MyMz
Anzeige

Landwirtschaft

Tierhaltung und Fleischkonsum halbieren

Im Gespräch mit Christian Rehmer, Leiter Agrarpolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND)
Von Stephanie Burger, Wirtschaftszeitung

Christian Rehmer, Leiter Agrarpolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) Foto: BUND
Christian Rehmer, Leiter Agrarpolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) Foto: BUND

Berlin.Herr Rehmer, kann die Dürrekrise den Anstoß für die vielfach geforderte Agrarwende geben?

Christian Rehmer: Nicht nur wegen der Dürre wird immer deutlicher, dass wir dringend eine Agrarwende brauchen – weg von instabilen und anfälligen Hochleistungssystemen hin zu agrarökologischen Anbaumethoden, die Bauern eine Zukunft bieten und unsere Ernährung sichern. Die Bundesregierung ist gefordert, die Weichen richtig zu stellen und der Landwirtschaft zu helfen, ihre Bewirtschaftungssysteme nachhaltig zu verändern.

Würden Sie sagen, die EU-Agrarpolitik, insbesondere die Subventionspolitik, ist der Schlüssel für die Agrarwende?

Um den Betrieben nicht nur kurzfristig zu helfen, sondern sie für die Zukunft fit zu machen, müssen Steuermittel für den Umbau hin zu einer umweltfreundlichen und klimaschonenden Landwirtschaft genutzt werden. Bereits heute wird sehr viel Geld für die Landwirtschaft ausgegeben: Die Mittel aus der EU-Agrarpolitik für die deutsche Landwirtschaft belaufen sich in der aktuellen Förderperiode auf 44 Milliarden Euro in sieben Jahren. Davon werden fast fünf Milliarden Euro jährlich als pauschale Flächenprämien ausgeschüttet, ohne dass diese Gelder an konkrete Leistungen für Umwelt, Tierwohl oder Klimaschutz gebunden sind. Diese Steuermittel müssen sinnvoller eingesetzt werden.

Wie realistisch ist die Chance, dass sich hier etwas ändert?

2018 und 2019 sind die Jahre, in denen die Zivilgesellschaft Einfluss auf die zukünftige EU-Agrarpolitik nehmen kann. Auch wenn der Vorschlag der EU-Kommission nicht wirklich sehr ambitioniert ist, ist der Zug noch lange nicht abgefahren. Die Agrarlobby steht zunehmend unter einem Rechtfertigungsdruck: Die Gesellschaft möchte mehr Umwelt, mehr Klima und mehr Tierwohl und sie verlangt zu Recht, dass die EU-Gelder an solche Leistungen gebunden werden.

Bislang hat sich das Landwirtschaftssystem durch große Beharrungskraft ausgezeichnet. Worin sehen Sie die Ursachen?

Jede angestrebte Änderung, die der Landwirtschaft mehr abverlangt als bisher, trifft auf die Ablehnung der Bauernlobby. Die hätte gerne, dass alles so bleibt, wie es ist. Doch das ist blauäugig und führt irgendwann dazu, dass dafür gar keine Steuermittel mehr fließen. Wir Umweltverbände wollen Fördermittel nicht abschaffen, sondern sie an öffentliche Leistungen knüpfen. Damit geben wir den Landwirten eine Zukunft, die die Agrarlobby zunehmend verspielt.

Fast fünf Milliarden Euro werden jährlich als pauschale Flächenprämien ausgeschüttet, ohne dass diese Gelder an konkrete Leistungen für Umwelt, Tierwohl oder Klimaschutz gebunden sind.

Christian Rehmer

Wie beurteilen Sie die Lobbymacht des Deutschen Bauernverbandes und seine enge Verflechtung mit der Politik?

Die Funktionäre des Deutschen Bauernverbandes sind leider seit einigen Jahren mit einer gewissen Beratungsresistenz unterwegs. Das war schon mal besser. Anstatt die Zeichen der Zeit zu erkennen, wird entweder behauptet, dass es kein Problem gibt, oder behauptet, dass bereits daran gearbeitet wird. Der Bauernverband ist zwar eng mit der Union verflochten, aber viele in der CDU/CSU erkennen im Gegensatz zum Verband, dass es nicht so weitergehen kann. Dazu gehört auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner.

Welche Rolle spielt der Verbraucher?

Verbraucher haben tagtäglich die Möglichkeit, Agrarpolitik mit kleinen Schritten zu machen. Jeder Einkauf bestimmt mit, was wo und unter welchen Bedingungen hergestellt wird. 88 Prozent der Bevölkerung wollen mehr für besseres Fleisch ausgeben – wenn sie es denn erkennen können. Leider ist die Kennzeichnung etwa beim Fleisch noch nicht so wie bei Eiern. Daher können Kunden nicht erkennen, wie das Tier gehalten wurde. Darum muss dringend eine verbindliche staatliche Haltungskennzeichnung für alle tierischen Lebensmittel eingeführt werden.

Was sind zentrale Punkte, die ressourcen- und klimaschonende Landwirtschaft ausmachen?

Sie muss so gestaltet werden, dass sie die natürlichen Ressourcen wie Boden, Klima, Luft und Gewässer nicht übernutzt. Dabei darf sie weder auf Kosten des globalen Südens noch zukünftiger Generationen oder des Tierwohls wirtschaften. Ein konkretes Beispiel für Deutschland: Wir müssen die Tierhaltung und den Fleischkonsum um die Hälfte reduzieren, damit das klappen kann.

Könnte eine solche Landwirtschaft Ernährungssicherheit garantieren?

Hunger und Mangelernährung sind ein Verteilungs- und kein Produktionsproblem. Wichtig ist, dass die EU und Nordamerika ihren Konsum tierischer Lebensmittel massiv zurückfahren. Und die Lebensmittelverschwendung muss auf ein Minimum reduziert werden. Nachhaltige, klimaschonende Anbausysteme sind in den Ländern des globalen Südens weiterzuentwickeln und der dortige Anbau von Exportgütern zu verringern. Agrarökologische Anbausysteme bieten vielfältige Alternativen zur heutigen gängigen Landwirtschaft.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

Lesen Sie zu diesem Thema auch:

Landwirtschaft muss sich verändern

Die geballte Macht der Agrarlobby

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht