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Wirtschaft
Dienstag, 19. Juni 2018 26° 4

Sanktionen

Vollbremsung im Iran-Handel

Donald Trumps Ausstieg aus dem Atomabkommen ist bitter für ostbayerische Unternehmen. Auch ihr US-Geschäft ist in Gefahr.
von Christine Straßer

Reger Verkehr herrscht auf einer Stadtautobahn in Teheran. Der Handel mit bayerischen Unternehmen ist hingegen ins Stocken gekommen. Foto: Abedin Taherkenareh/dpa
Reger Verkehr herrscht auf einer Stadtautobahn in Teheran. Der Handel mit bayerischen Unternehmen ist hingegen ins Stocken gekommen. Foto: Abedin Taherkenareh/dpa

Regensburg.Brüssel, New York und seit zweieinhalb Jahren Teheran – Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) betreibt nur diese drei Büros im Ausland. Daraus lässt sich eines ablesen: Bayern sollte ganz vorne dabei sein, als nach dem Atomabkommen Sanktionen gelockert wurden und wieder Handel mit dem Iran getrieben werden konnte. Manager von MAN, Linde, Audi, Munich Re und dem Agrarhändler BayWa feierten bei der Eröffnung der vbw-Vertretung in Teheran mit. Genauso wie die damalige Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU). Sie reiste 2015 und 2016 mit großen Delegationen in den Iran – und nahm sogar die Kritik dafür in Kauf, dass sie sich ein Kopftuch aufsetzte. Ihr ging es darum, Türen zu öffnen. Auch ostbayerische Firmen schickten damals Vertreter mit, etwa die Maschinenfabrik Reinhausen aus Regensburg oder das Heizungstechnikunternehmen Wolf aus Mainburg (Lkr. Kelheim).

Als bayerische Wirtschaftsministerin reiste Ilse Aigner (CSU) zwei Mal in den Iran. Foto: Steffen Leiprecht/Bayerisches Wirtschaftsministerium/dpa
Als bayerische Wirtschaftsministerin reiste Ilse Aigner (CSU) zwei Mal in den Iran. Foto: Steffen Leiprecht/Bayerisches Wirtschaftsministerium/dpa

Groß waren die Hoffnungen. Und noch immer heißt es vielversprechend auf der Webseite der vbw, das Land sei „das Zentrum eines Wirtschaftsraums, der über die Grenzen hinweg 400 Millionen Menschen umfasst“. Doch im Mai kam ein gewaltiger Dämpfer für die bayerischen Unternehmen im Iran-Geschäft. US-Präsident Donald Trump verkündete den Rückzug aus dem Atomabkommen. Er setzte Sanktionen wieder in Kraft, von denen aber noch nicht exakt geklärt ist, wie sie konkret umgesetzt werden und welche Übergangsfristen gelten. Betroffen sind alle Firmen, die Geschäfte mit dem Regime in Teheran abwickeln und ebenfalls in den Vereinigten Staaten aktiv sind. Im schlimmsten Fall werden sie vom US-Geschäft ganz ausgeschlossen.

„Unsere Unternehmen im Irangeschäft sind zutiefst verunsichert.“

Dominique Mommers, Außenwirtschaftsexpertin IHK Regensburg für Oberpfalz/Kelheim

Besorgte Unternehmer in Ostbayern wenden sich an die Industrie- und Handelskammer (IHK) Regensburg für Oberpfalz/Kelheim. Im IHK-Bezirk pflegen 114 Unternehmen Geschäftsbeziehungen zum Iran. Zwölf Betriebe sind mit eigenen Betriebsstätten oder Niederlassung vor Ort aktiv. „Unsere Unternehmen im Irangeschäft sind zutiefst verunsichert. Das Marktpotenzial des Iran für die Wirtschaft im IHK-Bezirk steht und fällt mit dem Abkommen“, sagt IHK-Außenwirtschaftsexpertin Dominique Mommers.

Dominique Mommers ist die Außenwirtschaftsexpertin der IHK Regensburg für Oberpfalz/Niederbayern Foto: IHK Regensburg
Dominique Mommers ist die Außenwirtschaftsexpertin der IHK Regensburg für Oberpfalz/Niederbayern Foto: IHK Regensburg

Befürchtet werden zudem Auswirkungen auf die Auftragslage in den Vereinigten Staaten. Deshalb müssen Unternehmen, die Aufträge aus dem Iran haben und eigentlich liefern müssten, nun abwägen, ob sie lieber eine Vertragsstrafe in Kauf nehmen, oder, falls sie liefern, ihr bestehendes, in der Regel ungleich größeres US-Geschäft gefährden. Denn nach dem exterritorialen Rechtsverständnis der USA sind nicht nur ausländische Töchter von US-Unternehmen an das US-Recht und seine Sanktionslisten gebunden. Auch deutsche Firmen mit US-Töchtern sowie deutsch-iranische Geschäfte in Dollar oder unter Beteiligung von US-Banken unterliegen gegebenenfalls vollständig der US-Justiz. Es drohen empfindliche Strafen. Ob dann das von der EU bereits angekündigte Abwehrgesetz und mögliche Hilfen tatsächlich einen Ausgleich bieten, ist fraglich. Bei Anfragen bitten denn auch mehrere ostbayerische Unternehmen mit Verbindungen nach Iran um Verständnis, dass sie sich angesichts der „dramatischen Veränderungen“ derzeit lieber nicht äußern möchten. Einige geben an, Kontakte zu Vertriebspartnern gekappt zu haben. Die Maschinenfabrik Reinhausen teilt mit, dass man die Situation derzeit beobachte.

Ostbayerische Firmen und der Iran

  • Maschinenfabrik Reinhausen:

    Der Regensburger Weltmarktführer bei der Produktion von Laststufenschaltern für Leistungstransformatoren (Foto: Wolf) ist im Iran vertreten. Derzeit beobachte man die die unübersichtliche Situation wie viele andere Unternehmen aufmerksam, heißt es.

  • Deprag Schulz GmbH:

    Das Amberger Unternehmen, das Schraub- und Druckluftwerkzeuge sowie Druckluftmotoren herstellt, hat weltweit Vertretungen. Auch im Iran baute Deprag nach den Sanktionslockerungen Kontakte auf. Geschäftsabschlüsse verhinderte allerdings das Problem, dass Banken keine Finanzierung übernehmen wollten.

Große Erwartungen nach Öffnung des Iran

Ein BMW fährt auf einer Autobahn in Teheran. Foto: Farshid-Motahari Bina/dpa
Ein BMW fährt auf einer Autobahn in Teheran. Foto: Farshid-Motahari Bina/dpa

Als der damalige US-Präsident Barack Obama das Atomabkommen 2016 nach mühsamen Verhandlungen unterschrieb, jubelten die Marktberater der Beratungsagentur McKinsey, dass Irans Wirtschaft bald das Niveau des spanischen Bruttosozialprodukts erreichen könne. Dann tätigte Iran eine Airbus-Großbestellung und es brach mancherorts eine regelrechte Goldgräberstimmung aus. Auf einem Iran-Kongress in München lieferte vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt noch im Frühjahr diese Jahres Zahlen, die den Optimismus bestätigen sollten: Bayern verkaufte 2017 Waren im Wert von 356 Millionen Euro nach Iran. Ein Plus von etwa 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Entwickelt haben sich Handelsbeziehungen vor allem im Maschinenbau, aber auch im Elektrosektor und in der Logistik, der Textilwirtschaft sowie der Heizungs-, Klima- und Solartechnik. Gleichzeitig beliefen sich die Importe aus dem Iran im Jahr 2017 auf immerhin 119 Millionen Euro – womit sie sich im Vergleich zum Vorjahr verneunfachten. Vermutlich wäre der Aufwärtstrend im Iran-Geschäft auch in diesem Jahr so weitergegangen, zumal der Staat als wichtiger Auftraggeber angesichts der Einnahmen aus den wieder sprudelnden Ölquellen sowie durch die Freigabe bislang gesperrter Gelder auf Auslandskonten große Summen für Investitionen freigegeben hatte.

Andererseits war der Handel auch schon vor Trumps Auftritt und ungeachtet der Öffnung des Iran seit 2016 schwierig. Das liegt vor allem daran, dass es an Banken fehlt, die das Iran-Geschäft gerade deutscher Mittelständler begleiten würden. vbw-Hauptgeschäftsführer Brossardt bestätigt, dass die Abwicklung des Zahlungsverkehrs zwischen den Unternehmen eine große Herausforderung ist. So bemühte sich der Amberger Spezialist für Schraubtechnik, Automation und Druckluftwerkzeuge, die Deprag Schulz GmbH, zwar um einen Partner im Iran. Das Geschäft sei trotzdem nicht in Gang gekommen, sagt Pressesprecherin Dagmar Dübbelde. Das Finanzembargo, das trotz des Atomabkommens immer noch in Kraft gewesen sei, habe das verhindert.

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Bankverbindungen sind Trumps Trumpf

Viele Banken geben keine Kredite und wickeln den Zahlungsverkehr bei Iran-Geschäften nicht ab, wie der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) informierte. Lediglich kleine Institute, etwa Sparkassen oder Volks- und Raiffeisenbanken, sollen vereinzelt Finanzierungszusagen gegeben haben. Diese Probleme beim Zahlungsverkehr wollte Bayern eigentlich in Kürze beseitigen. Wirtschaftsministerium und vbw bemühten sich schon seit längerer Zeit, eine iranische Bank in München anzusiedeln. Bereits mehrfach hieß es, die Middle East Bank sei nun kurz davor, eine Lizenz bekommen und eine Filiale in der Landeshauptstadt eröffnen. Aber bislang konnte das nicht realisiert werden.

Ein iranischer Wachmann vor dem petrochemischen Komplex Mahshahr in der Provinz Khuzestan im Südwesten des Iran Foto: Abedin Taherkenareh/dpa
Ein iranischer Wachmann vor dem petrochemischen Komplex Mahshahr in der Provinz Khuzestan im Südwesten des Iran Foto: Abedin Taherkenareh/dpa

Weitgehend unbeachtet blieb zuletzt ein politischer Schachzug der iranischen Regierung. Sie wies im April Behörden und Unternehmen an, Auslandsgeschäfte künftig in Euro abzurechnen. Dieser Wechsel der Berichtswährung könnte handfeste wirtschaftliche Nebeneffekte haben. Die iranische Regierung hofft wohl auf Kredite auf Eurobasis aus Europa. Frankreich hat Bereitschaft signalisiert. Und wenn Zahlungen nicht mehr in Dollar umgerechnet werden müssen, ergäbe das Möglichkeiten für Unternehmen, Geschäfte im Iran zu tätigen, ohne gegen US-Sanktionen zu verstoßen. Auch die Absicht des US-Präsidenten, den Öl-Export aus dem Iran zu drosseln, könnte so unterlaufen werden.

Die Bankverbindungen sind allerdings trotzdem Trumps schärfste Waffe, um Druck auszuüben und den politischen Willen der EU zu brechen. Denn es gibt kaum Geldinstitute, die groß genug sind, um die iranischen Ölgeschäfte abzuwickeln, ohne zugleich auf den Zugang zum US-Markt und vor allem zu der weltweiten Leitwährung Dollar angewiesen zu sein.

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