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Interview

Wasserstoff, das Öl der Zukunft

Prof. Dr. Veronika Grimm, Leiterin des neuen Zentrums Wasserstoff.Bayern, spricht über das Potenzial von Wasserstoff.
Von Thomas Tjiang

Prof. Dr. Veronika Grimm (Foto: Thomas Tijang)
Prof. Dr. Veronika Grimm (Foto: Thomas Tijang)

Nürnberg.

Frau Dr. Grimm, ist Wasserstoff das neue Öl?

Prof. Dr. Veronika Grimm: Wenn man Energieszenarien bis 2050 in den Blick nimmt, ist das sicherlich zutreffend. Wir haben ambitionierte Klimaziele, um dann weitgehend klimaneutral zu sein. Der Energiemix wird vorwiegend auf Strom aus Wind und Sonne basieren. Daher benötigen wir dringend Technologien einerseits zur Speicherung über längere Perioden und andererseits zum Transport von erneuerbarer Energie weltweit, also für einen globalen Handel mit CO-freier Energie. Wasserstoff ist ein Energieträger, der beides kann.

Macht die künftige Wasserstofftechnologie die batterieelektrische Mobilität zur reinen Übergangstechnologie?

Das ist sicher nicht der Fall, für Batterietechnologie gibt es attraktive und zukunftsträchtige Anwendungsbereiche, insbesondere bei leichten Pkw. Wasserstofftechnologien eignen sich im Bereich der Mobilität vor allem für schwere Fahrzeuge, Züge auf nicht elektrifizierten Strecken oder Fahrzeuge, die rund um die Uhr betrieben werden müssen. Da hat die Brennstoffzelle einen Vorteil gegenüber der batteriebasierten E-Mobilität. Es geht also nicht um ein Entweder-oder, es muss eindeutig beides entwickelt werden.

Wasserstofftechnik kam schon in den 90er-Jahren in Bussen zum Einsatz, Anfang der 2000er war sie im Pkw-Bereich marktreif. Warum wird die Technik erst jetzt aus der Schublade geholt?

Die Wasserstoffforschung und -entwicklung und ihre Demonstrationsprojekte unterlagen Zyklen. In Bayern gab es schon Ende der 90er-Jahre eine Initiative, die viele Wasserstoffprojekte initiiert hatte. Der tatsächliche Markthochlauf hängt stark davon ab, ob verschiedene Handlungsfelder gemeinsam entwickelt werden, um die Wasserstoffwirtschaft entlang der gesamten Wertschöpfungskette zum Laufen zu bringen. Es muss der Wasserstoff erzeugt und vorgehalten werden, es braucht eine spezielle Logistik und der Wasserstoff muss zum Nutzer – etwa ins Fahrzeug – kommen. Ein Großteil der Projekte ist wohl deshalb nicht weitergeführt worden, weil verschiedene Glieder der Kette gefehlt haben. Heute ist man technologisch sehr viel weiter, die damalige Technik würde heute nicht für Pkws weiterentwickelt. Ein weiterer Treiber: Die Klimaziele zur CO-Einsparung sind heute viel ambitionierter. Ohne Wasserstoff werden wir die Klimaneutralität, die wir anstreben, gar nicht erreichen können.

In diesem Umfeld ist das Zentrum Wasserstoff.Bayern in Nürnberg gegründet worden. Welchen Ansatz verfolgen Sie?

Das H2.B wurde von der bayerischen Staatsregierung gegründet und soll zentrale Akteure in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zusammenzubringen, um auf einer kurzen Zeitachse eine bayerische Wasserstoffstrategie zu entwickeln und umzusetzen. Es geht darum, die Wasserstoffwirtschaft breit in die Anwendung zu bringen. Daher werden auch unmittelbar umfangreiche Demonstrationsprojekte initiiert, die das Potenzial haben, schnell die industrielle Produktion von Schlüsselkomponenten und Anlagen zu erreichen. Hierfür braucht es eine Roadmap für Bayern entlang der Handlungsfelder Erzeugung, Logistik und Nutzung von Wasserstoff sowie nationale und internationale Kooperationen. Der Standort des H2.B in der Metropolregion Nürnberg resultiert auch aus den vielen Forschungsaktivitäten in diesem Bereich. Es gibt hier bereits vielfältige Kooperationen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft und dem Energie Campus Nürnberg, der auch für eine Kooperation mit führenden Forschungseinrichtungen aus technischer und ökonomischer Perspektive zum Thema Wasserstoff steht.

Wie groß ist denn das Interesse der Unternehmen an diesem Energiekonzept?

Das große Interesse der Unternehmen sieht man schon an der Zusammensetzung des Wasserstoffbündnisses, in dem sich alles findet, was in Bayern Rang und Namen hat. Seit Gründung des H2.B im September sind schon viele weitere Partner hinzugekommen. Auch kleine und mittlere Unternehmen mit potenziellen Wasserstoff-Geschäftsmodellen sind an Bord, das junge Bündnis wächst schnell. Start-ups und kommunale Partner zum Beispiel mit ihren Verkehrsbetrieben sind ebenfalls dabei.

„Wasserstofftechnologien eignen sich im Bereich der Mobilität vor allem für schwere Fahrzeuge, Züge auf nicht elektrifizierten Strecken oder Fahrzeuge, die rund um die Uhr betrieben werden müssen. Da hat die Brennstoffzelle einen Vorteil gegenüber der batteriebasierten E-Mobilität.“

Dr. Veronika Grimm

Handelt es sich um einen Wasserstoff-Hype, dem ähnlich wie der Batteriemobilität und ihrer fehlenden Ladeinfrastruktur bald wieder die Luft ausgeht?

Jede technologische Entwicklung verläuft in Zyklen. Auch beim Wasserstoff gab es schon verschiedene Perioden, in denen das Thema an Fahrt aufgenommen hat und dann teils wieder in der Versenkung verschwunden ist. Gerade ist der Nobelpreis in Chemie für Forschung zur Lithium-Ionen-Batterie in den 1970er-Jahren vergeben worden, batterieelektrische Fahrzeuge sind aber erst seit Kurzem in der Serienproduktion. Daran sieht man die langen Zyklen solcher Entwicklungen. Auch beim Wasserstoff ist es nicht so, dass wir heute viel auf den Weg bringen und in drei Jahren haben wir eine vollständig ausgerollte Wasserstoffwirtschaft. Es geht um die potenziellen Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten in Deutschland, um Technologieentwicklung, grüne Erzeugung, Logistik und Netze bis hin zu skalierbaren Anwendungen.

Nach Bayern hat der Bund seine Wasserstoffstrategie gestartet. Können wir Japan und Südkorea oder auch die Niederlande noch einholen?

Ich bin für den Bereich Wasserstoff überzeugt, dass wir das aufholen können. Wir haben in der Forschung keinen Rückstand, da sind Bayern und Deutschland in vielen entscheidenden Teilen der Wertschöpfungskette sehr gut aufgestellt. Die Technologie ist da. Den Transfer in die industrielle Produktion müssen wir ambitioniert vorantreiben. Die Japaner sind beispielsweise mit ihren Fahrzeugen bereits in der Serienproduktion.

Müssen wir bei der Wertschöpfungskette auch neu an Afrika denken und Fehler von Desertec vermeiden?

Desertec war die Idee, Solarstrom aus Wüstensonne mit einer Netzinfrastruktur nach Europa zu transportieren. Die geopolitischen Herausforderungen durch die Transitländer waren nicht einfach. Bei Wasserstoff als Energieträger oder synthetischen Kraftstoffen müssen wir nicht fokussiert in einer Region massiv Infrastruktur entwickeln. Es gibt viele Regionen, bei denen die Gestehungskosten für Energie aus Wind, Sonne, Wasserkraft oder Geothermie sehr niedrig sind. Das reicht von Island über Kanada bis Patagonien und Australien, aber eben auch Afrika. Zudem ist beim Wasserstoff keine netzgebundene Infrastruktur notwendig, man könnte ihn auch zum Beispiel chemisch gebunden wie Flüssiggas in Tankern transportieren. Daher können Energiepartnerschaften auch bilateral entstehen. So könnten mit Partnern in Afrika zugleich andere Belange, wie der Aufbau einer dezentralen Energieversorgung, weiter vorangetrieben werden.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Weitere interessante Wirtschaftsthemen gibt es auch im neuen kostenlosen Newsletter der Wirtschaftszeitung: www.die-wirtschaftszeitung.de/newsletter

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