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Automobil

Zündstoff rund um Leiharbeit bei BMW

In München stehen Betriebsrat und IG Metall in der Kritik. Auch in Regensburg wollen sie viel mehr Festanstellungen.
Von Bernhard Fleischmann und Christine Hochreiter, MZ

Der BMW X1 verkauft sich glänzend. Wegen der hohen Nachfrage gibt es Sonderschichten und zusätzliche Leiharbeiter in Regensburg.
Der BMW X1 verkauft sich glänzend. Wegen der hohen Nachfrage gibt es Sonderschichten und zusätzliche Leiharbeiter in Regensburg. Foto: BMW

Regensburg. Die IG Metall ist eine machtvolle Organisation. Besonders bei den deutschen Autoherstellern nimmt sie eine starke Position ein. Diese Stärke trifft nicht auf allen Seiten auf Gegenliebe. Bei Volkswagen wird die gewichtige Rolle der Gewerkschaft immer wieder kritisch gesehen. Nun tauchen in der Öffentlichkeit (erneut) Vorwürfe auf, die BMW betreffen. Im Kern steht dabei die Kritik im Raum, IG Metall und das Management von BMW würden im gegenseitigen Interesse miteinander kungeln – tausche Betriebsfrieden gegen Bevorzugung der IG Metall. So lautet der Kern eines Artikels bei „Zeit Online“ vor rund einer Woche. Er bezieht sich auf Vorgänge am Standort München.

Druck zur IG-Metall-Mitgliedschaft?

Die IG Metall dränge systematisch Leiharbeiter bei BMW dazu, Mitglied der Gewerkschaft zu werden, lautet der Vorwurf von Mitarbeitern, die mit dem Autor von „Zeit Online“ gesprochen hätten. Täten sie das nicht, würden ihre Chancen auf eine Festanstellung gegen Null sinken. Denn die Vertrauensleute der IG Metall – das sind Ansprechpartner im Werk für die Belegschaften – und der Betriebsrat würden eng zusammenspielen, heißt es im Artikel „Und raus bist du“ bei „Zeit Online“. Trete ein Bewerber der IG Metall nicht bei, habe er im Bewerbungsverfahren, in dem auch der Betriebsrat gehört wird, keine Chance. Personalabteilung und Betriebsrat würden dabei eng zusammenwirken.

Suche nach Belegen

Der Münchner Betriebsrat setzt sich nicht zum ersten Mal mit dieser Kritik auseinander. Erwin Thoma, Referent für Öffentlichkeitsarbeit des Münchner Gesamtbetriebsrats, findet aber immer noch keine Belege für die Vorwürfe. In all den Jahren sei nichts dergleichen aufgetaucht, sagt er zur MZ. So habe es auch die Staatsanwaltschaft gesehen, die keinen begründeten Anfangsverdacht für Ermittlungen gefunden habe. Der Betriebsrat sei im Auswahlverfahren von Bewerbern nicht involviert. Er verfüge über ein Zustimmungsverweigerungsrecht bei Einstellungen, allerdings in engen Grenzen. Angewendet werde das ganz selten.

Das Vorwürfe gibt es schon lange

Dass im Münchner Betriebsrat nicht nur Harmonie herrscht, räumt Thoma ein. Dort verfügt die IG Metall mit 50 von 59 Sitzen über ein erdrückendes Übergewicht. Dennoch gibt es andere Fraktionen und Meinungen – die es nicht immer leicht haben, ihre Positionen durchzusetzen.

Die IG Metall ist bei BMW bestens organisiert.
Die IG Metall ist bei BMW bestens organisiert. Foto: Archiv/Unrecht

Die entscheidenden Arbeitnehmervertreter in Regensburg beobachten die Vorgänge mit Distanz. Sowohl der BMW-Betriebsratschef Werner Zierer als auch der hiesige IG-Metall-Boss Jürgen Scholz kennen selbstredend das Thema. Scholz spricht von einer „alten Geschichte“. Von Regensburg aus wolle man sich daran auf keinen Fall beteiligen. Auch Zierer hält sich zurück.

Beide, Zierer und Scholz, halten aber unisono fest: In Regensburg gibt es diese Konflikte nicht. „Die IG-Metall-Mitgliedschaft ist kein Kriterium für eine Übernahme“, sagt Zierer, was Scholz bestätigt, und fügt hinzu: „Wir üben keinen Druck aus auf die Leiharbeiter. Stattdessen wollen wir überzeugen.“ Im übrigen wäre es aus seiner Sicht wirkungslos, mit solchem Druck vonseiten der Gewerkschaft zu agieren. Denn der Betreffende könne ja nach erfolgter Einstellung bei BMW der IGM gleich wieder kündigen.

Scholz sagt: „Wir haben bei Zeitarbeitern viele Mitglieder, ohne Druck.“ Der IG-Metaller räumt ein, dass – wie in dem Artikel moniert – die IG Metall im Werk Mitgliederwerbung betreibt, „wo auch sonst?“. Die Gewerkschaft gewähre Mitgliedern auch Prämien für erfolgreiche Mitgliederwerbung – Feuerzeuge, Kaffeetassen – in dieser Qualität.

Erfolgreich ist die IG Metall bei BMW zweifellos. Scholz nennt keine Mitglieds- oder Prozentzahlen. Das tut die Gewerkschaft zu einzelnen Unternehmen grundsätzlich nicht, um nicht zu viel über ihre Kampfkraft zu verraten. Aber dass die IGM bei BMW stark vertreten ist, das steht laut Scholz außer Frage.

Fairer Umgang im Betriebsrat

Zierer betont, dass im Regensburger Betriebsrat, in dem auch Nicht-IG-Metaller vertreten sind, ein fairer Umgang herrsche. „Da gibt es einen Ehrenkodex“, sagt Zierer. Man pflege ein respektvolles Miteinander und nennt als Beispiel die Vertreter der Christlichen Gewerkschaft Metall (CGM). Das bestätigt der CGM-Betriebsrat Bruno Gruschka. „Ich habe mit den Kollegen von der IG Metall keine Probleme“, sagt er zur MZ. Die Zusammenarbeit bezeichnet er als gut und fair. Er ist seit acht Jahren Betriebsrat und schaffe es auch, sich mit seinen Anliegen Gehör zu verschaffen. Einig ist er sich mit seinen IG-Metall-Kollegen in der Einschätzung, dass im Werk Regensburg „viel zu viele“ Leiharbeiter beschäftigt sind.

3500 Zeitarbeiter sind es aktuell am Standort Regensburg – dazu gehört auch das Werk Wackersdorf im Landkreis Schwandorf. Laut Werner Zierer findet die Arbeitnehmervertretung diese Zahl viel zu hoch. Allein 1500 Leiharbeitnehmer seien zum 1. Juli im Zuge der Einführung einer Nachtschicht in der Montage und der Lackiererei dazugekommen. Diese ist nach Angaben von BMW notwendig, um auf die große Nachfrage beim X1-Modell zu reagieren. BMW-Sprecherin Birgit Hiller sagte bei einer Pressekonferenz im Sommer, die neue Nachtschicht sei als „temporäre Maßnahme“ gedacht. Sie solle nach neun Monaten im März kommenden Jahres enden.

Regensburg ist stark ausgelastet

Zierer zufolge wird aber gerade mit dem Betriebsrat über eine Verlängerung der Nachtschicht bis Ende des Jahres 2017 verhandelt. Voraussetzung dafür sei die Zusage des Unternehmens, auch 2017 Beschäftigte aus der Leiharbeit zu übernehmen. Die Arbeitnehmervertretung befinde sich dazu in intensiven Gesprächen mit BMW. Darüber hinaus fordere der Betriebsrat, befristete Verträge in unbefristete umzuwandeln und eine unbefristete Übernahme aller Auszubildenden.

Der Betriebsratsvorsitende des BMW-Werkes Regensburg, Werner Zierer
Der Betriebsratsvorsitende des BMW-Werkes Regensburg, Werner Zierer

Der Hauptgrund für die hohe Zahl an Leiharbeitern sei die starke Auslastung des Regensburger Werks, so Zierer. Es gebe zwar eine konzerninterne Vereinbarung, dass die Leiharbeiterquote nicht über zwölf Prozent liegen dürfe. Dies betreffe jedoch den Durchschnitt der deutschen Standorte. In Leipzig oder Dingolfing sei der Anteil derzeit nicht so hoch, in Regensburg liege man deutlich darüber. Insgesamt werde dieser Durchschnittswert wohl erreicht.

Unser Kommentar zum Thema:

Kommentar

Begehrte Joker

Ein Job bei BMW gilt als Joker. Die Arbeitsbedingungen und Karrierechancen sind gut bis hervorragend, die Bezahlung ist es auch. Vor allem, wenn der Geldregen...

Als Betriebsratsvorsitzender beschäftige ihn derzeit sehr intensiv das Thema Digitalisierung und der damit verbundenen Rationalisierung. Die Szenarien, was Industrie 4.0 mit neuen Technologie für einen Automobilstandort bedeuten werde, seien noch sehr unscharf .„Es wird aber täglich deutlicher dass vor allem in Logistikbereichen, mit Einführung dieser neuen Technologien, eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Arbeitsplätzen gefährdet sind.“

Verlängerung gegen mehr Geld

Am 1. April 2017 soll zudem das neue Gesetz zur Leiharbeit in Kraft treten. Darin soll eine Mindestüberlassungsdauer von 18 Monaten festgeschrieben werden. Fakt sei aber, dass danach nicht plötzlich alle Leiharbeiter fest übernommen werden. Viele Zeitarbeitnehmer würden dann wahrscheinlich abgemeldet und durch andere ersetzt. Mit der Gewerkschaft IG Metall spreche man vor diesem Hintergrund über Öffnungsklauseln. In einem Tarifvertrag werde wohl voraussichtlich die Möglichkeit einer Verlängerung auf bis zu 48 Monate – unter der Voraussetzung weiterer Einkommensverbesserungen in der Zeitarbeit – festgeschrieben, so Zierer.

Pressesprecherin Birgit Hiller wollte indes die Zahl der Zeitarbeiter nicht konkret bestätigen. Das Unternehmen mache dazu für die einzelnen Standorte keine Angaben. Im Übrigen sei die geplante Verlängerung der Nachtschicht eine Erfolgsmeldung. Schließlich sei der Grund dafür, dass die Nachfrage nach dem BMW-X1 noch wesentlich besser laufe als erwartet.

Nach Mitteilung der IG Metall haben die Vertrauensleute bei BMW am Mittwochnachmittag das Thema Leiharbeit „intensiv diskutiert“. Am Ende steht die Forderung nach einer Einstellung von 1000 Beschäftigten in den nächsten drei Jahren. Nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes will die Gewerkschaft bei BMW „beim Einkommen in der Leiharbeit weitere Verbesserungen durchsetzen“. Mit einer standortbezogenen Quote solle das Volumen der Zeitarbeit begrenzt werden.

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