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Älter, willig, erfahren – und aussortiert

Der Stellenmarkt der Zukunft kann nicht auf ältere Arbeitnehmer verzichten. Die Gegenwart sieht aber oft noch ganz anders aus.
Von Reinhold Willfurth, MZ

  • Nur ein Lippenbekenntnis? Mit älteren Arbeitnehmern wollen Wirtschaft und Politik den Arbeitskräftemangel in den Griff bekommen. Foto: dpa-Archiv
  • Werner MayerFotos: Willfurth
  • Bernhard Fleischmann

AMBERG/WEIDEN. Die Stadt Amberg kann sich einer der besterhaltenen historischen Stadtmauern rühmen. Dass das „Amberger Ei“, wie die Altstadt wegen ihrer Form auch genannt wird, mit so einer perfekten Schale glänzt, ist auch einem Mann zu verdanken, der wie ein Häufchen Elend auf einem verschlissenen Wohnzimmersofa in Ebermannsdorf (Kreis Amberg-Sulzbach) sitzt. „Auf Stadtmauern war ich spezialisiert“, sagt Bernhard Fleischmann, und in seinen Augen blitzt kurz der Stolz eines Mannes auf, der sein Handwerk beherrscht.

Die Rente beträgt 880 Euro

Beherrscht hat. Denn Bernhard Fleischmann übt das Maurerhandwerk nicht mehr aus. Dabei ist er nicht einmal 60 Jahre alt. „Ich hätte schon gerne noch ein paar Jahre gearbeitet“, sagt Fleischmann. „Er ist in seiner Arbeit aufgegangen“, sagt seine Frau. Die Arbeitswelt aber hatte keinen Platz mehr für ihn. Das war 2007. Seitdem leben der Frührentner, seine Frau und die drei Kinder mehr schlecht als recht von ihren bescheidenen Einkünften. Fleischmanns Rente in Höhe von 880Euro im Monat ist dabei der größte Einnahmeposten – die monetäre Bilanz seines fast 45 Jahre währenden Arbeitslebens.

Fleischmann war noch keine 14, als er in seinem Dorf im Vilstal eine Lehre als Maler begann. 1983 ließ er sich umschulen. Die Baubranche aber erwiderte seine Liebe zum Maurerberuf nur zögerlich. Bei einem Arbeitsunfall fiel er sieben Meter tief in einen Aufzugsschacht. „Erst als er mich nachmittags vom Krankenhaus aus anrief, habe ich davon erfahren“, sagt seine Frau. Fleischmann stürzte sich nach zwei Wochen wieder in die Arbeit – trotz der Probleme mit den Bandscheiben. Magere Zeiten der Arbeitslosigkeit wechselten ab mit Jahren, in denen Fleischmann ab sechs Uhr morgens auf der Baustelle stand.

Dann kam jener Schicksalstag im August 2007. Mit Pickel und Schaufel mühte sich Fleischmann beim Abstützen einer Mauer ab, als er plötzlich bewusstlos zusammenbrach: schwerer Bandscheibenvorfall mit Lähmungserscheinungen. Es folgten drei Operationen, ein Herzinfarkt und ein Leistenbruch. Seine Chefin verlor schließlich die Geduld und kündigte ihm fristlos. Auf dem Arbeitsamt machte man ihm keine Hoffnung auf eine Rückkehr in den Arbeitsmarkt. Beim Antrag auf Erwerbsunfähigkeitsrente zierte sich die Rentenversicherung. Mit der Hilfe von VdK und IG Bau setzte Fleischmann vor dem Sozialgericht in Regensburg die Rente durch.

Der Sieg vor Gericht war ein Trost. Doch heute fühlt sich der Frührentner, der noch so gerne gearbeitet hätte, wie ein Außenseiter. „Die Nachbarn grüßen gerade noch“, brummt Fleischmann. Und dann gibt es noch ein paar im Dorf, die ihn als „faule Sau“ bezeichnen. Nur der Familienhund schafft es, dass Fleischmann täglich noch eine gute Stunde spazieren geht. Er sei jetzt schnell gereizt und fühle sich permanent nutzlos, sagt der Mann, der seinen Beruf so geliebt und sein Haus mit eigenen Händen gebaut hat. Politiker, die sonntags gerne von fairen Renten für Menschen wie ihn faseln, die Woche über aber nichts dafür tun, „könnte ich auf den Mond schießen“, sagt Fleischmann.

Das Aus kam nach 46 Jahren

Von einer positiven Einstellung gegenüber älteren Arbeitnehmern hat auch Werner Mayer nichts mitbekommen. Nach 46 Jahren bei der einstmaligen Deutschen Tafelglas AG (DETAG) in Weiden musste er eines Tages beim Nachfolger „Peguform“ in der Personalabteilung „antreten“. Entlassung in einem Vierteljahr, dafür gebe es eine Abfindung und die Möglichkeit, 32Monate zu stempeln, lautete das Angebot des Personalchefs, das er und seine 15 Kollegen nicht ablehnen konnten: „In einem Jahr würden wir sowieso entlassen, hat es geheißen“. Was blieb ihm also anderes übrig?

„Das war ein Schlag ins Gesicht damals“, sagt Mayer. Den Schlag spürt er heute noch: Neun Prozent weniger Altersrente erhält der heute 67-Jährige. Hätte er nicht 40 Jahre lang in die Betriebsrentenkasse eingezahlt, müsste er den Gürtel trotz des schuldenfreien, selbst gebauten Eigenheims viel enger schnallen. Auch Mayer hat als 13-Jähriger seine Lehre als Betriebsschlosser bei der DETAG begonnen. Er sei mit einer Rentenkürzung dafür „bestraft“ worden, aus seinem Beruf gedrängt worden zu sein, sagt Mayer. „Und das ärgert mich“.

Er will sich trotzdem nicht beklagen. Nicht jeder seiner 15 mit ihm entlassenen Kollegen hätte es so gut wie er getroffen: Manche müssten ihre Miete bezahlen oder Unterhalt für die geschiedene Ehefrau. Wie Bernhard Fleischmann hat auch Mayer einen Groll auf Politiker, die über Nacht ihre Wertschätzung für ältere Arbeitnehmer entdeckt haben. „Auf dem Arbeitsamt haben sie nur gelacht und gesagt, ich solle alle halbe Jahre mal anrufen.“ Die Ignoranz des Arbeitsmarkts hat Mayer nicht verbittert. Als Mesner einer nahe gelegenen Pfarrei hat er gut zu tun. Aber dass er nach so langen Jahren im selben Betrieb von heute auf morgen zum alten Eisen gezählt wurde, nagt bis heute an ihm.

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