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Interview

Wege aus der Ungleichheit

Gesellschaftliche Rollenzuschreibungen haben massive ökonomische Konsequenzen, sagt Prof. Dr. Fabian Kindermann.
Stephanie Burger, Wirtschaftszeitung

Prof. Dr. Fabian Kindermann (Foto: Attila Henning)
Prof. Dr. Fabian Kindermann (Foto: Attila Henning)

Regensburg.Herr Prof. Kindermann, Ihr Fachgebiet ist die Familien- und Haushaltsökonomik. Welche Fragestellungen stehen dabei im Mittelpunkt?

Prof. Dr. Fabian Kindermann: Das verbindende Thema in meiner Forschung ist die Ungleichheit – zwischen den Haushalten, innerhalb eines Haushalts sowie die intergenerationelle Ungleichheit. Gegenstand ist der Haushalt als Träger von ökonomischen Entscheidungen, zum Beispiel was Arbeitsverteilung, Ersparnisse oder Renteneintritt betrifft. Aufgrund der immer besseren Datenlage erforschen wir heute vor allem, wie diese Entscheidungen zustande kommen.

Stimmt der Eindruck, dass das Fachgebiet eher ein Nischendasein fristet?

Das Thema fasst tatsächlich erst langsam Fuß, insbesondere in der Makroökonomik. Es gewinnt aber stark an Bedeutung, weil sich die Rolle des Haushalts mitten in einem strukturellen Wandel befindet. Das klassische Familienmodell, ausgerichtet auf Spezialisierung in Erwerbs- oder Familienarbeit, weicht zunehmend einem Modell, in dem gleichberechtigte Partner Entscheidungen treffen.

Wie bewerten Sie aus volkswirtschaftlicher Sicht das auf Gleichstellung der Partner basierende Familienmodell?

Derzeit vollzieht sich ein demografischer Wandel, der uns vor große Herausforderungen stellt. Vor diesem Hintergrund ist jedwede Mobilisierung von zusätzlicher Arbeitskraft als positiv zu bewerten. Aus wirtschaftlicher Perspektive ist das klassische Familienmodell in dieser Situation weniger effizient.

Was beeinflusst Haushalte in ihren ökonomischen Entscheidungen?

Ein zentraler Einflussfaktor ist natürlich das staatliche Umfeld. Bei lebensprägenden Entscheidungen wie Heirat und Hausbau oder der Entscheidung für oder gegen Kinder handeln Haushalte auch nach der Maxime der Nutzenoptimierung. Die uns mittlerweile zur Verfügung stehenden Daten zeigen, dass ökonomische Anreize diese Entscheidungen beeinflussen. Aber es gibt noch einen zweiten großen Einflussfaktor, der in jüngster Zeit verstärkt in den Fokus der ökonomischen Forschung gerückt ist: die in einer Gesellschaft vorherrschenden Rollen- und Tätigkeitszuschreibungen. Die Bedeutung dessen, was die Gesellschaft beispielsweise hinsichtlich der Berufstätigkeit von Müttern vorgibt, hat massive ökonomische Konsequenzen, etwa für die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen. Aktuelle Studien haben gezeigt, dass die Einkommenslücke zwischen Männern und Frauen mit Kindern in Ländern, in denen das klassische Rollenbild der Frau die gesellschaftliche Norm ist, besonders groß ist.

Wie gehen Sie mit diesen Befunden um?

Wir fragen uns, wie solche Normen zustande kommen und inwiefern sie veränderbar sind. Blicken wir auf die Debatte über die Frauenquote in Aufsichtsräten. Vielleicht müssen wir einen derartigen staatlichen Eingriff kurzfristig in Kauf nehmen, weil er langfristig dem Wohl der Gesellschaft dient. Denn in 20 oder 30 Jahren ist es dann ganz natürlich, dass beide Elternteile sich die Erwerbsarbeit gleichberechtigt aufteilen.

Haushalte beschäftigen sich auch mit Familienplanung. Welche ökonomischen Überlegungen spielen dabei eine Rolle?

Kinder sind etwas Schönes, sie sind aber auch ein Kostenfaktor. Deshalb war und ist es eine Prämisse, die „Kinderkosten“ zu kompensieren, wenn man das gesellschaftliche Ziel verfolgt, die Geburtenrate zu erhöhen. Neue Daten zeigen nun, dass es in Ländern mit niedrigen Fertilitätsraten zu Konflikten zwischen den Partnern hinsichtlich des Kinderwunsches kommt, ausgelöst von den Frauen. Diese möchten vor allem kein zweites Kind haben, weil sie befürchten, einen zu großen Teil der „Kinderkosten“ selbst tragen zu müssen. Es entsteht also eine Ungleichheit innerhalb des Haushalts. In Ländern mit hoher Arbeitsmarktpartizipation von Frauen wie zum Beispiel in den skandinavischen Ländern scheint es diese Ungleichheitsbefürchtung nicht zu geben – diese Länder haben auch eine hohe Fertilitätsrate. Die Erkenntnis lautet: Familienpolitik muss so gestaltet sein, dass Familien nicht in diesen Konflikt geraten.

„Unser System schafft negative Erwerbsanreize für den Partner, der weniger verdient. Ein Individualsteuersystem nach skandinavischem Vorbild wäre aus meiner Sicht der noch fehlende Baustein, um das Kinderwunschverhalten positiv zu beeinflussen.“

Prof. Dr. Fabian Kindermann

Welche Lösungsansätze gibt es?

Wir müssen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch weiter verbessern und die Notwendigkeit eines auf der Gleichstellung der Partner basierenden Familienbilds deutlicher machen. Zentral ist es, für eine ausreichende und hochwertige Kinderbetreuung zu sorgen. Und dann sollte man an der Besteuerung von Familien ansetzen. Unser System schafft negative Erwerbsanreize für den Partner, der weniger verdient. Ein Individualsteuersystem nach skandinavischem Vorbild wäre aus meiner Sicht der noch fehlende Baustein, um das Kinderwunschverhalten positiv zu beeinflussen.

Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung unter anderem auch mit der Ausgestaltung des Rentensystems. Worum geht es dabei konkret?

Es geht um die Frage, wie wir künftige Altersarmut eindämmen können und welche Bevölkerungsgruppen wir dabei besonders in den Blick nehmen müssen. Das sind zum Beispiel alleinerziehende Mütter. Das Prinzip der Rentenversicherung heute ist die „Teilhabeäquivalenz“, das heißt, die Rentenansprüche verhalten sich proportional zu den Beitragszahlungen. Meine Grundidee ist es, die Rentenberechnungsformel so zu ändern, dass sie Entgeltpunkte für jedes Jahr, in dem Einkommen erzielt wurde, vorsieht. Es gibt also eine Grundmenge an Punkten alleine dafür, dass gearbeitet wurde. Weitere Entgeltpunkte können dann im Verhältnis zum Verdienst erworben werden. Das wäre eine Umverteilung zugunsten von Personen mit schwacher Erwerbsbiografie, würde jedoch gleichzeitig positive Arbeitsanreize setzen. Gleichzeitig würde eine derartige Abflachung der Rentenformel auch Anreize schaffen, um in der Familie auf Gleichheit zu achten.

Blicken wir auf die europäische Ebene. Auch da ist Ungleichheit ein großes Thema. Wie können wir dieser begegnen?

Da gibt es unterschiedlichste Ansatzpunkte. An übergeordneter Stelle steht für mich die Überlegung, was Europa für uns in Zukunft sein soll, also die fundamentale Frage nach der Richtung Europas. Einen konkreten Ansatzpunkt beim Thema Ungleichheit möchte ich herausgreifen: Europa braucht Instrumente, um mit Krisen besser umgehen zu können. Es ist schon etwas verwunderlich, dass die Europäische Zentralbank der einzige Steuerungsmechanismus sein soll. Ich spiele da beispielsweise auf die Überlegungen zu einer europäischen Arbeitslosenversicherung an. Das Argument der Gegner, dass eine solche die Anstrengungen strukturschwacher Länder untergraben würde, ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern, ist sicher nicht von der Hand zu weisen. Aber letztendlich würden auch die strukturstarken Länder profitieren. Ein einfacher Vergleich: In die Autoversicherung zahlt jeder mehr oder weniger gleich viel ein, egal wie das persönliche Risikoverhalten aussieht. Kommt es allerdings zum Crash, ist auch der defensive Fahrer froh, wenn sein Gegenüber versichert ist.

Sie sprechen sich also für mehr Umverteilung in Europa aus?

Ja, denn der langfristige Nutzen überwiegt mögliche Nachteile. Europa ist trotz der Unterschiede zwischen den Ländern im Weltvergleich eine wirtschaftsstarke Region. Aber angesichts des Erstarkens von Wirtschaftsmächten wie China oder auch Russland besteht die Gefahr, ohne den Schirm der EU an Bedeutung zu verlieren. Die EU zu erhalten und weiterzuentwickeln ist ein erstrebenswertes Ziel. Dazu müssen wir auch umverteilen und in schlechten Zeiten füreinander einstehen. Die jüngeren Generationen, die sich politisch wieder stärker einmischen und proeuropäisch auftreten, geben Anlass zur Hoffnung, dass die europäische Idee in 50 Jahren noch lebt und sich weiterentwickelt hat.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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