sei eigentlich ein „Beziehungs-Designer“.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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