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Erfindergeist

Zuvorkommender Herd ist Goldes wert


Von Reinhold Willfurth, MZ

Um die Funktionsfähigkeit seines Kochsystems zu testen, setzt sich Manfred Philipp manchmal selbst in einen Rollstuhl.Foto: Willfurth

Menschen im Rollstuhl, Kleinwüchsige und Senioren, überhaupt alle Menschen mit körperlichen Handicaps tun sich oft schwer am eigenen Herd. Sein eigenes Essen zuzubereiten ist aber ein wichtiger Baustein zum selbstständigen Leben in den eigenen vier Wänden. Ein Schreinermeister aus dem kleinen Dorf Riglasreuth im Landkreis Tirschenreuth zwischen Steinwald und Fichtelgebirge hat sich über dieses Dilemma Gedanken gemacht. Nach zwei Jahren Tüftelarbeit hat Manfred Philipp sein barrierefreies Kochsystem jetzt fertiggestellt. Nach der Präsentation auf der Internationalen Handwerksmesse in München hat er für seine Erfindung den Bayerischen Staatspreis, verliehen von Ministerpräsident Horst Seehofer für besonders handwerkliche Leistungen, erhalten.

Nahezu lautlos gleitet das Ceran-Kochfeld aus der Küchenzeile heraus. Manfred Philipp drückt auf einen weitern Knopf, und das Kochfeld bewegt sich langsam nach unten. „So kommt man von drei Seiten heran und kann sich die Höhe individuell einstellen“, erläutert der Schreinermeister in einer Ecke seines Betriebs, wo der Prototyp seiner Erfindung steht. „Außerdem kann man mit dem Rollstuhl unter das Kochfeld fahren“. 24 Zentimeter kann das Ceranfeld nach unten fahren – was nach recht wenig klinge, kann für einen Menschen mit Handicap die Lösung seines Problems bedeuten.

Die Marktlücke erkannt

Eigentlich produzieren Philipp und seine zehn Mann starke Belegschaft alles, was man von einer Schreinerei auf dem Land erwartet, von der Holztreppe über aluminiumverkleidete Fenster bis zu Türen und Wintergärten. Die Besonderheit des versteckt im idyllischen Riglasreuth liegenden Betriebs sind aber die barrierefreien Einrichtungen, von denen das preisgekrönte Kochfeld nur ein Angebot von mehreren darstellt.

Ende April stellte Philipp sein Kochsystem auf der Internationalen Fachmesse für Rehabilitation, Therapie und Prävention in Karlsruhe aus. Die Resonanz war ermutigend, Philipp musste den Besuchern immer wieder das System erklären: „Ich bin den ganzen Tag nicht zum Essen und zum Trinken gekommen“, sagt der Handwerker. Jetzt fehlen nur noch die konkreten Aufträge, die auf Messen eher nicht zustande kommen. „Die Leute schauen da nur“, sagt Philipp. Doch von seiner einzigartigen Erfindung – bisher gibt es nur absenkbare Herdplatten, aber keine ausziehbaren – ist der Oberpfälzer überzeugt. Und der potenzielle Kundenkreis ist beträchtlich. Schließlich gebe es rund aktive 66 000 Rollstuhlfahrer im Land, die sich noch sehr gut selbst versorgen könnten, wenn sie geeignetes Gerät zur Verfügung hätten.

Manfred Philipp ist gerade dabei, das Kochsystem mit einem Auffahr- und Einklemmschutz serienreif zu machen. Um es ganz perfekt hinzukriegen, hat er einem Rollifahrer beim Kochen über die Schulter geschaut und sich sogar selber einen Rollstuhl zugelegt, in den er sich immer wieder setzt, um ein Gefühl für die Belange behinderter Menschen zu bekommen.

Der Erfinder des „Schrankbutlers“

Eine Art Mentor ist für Philipp der Erfinder Johann Spörrer aus dem benachbarten Pullenreuth. Der pensionierte Postbeamte hat zum Beispiel den „Schrankbutler“ ausgetüftelt – einen 2,40 Meter hohen Schrank, dessen Oberteil sich auf Knopfdruck ebenso ausfahren und heruntersenken lässt wie das Kochsystem. Manfred Philipp hat das Patent gekauft, baut den „Butler“ und vertreibt ihn deutschlandweit. Auch Spörrers platzsparenden „Dachschrägenschrank“ hat Philipp im Programm.

Barrierefrei kochen kann, wer eine handelsübliche Einbauküche sein Eigen nennt. Das bewegliche Kochfeld wird exakt in die für den Herd vorgesehene Lücke eingepasst. Billig ist das System mit seiner komplexen elektronischen Steuerung nicht, doch von den rund 4500 Euro Kosten werden 2500 Euro vom Staat bezuschusst. „Es geht darum, Menschen mit Handicap wieder ein Stück Selbstständigkeit zurückzugeben“, umschreibt Manfred Philipp seine Mission.

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