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Wir brauchen eine Willkommenskultur

Die MZ befasst sich mit dem Thema Zuwanderung. Wer gute ausländische Mitarbeiter an sich binden will, muss mehr bieten als „nur“ Arbeitsplätze.
Von Christine Hochreiter, MZ

Momentaufnahme: Die Schuldenkrise in Europa beschert Deutschland deutlich mehr Zuwanderer aus der EU.Foto: dpa

Regensburg/Nürnberg. Mit einer neuen Initiative „Study and stay in Bavaria“ will das Wirtschaftsministerium internationale Fachkräfte für den Freistaat gewinnen. Junge Ausländer sollen nach dem Abschluss ihres Studiums in Bayern bleiben und das Ministerium will sich darum kümmern, dass bürokratische Hürden fallen. Dabei handelt es sich nur um eines von vielen Projekten der Politik und Wirtschaft. Dort hat man erkannt, dass wir gezielte Zuwanderung brauchen, wenn Deutschland auf Dauer seine Innovationskraft erhalten will. Wer Rezepte gegen den Fachkräftemangel sucht, muss sich allerdings auch mit den in der Bundesrepublik lebenden Menschen mit Migrationshintergrund befassen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind nur 15 Prozent der Zugewanderten Akademiker, lediglich 42 Prozent haben eine Ausbildung abgeschlossen.

Großer Hebel für den Jobmarkt

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg berichtete 2011 in einer Öffentlichen Anhörung von Sachverständigen vor dem Ausschuss für Arbeit und Soziales des Bundestags, dass die Zuwanderung nach Deutschland in den vergangenen Jahren zu gering war, „um das Erwerbspotenzial zu stützen“. Darüber hinaus sei die ausländische Bevölkerung hierzulande deutlich geringer qualifiziert als im Schnitt der OECD-Länder. Zwar sei es nicht realistisch, den demografischen Wandel durch Zuwanderung aufzuhalten. Zuwanderung könne diesen Prozess aber deutlich abmildern, hieß es.

Prof. Dr. Herbert Brücker ist beim IAB der Spezialist für das Thema. Wie wichtig Zuwanderung für Deutschland ist, illustriert er an einem hypothetischen Szenario: „Ohne Zuwanderung würde das Potenzial an Erwerbspersonen bis zum Jahr 2050 um 40 Prozent oder rund 18 Millionen Menschen sinken.“ Bei einer Nettozuwanderung von rund 200 000 Menschen pro Jahr und einer Erhöhung der Erwerbsbeteiligung etwa von Frauen und Älteren betrage der Rückgang immer noch rund 18 Prozent. Generell sei Zuwanderung ein sehr großer Hebel für den Arbeitsmarkt. Er verjünge diesen und verändere die Qualität des Erwerbspersonenpotenzials.

Blue Card: Die Richtung stimmt

Brücker betont jedoch, dass es sich dabei um eine positive Sonderentwicklung handelt, die nicht auf die deutsche Einwanderungspolitik zurückzuführen sei. Das IAB geht davon aus, dass die starke Zuwanderung aus der EU (derzeit 75 Prozent) nicht auf Dauer so bleibt. Daher müsse die Regierung mit einer Politik gegensteuern, die stark auf Qualifikation setzt. Die Blue Card gehe in die richtige Richtung. Experte Brücker wünscht sich hier jedoch, dass die Einkommensschwelle weiter abgesenkt wird – von aktuell knapp 45 000 Euro bis auf etwa 35 000 Euro. Außerdem benötige Deutschland eine Einwanderungspolitik, die sich an Facharbeiter wendet. Das geeignete Instrument wäre eine Positivliste von Berufen und eine unbürokratische Regelung. Ein solcher Schwenk in der Einwanderungspolitik und die damit verbundene Anwerbestrategie müssten im Ausland offensiv kommuniziert werden.

Dem Regensburger Autozulieferer AVL ist es gelungen, in diesem Jahr fünf junge Spanier ins Unternehmen zu holen: Maider Alvarez de Eulate, Borja Pintos Gómez des las Heras und Guillermo Berenguer Alonso waren im Mai die ersten. Die Ingenieure hatten in ihrer Heimat wegen der hohen Arbeitslosigkeit keine Chance auf einen adäquaten Job und suchten ihr berufliches Glück in Deutschland. Durch die Arbeitsvermittlung in ihren Heimatstädten Pamplona, Madrid und Alicante wurden sie auf das Projekt „Welcome to Regensburg“ aufmerksam. Von diesem Ort selbst hatten sie zuvor noch nie gehört, aber eine Zukunft in Deutschland erschien ihnen allemal verlockender als keine Zukunft in Spanien.

„Welcome to Regensburg“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der Agentur für Arbeit und des Amtes für Wirtschaftsförderung. Das Ziel ist – in der Kooperation mit maximal zwölf Betrieben – die „Gewinnung von Fachkräften in Engpassberufen für die Region Regensburg“, wie es offiziell heißt. Konkret sind das Ingenieure und Informatiker.

Laut AVL-Geschäftsführer Dr. Georg Schwab hat die Ausbildung in Spanien ein vergleichbares Niveau wie in Deutschland. Der Manager zieht eine positive Zwischenbilanz: „Wir sind hochzufrieden. Unsere Spanier haben sich schnell und gut in ihren Teams eingelebt.“ Das bestätigt auch Maider: „Wir haben uns super in der Firma und am neuen Wohnort integriert. Unsere Entscheidung, nach Regensburg zu kommen, war richtig.“

Manager Schwab ist überzeugt, dass sich Arbeitnehmer wohlfühlen müssen, um Top-Leistungen zu bringen. Und so tut man bei dem Autozulieferer eine Menge, um neuen Mitarbeitern das Eingewöhnen zu erleichtern. Das Unternehmen hilft bei der Wohnungssuche, im Umgang mit Behörden und stellt jedem Neuankömmling einen Mentor zur Seite.

Andere Firmen nehmen dafür einen „Relocation Service“ in Anspruch – wie „Welcome2Regensburg“ von Hazel Davidson. Die Wahl-Oberpfälzerin kümmert sich als individuelle Dienstleisterin um Neubürger und ihre Familien. „Wenn alle in der neuen Heimat gut zurecht kommen, bleiben die Fachkräfte auch“, lautet ihre Erfahrung. Die gebürtige Engländerin kam 1979 nach Regensburg. Geplant hatte sie für ein Jahr. Sie weiß aus eigener Erfahrung, was bei einem Neustart wichtig ist. Gerade kleine und mittelgroße Unternehmen seien für dieses Thema oft noch nicht sensibilisiert. Dabei sei eine professionelle Unterstützung bei der Integration auch ein zugkräftiges Argument, um gute Leute zu einem Umzug zu bewegen.

Internationale Schule als Magnet

Dies gilt auch für das Vorhandensein einer Internationalen Schule. In Regensburg wurde durch den Anstoß der Wirtschaft die RIS geschaffen. Aktuell werden dort 56 Kinder zwischen sechs und 13 Jahren unterrichtet. Getragen wird das Projekt von Stadt und Landkreis, Stadt- und Regionalmarketing, der IHK, der Universität und der Hochschule sowie dem Uniklinikum. Die Schulsprache ist Englisch.

Die Schulleiterin Fiona Kalinowski berichtet, dass immer wieder ausländische Fachkräfte noch vor ihrer Entscheidung, ein Jobangebot in der Oberpfalz anzunehmen, bei ihr anrufen und sich über die Regensburg International School informieren. Firmen und Standorte, die attraktiv für internationale Fachkräfte sein wollen, müssen also mehr anbieten als Jobs.

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