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Anstoß zu einer gesünderen Führung

Das Betriebsklima wird immer wichtiger. Firmen, die ihre Mitarbeiter gut behandeln, gelten als attraktive Arbeitgeber.
Von Christine Hochreiter, MZ

Regensburg/Bielefeld. „Unternehmen, die Gesundheit an ihren Arbeitsplätzen fördern, senken krankheitsbedingte Kosten und steigern ihre Produktivität. Dies ist das Ergebnis einer gesünderen Belegschaft mit höherer Motivation, besserer Arbeitsmoral und besserem Arbeitsklima“ – heißt es in der Luxemburger Deklaration zur betrieblichen Gesundheitsförderung in der EU von 1997. Fakt ist: Kranke Mitarbeiter kosten die deutsche Wirtschaft viel Geld. Nach einer Studie des Beratungsunternehmens Booz & Company belief sich der Fehlbetrag allein 2009 auf 225 Milliarden Euro.

Nicht zuletzt auch im Zuge des demografischen Wandels gewinnt das Thema Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) immer mehr an Bedeutung. Die EU definiert BGF als „moderne Unternehmensstrategie“, die darauf abzielt, Krankheiten am Arbeitsplatz vorzubeugen, Gesundheitspotenziale zu stärken und das Wohlbefinden der Mitarbeiter zu verbessern.

Prof. Bernhard Badura gilt in Deutschland als Experte für betriebliches Gesundheitsmanagement. Der Emeritus der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema. Dabei liegt ihm vor allem die seelische Gesundheit der Arbeitnehmer am Herzen. „In einer Ökonomie, die sich zur Dienstleistungsgesellschaft entwickelt, spielen körperliche Probleme kaum noch eine Rolle“, sagt er.

Wir zahlen einen hohen Preis

Baduras Diagnose alarmiert: Im Vergleich der Gesundheitssysteme von hoch entwickelten Gesellschaften liegt Deutschland bei den Aufwendungen (Kosten) weit vorne, bei den Erträgen (Lebenserwartung und Gesundheit) zurück. Untersuchungen zufolge sind die Deutschen im Schnitt bis 57,4 Jahre „beschwerdefrei“, die schwedischen Arbeitnehmer bis 68,7. Der Wissenschaftler: „Deutschland ist auch deswegen wirtschaftlich so stark, weil es dafür einen Preis zahlt – die Gesundheit der Bevölkerung.“ Dies sei umso bedauerlicher, weil die Tatsachen auf der Hand liegen. In den Unternehmen habe man sich zu lange fast nur mit dem Thema Arbeitsschutz beschäftigt. In einer solchen Kultur der Unachtsamkeit sei die seelische Gesundheit der Mitarbeiter tabu. Es gehe um Fehlzeiten-Statistiken und man schaue sich nicht an, „in welchem Zustand die Anwesenden sind“.

Was die Arbeitnehmer im Job am meisten plagt, ist nicht so sehr, was ihre Vorgesetzten tun, sondern vielmehr, das was sie unterlassen, hat der Wissenschaftler in zahlreichen Befragungen festgestellt. Ungewissheit über Ziele und Standards im Unternehmen sei ungesund. Daher sollten Führungskräfte berechenbar und ihre Maßstäbe klar und nachvollziehbar sein. Je mehr ein Vorgesetzter akzeptiert werde, umso höher sei das Wohlbefinden der Mitarbeiter. Auch die zwischenmenschliche Ebene, der Zusammenhalt der Belegschaft, sei wichtiger als viele denken. „Die Verwurzelung in einer Denk-, Fühl- und Verhaltensgemeinschaft“ werde oft unterschätzt.

Managern fehlt das Rüstzeug

Viele Manager verfügten allerdings nicht über das nötige Rüstzeug, um gut und gesund zu führen. Badura: „Häufig geht es bei der Ausbildung von Führungskräften nur um die fachliche Eignung.“ Der Wissenschaftler legt Wert auf die Feststellung, dass betriebliches Gesundheitsmanagement messbar sein muss. Unternehmen wollten wissen, was ihnen Investitionen konkret bringen. Das Thema sei vor allem bei den größeren Firmen angekommen. Bei den mittleren und kleineren Unternehmen gebe es Aufklärungsbedarf. Firmen, die ihre Belegschaft gut behandelten, sendeten auch ein positives Signal als attraktiver Arbeitgeber aus. Nachwuchskräfte achteten immer mehr auf ein gutes Betriebsklima und damit zeichne man sich gegenüber Wettbewerbern aus.

Nach der jüngsten Entscheiderbefragung der Süddeutschen Krankenversicherung und der mhplus Krankenkasse mit dem F.A.Z.-Institut betreibt nur jeder dritte mittelständische Arbeitgeber in Deutschland betriebliches Gesundheitsmanagement. Der Experte Badura prophezeit vor diesem Hintergrund, „dass sich so manches Unternehmen noch über die Auswirkungen wundern wird, wenn es sich nicht rechtzeitig darum kümmert“.

Beispiel Schneider Electric

Ein positives Beispiel ist Schneider Electric in Regensburg. Hier fängt gesunde Lebensführung schon bei den Auszubildenden an: Für sie gibt es ein eigenes Lauftraining. Ansonsten unterstützt das Unternehmen einschlägige Aktivitäten der Mitarbeiter auch finanziell – und das nicht nur in Form von Betriebssportgruppen. So bekommen Arbeitnehmer auch einen Zuschuss, wenn sie ein Fitness-Studio besuchen, oder wenn sie versuchen, sich mit Hypnose das Rauchen abzugewöhnen, so Pressesprecherin Iris Wächter.

Im „Sachsenwerk“, dem Regensburger Standort des französischen Energietechnik-Konzerns, leistet man sich für rund 900 Mitarbeiter sogar eine eigene Gesundheitsmanagerin. Durch sie werden die Führungskräfte permanent im Thema geschult. Eleonore Dechant: „In den vergangenen Jahren haben wir durch Gesundheitszirkel mit den Krankenkassen Verbesserungsmöglichkeiten identifiziert und konkret umgesetzt.“ Die Gesundheitsmanagerin ist auch Beauftragte für Betriebliches Eingliederungsmanagement: Sie unterstützt Langzeitkranke bei ihrer Rückkehr ins Berufsleben.

All das zahlt sich offensichtlich aus. „Mit verschiedenen Maßnahmen ist es uns gelungen, die Krankenquote auf einem niedrigen Niveau zu halten und die Mitarbeiter bei der Gesundheitsvorsorge und dem Erhalt ihrer Gesundheit zu unterstützen“, so Wächter – „mit dem Ziel, dass diese auch in höherem Alter ohne Probleme noch ihrem Beruf nachgehen können“.

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