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Weltkonzern mit Regensburger Einschlag

Der Versandhändler Amazon verkaufte vor 20 Jahren sein erstes Buch. Sein Erfolg in Europa ist eng mit Regensburg verbunden.
Von Andrej Sokolow, dpa, und Martin Anton, MZ

Amazon-Chef Jeff Bezos hat dem Unternehmen seinen Stempel aufgedrückt.
Amazon-Chef Jeff Bezos hat dem Unternehmen seinen Stempel aufgedrückt. Foto: ap

Seattle.Die Geschichte des Online-Händlers Amazon ist eine der großen Erfolgsstorys der Internet-Ära. Aus den Gedankenspielen von Gründer Jeff Bezos vor zwei Jahrzehnten im 40. Stock eines New Yorker Wolkenkratzers wurde ein weltumspannender Gigant, der nicht nur dem stationären Einzelhandel zusetzt, sondern mit seinem Cloud-Geschäft auch unzählige Startups am Laufen hält. Amazons Start in Deutschland ist eng mit der IT-Gründerszene in Regensburg in den 90er Jahren verbunden.

Auch heute ist die Expansion noch lange nicht abgeschlossen: Amazon fährt bestenfalls schmale Gewinne ein und steckt jeden Dollar in den Ausbau des Geschäfts. Die Anleger, die diesen Kurs jahrelang mit immer weiteren Kurssteigerungen befeuerten, lassen inzwischen gelegentlich Ungeduld bei den Quartalszahlen aufblitzen.

Bezos zog 1994 aus einem komfortablen Jobs an der Wall Street in eine Garage in Seattle für eine große Vision: Alles mögliche über das Internet zu verkaufen. Er startete zunächst mit Büchern – weil sie robust beim Versand und unkompliziert in der Logistik waren sowie eine ordentliche Marge boten.

Ein dickes Fachbuch über das Denken

Nach rund einem Jahr Anlaufzeit und einem Namenswechsel von Cadabra.com zu Amazon wurde am 16. Juli 1995 das erste Buch an einen externen Kunden verkauft, ein über 500 Seiten dickes Fachbuch über das Denken. Heute steht ein Exemplar von „Fluid Concepts and Creative Analogies: Computer Models of the Fundamental Mechanisms of Thought“ hinter Glas am Eingang des Amazon-Hauptgebäudes in Seattle.

Zum 20. Jubiläum versucht Amazon, so etwas wie einen eigenen internationalen Feiertag zu etablieren: Den „Prime Day“ am 15. Juli, mit Sonderangeboten nur für Nutzer seines kostenpflichtigen Abo-Dienstes.

Die Gewerkschaft Verdi mit ihrer Version des Konzerngeburtstags
Die Gewerkschaft Verdi mit ihrer Version des Konzerngeburtstags Foto: Verdi

Die Gewerkschaft Verdi kontert die Jubiläumsfeiern beim weltgrößten Online-Händler Amazon mit Aktionen für Tarifabsicherung in Deutschland. In Berlin erklärten die Streikleiter den von Amazon ausgerufenen „Prime Day“ auf einem Transparent zum „Shame Day“ (Tag der Schande). Verdi versucht seit dem Frühsommer 2013 mit Arbeitskämpfen, einen Tarifvertrag auf dem Niveau des Einzel- und Versandhandels durchzusetzen.

Als Bezos vor 20 Jahren sein erstes Buch über Amazon verkaufte, war man in Regensburg schon dick im digitalen Buchgeschäft. Bereits 1991 gründeten die damals 26-jährige Ulrike Stadler und der vier Jahre jüngere Michael Gleissner die ABC Bücherdienst GmbH. Zunächst über das digitale Nachrichtensystem der BTX der Deutschen Post, ab 1995 übers Internet, wuchs das Start-Up mit dem Buchversandhandel einem internationalen Unternehmen.

Vom Regensburger Start Up zum internationalen Unternehmen

Als Amazon 1998 den ABC Bücherdienst, inzwischen eher unter dem Namen seiner Internetseite telebuch.de bekannt, kaufte, betrieb Deutschland größter Online-Buchhändler aus Regensburg Niederlassungen in den USA, Spanien und Namibia. In Regensburg arbeiteten 60 Mitarbeiter, 500 Aufträge pro Tag kamen über die Website rein, knapp eine Millionen Titel waren im Sortiment. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Auszugehen ist aber von einer zweistelligen Millionensumme für die inzwischen vier Eigentümer sowie größere Aktienpakete.

Am 15. Oktober 1998 wurde aus telebuch.de amazon.de. Im Frühjahr 1999 verlagerte Amazon das Regensburger Lager nach Bad Hersfeld in Nordhessen. „Mick“ Gleissner, der bereit 1996 nach Florida umgesiedelt war, um die Geschäfte der dortigen Telebuch-Niederlassung zu leiten, übernahm für zwei Jahre nach der Übernahme den Posten des Vizepräsidenten bei Amazon und beteiligte sich an diversen weiteren IT-Start-Ups aus Regensburg. Später zog er in die Philippinen, wo er Film- und Fotostudios seiner Firma Bigfoot Entertainment aufbaute. Heute wohnt er in Hong Kong.

Ulrike Stadler hatte mit ihrer zweiten Unternehmensgründung in Regensburg, der MagicDay AG, weniger Glück und soll 1999 für ein Jurastudium nach Neuseeland ausgereist sein. Heute wohnt Stadler nach Informationen der MZ in Miami, Florida.

Der heute 51 Jahre alte Bezos drückte Amazon in jeder Hinsicht seinen Stempel auf. Dazu gehört neben dem gebetsmühlenartig beschworenen Fokus auf den Kunden die anfangs rigorose Sparsamkeit. Die damals aus alten Türen zusammengebauten Tische sind heute noch zur Erinnerung über die Firmengebäude verteilt. Das half Amazon immerhin auch, im Gegensatz zu manchem anderen Börsenliebling das Platzen der Internet-Blase zu überstehen.

Schroffer Problemlöser Bezos

Bezos sei ein „passionierter Problemlöser“, beschrieb ihn der amerikanische Technologiejournalist Brad Stone in seiner Biografie „Der Allesverkäufer“. Zugleich sei er ein „Micromanager mit einer endlosen Flut neuer Ideen“ – und zum Teil schroffen Reaktionen, wenn Mitarbeiter seinen Standards nicht gerecht werden.

Eine der vielen verworfenen Ideen war, für den schnelleren Versand Waren bei Kunden zwischenzulagern. Aus einer anderen – die technischen Überkapazitäten für Stoßzeiten wie das Weihnachtsgeschäft im Rest des Jahres zu vermieten – entstand der Cloud-Provider Amazon Web Services. Die Sparte überraschte im ersten Quartal bei ihren erstmals veröffentlichten Zahlen trotz eines heftigen Preiskampfs mit Google und Microsoft mit einem operativen Gewinn von gut einer Viertelmilliarde Dollar.

In seinem dritten Jahrzehnt arbeitet Amazon daran, sich als „Allesverkäufer“ tief im Alltag der Kunden auszubreiten. In den USA experimentiert der Konzern unter anderem mit drahtlosen Knöpfen, die überall im Haushalt angebracht werden können. Auf Knopfdruck wird die nächste Ladung Waschmittel, Zahnpasta oder Windeln nachbestellt. Der vernetzte Amazon-Lautsprecher Echo kann auf Sprachbefehl den gewünschten Song spielen und beim Kochrezept aushelfen – oder ebenfalls eine Amazon-Bestellung annehmen.

Amazon-Telefon bleibt Ladenhüter

Beim Versuch, den Kunden ein Smartphone als Einkaufsmaschine in die Tasche zu stecken, erlitt Bezos jedoch im ersten Anlauf einen seltenen Flop. Das Fire Phone, das unter anderem Artikel auf Grundlage eines Fotos erkennen und bestellen kann, blieb ein Ladenhüter und handelte Amazon einen Abschreibung von rund 170 Millionen Dollar ein.

Dagegen hält Amazon auch dank seiner Kindle-Lesegeräte die Führung im Geschäft mit digitalen Büchern – auch wenn die zum Teil harsche Verhandlungstaktik, bei der einzelne gedruckte Titel plötzlich nicht bestellbar waren, dem Konzern Kritik aus der Verlagsbranche einbrachte. Immer wieder kommt auch eine Debatte darüber auf, dass Amazon über Jahre europäische Freiräume zur Steuerminimierung über Länder mit niedrigeren Sätzen genutzt habe.

Für die Einzelhändler, die Amazon quer durch die Welt massiv unter Druck gesetzt hat, zeigt Bezos wenig Mitgefühl. „Sie werden sich weiterentwickeln, sie werden nicht aufgeben. Wettbewerb löst immer eine Evolution aus“, konterte er in einem dpa-Interview. „Zweitens ist es einfach unser Job, den Kunden das beste Angebot und den besten Service zu bieten. Die Kunden entscheiden, wo sie kaufen, nicht wir.“

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