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Elektronik-Weltmeister aus dem Bayerwald

Die Zollner AG ist ein verborgener Riese. Ein Hightech-Hersteller ohne eigenes Produkt – wäre da nicht ein riesiger Drache.
Von Bernhard Fleischmann, MZ

Der Reinraum – hier fertigt Zollner am Stammsitz in Zandt Produkte, die empfindlich auf Verschmutzungen reagieren würden.
Der Reinraum – hier fertigt Zollner am Stammsitz in Zandt Produkte, die empfindlich auf Verschmutzungen reagieren würden. Fotos: Zollner

Zandt.Es ist schwer, einen Tag zu verbringen, ohne mit Produkten eines ebenso unbekannten wie großen Unternehmens aus dem Landkreis Cham in Berührung zu kommen. Wer am Geldautomaten seiner Bank Bargeld zieht, seine EC- oder Kreditkarte in ein Bezahlterminal steckt, hat es ziemlich wahrscheinlich mit Technik der Zollner Elektronik AG zu tun.

Zollner-Bauteile stecken in Autoanlassern, in Ticketautomaten der Bahn, Paketstationen der Post, in Lichtern von Autos. Steuerungen von Aufzügen kommen ebenso aus Zollner-Werken wie Check-in-Terminals der Lufthansa, medizinische Liegen sind made by Zollner, Steuerungen in Flugzeugen und in Kernspintomographen – und vieles mehr.

Weltkonzern und Familienunternehmen

Zollner ist Weltkonzern und Familienunternehmen zugleich, in der Fachwelt global ein Begriff, in der Öffentlichkeit hingegen außerhalb des Landkreises Cham nahezu unbekannt. Das scheint kurios, schließlich gilt das Wort des Firmengründers Manfred Zollner: „Es gibt nix, wo wir ned mit drin sind“ – gemeint sind Produkte, in denen irgendwie Elektronik verbaut ist. Außer Unterhaltungselektronik, die in Deutschland vor Jahrzehnten untergegangen ist.

Warum Zollner auch im 50. Jahr seines Bestehens nur Eingeweihte kennen, liegt daran, dass der Chef von Anfang an klargestellt hat: „Wir bauen kein eigenes Produkt.“ Zollner entwickelt und baut praktisch alles, aber nie mit dem eigenen Label drauf. Das Unternehmen bleibt stets Dienstleister. Am Ende prangen auf den Produkten Namen wie Siemens, Philips, ABB. „Das ist unser Alleinstellungsmerkmal“, erklärt Zollner eines seiner Erfolgsrezepte. Die Firma lebt vom Vertrauensverhältnis zu seinen Kunden. „Die lassen uns in ihr Allerheiligstes hinein.“

Zollner weiß sehr frühzeitig bescheid, welche Produkte seine Kunden entwickeln. Hätte das Unternehmen aus Zandt eigene Marken, wäre es mit dem Vertrauen schnell vorbei, ist sich der 74-jährige Manfred Zollner sicher. Deshalb: „Kein eigenes Produkt, das ist in Stein gemeißelt.“ Also bleibt es beim Tun im Verborgenen, auch wenn es Renommierprojekte sind wie Leistungselektronik für BMWs Elektroauto i3 oder Komponenten für die Flugzeuge Boeing Dreamliner oder Airbus 380.

Das Hightech-Fabelwesen

Der Further Drache – entwickelt und gebaut von Zollner
Der Further Drache – entwickelt und gebaut von Zollner Foto: Zollner

Es gab eine einzige Ausnahme, an Auffälligkeit kaum zu übertreffen: Tradinno, der Further Drache. Ein gigantischer Schreitroboter, verkleidet als mythisches Fabelwesen mit 15,5 Metern Länge, feuerspeiend und furchteinflößend. Seit fünf Jahren ist der Drache im Einsatz beim ältesten Volksschauspiel Deutschlands und fasziniert das Publikum. Zollner hat den Drachen entwickelt, gebaut, finanziert und so der Stadt Furth im Wald aus der Bredouille geholfen, die jedes Jahr aufs Neue bangte, dass der altersschwache Vorgängerdrache nicht während einer Aufführung die finale Grätsche machen möge.

Ansonsten gilt: Zollner bietet auf Wunsch die komplette Kette an von der Entwicklung bis hin zum Service, alles aus einer Hand. 1965 als Ein-Mann-Betrieb aus einem Elektrogeschäft heraus gegründet, beschäftigt die Zollner AG heute mehr als 8900 Mitarbeiter; die Hälfte davon im Inland. Und Inland ist im Zollner-Imperium fast ausnahmslos der Landkreis Cham. Hier ist das Unternehmen mit Abstand größter Arbeitgeber.

Im Umkreis von rund 30 Kilometern liegen eine Reihe von Werken: Zandt, Lam, Neukirchen b. Hl. Blut, Untergschwandt, Altenmarkt (Cham), Furth im Wald. So nah und doch so verteilt – das hat logistische Nachteile, räumt Vorstandschef Johann Weber ein. Aber es sei andererseits leichter, Mitarbeiter vor Ort zu gewinnen.

Die Politik spielte eine Rolle

Der Stammsitz der Zollner Elektronik AG in Zandt
Der Stammsitz der Zollner Elektronik AG in Zandt Foto: stefankiefer.com/Zollner

Die Standorte-Struktur habe sich auch deshalb so ergeben, weil er darum gebeten worden sei, sagt Manfred Zollner. Immer wieder gingen wichtige Betriebe im Landkreis ein: Hier gab Trumpf seine Textilfertigung auf, dort lohnte es nicht mehr, Anoraks zu produzieren. OTM schloss seine Möbelfabrikation, auch Aulfes gab auf. Das war jedesmal eine Hiobsbotschaft für den Landkreis. Vieles davon passierte in der Amtszeit von Landrat Ernst Girmindl. Und der habe ihn, Zollner, gebeten zu helfen, immer wieder.

Auch Nachfolger Theo Zellner habe sich gefreut, wenn Zollner eine brache Betriebsstätte übernahm. Natürlich hat es sich auch für den Unternehmer gelohnt, wie seine jetzige Größenordnung unmissverständlich klarmacht.

Gewachsen ist das Unternehmen von Anfang an stetig. 1988 eröffnete Manfred Zollner seinen ersten Standort im Ausland – im seinerzeit noch kommunistischen Ungarn. Zollner startete dort mit 20 angestellten Frauen, heute sind in dem Werk mehr als 2000 Menschen beschäftigt, über 500 weitere an einem anderen Standort in dem Land. Bald war ein Neubau notwendig. Den baute damals die Armee, erinnert sich der Seniorchef. Denn es habe keine Baufirmen gegeben. Solange Zollner sich auf dem Bau blicken ließ, ging es voran. „Aber sofort, nachdem ich weg war, haben die nicht mehr weitergearbeitet“, erzählt er.

Riesige Dörfer, zweifelhaftes Essen

Der Anfang des Unternehmens im Jahr 1965
Der Anfang des Unternehmens im Jahr 1965

Es folgten weitere internationale Werke, zum Teil, um mit Hilfe niedrigerer Lohnkosten eine Mischkalkulation zu ermöglichen, zum Teil, um nahe bei den Kunden zu sein. Aber auch, um den von Regierungen geforderten lokalen Anteil an der Wertschöpfung zu erfüllen. Immer suchte man sich sofort lokale Mitarbeiter. Das hat sich bewährt, wenngleich einige Enttäuschungen dazugehörten. Eine Chinesin, die lange auf ihre künftige Aufgabe vorbereitet und ausgebildet wurde, kündigte sofort, als Zollner sich entschied, sein China-Werk in Taicang bei Schanghai zu errichten.

„Aufs Dorf gehe ich nicht“, habe die Mitarbeiterin erklärt. Dieses „Dorf“ zählte seinerzeit deutlich sechsstellige Einwohnerzahlen und ist heute kurz davor, die Millionengrenze zu überspringen. Trotzdem, es hat sich gelohnt für Zollner. Auch, dass er bei diesen Besuchen „Dinge essen musste, die man nicht essen will“.

Die Söhne stehen parat

Die Chefs: Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender Manfred Zollner (r.) und Vorstandschef Johann Weber
Die Chefs: Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender Manfred Zollner (r.) und Vorstandschef Johann Weber Foto: Hladik

Manfred Zollner hat sich etwas zurückgenommen, ist nur noch Aufsichtsratsvorsitzender. Den Chefposten im Management bekleidet Johann Weber, ebenfalls schon eine halbe Ewigkeit im Unternehmen tätig. Doch völlig klar ist: Das Wort des Gründers hat nichts an Gewicht und Wichtigkeit verloren. Zollners drei Söhne sind allesamt bereits im Vorstand vertreten, und der Tag wird wahrscheinlich kommen, an dem einer von ihnen den Vorstandsvorsitz übernimmt.

Das Unternehmen steht auf gesunden Beinen, sagen Weber und Zollner. Der Branchenmix sei gut ausbalanciert. Die Mitarbeiter werden zu einem gewichtigen Teil selbst ausgebildet und intensiv fortgebildet. Erstaunlich niedrige 35 Jahre beträgt der Altersdurchschnitt. Sie verarbeiten im Jahr fast 9400 Tonnen Blech, fertigen 13 000 verschiedene Endprodukte und verbauen dabei 190 000 Einzelkomponenten.

Die Zukunft gehört Komplettsystemen, ist Zollner überzeugt. Die Kunden verlangten immer mehr Rundum-Pakete. Um die weitere Entwicklung ist ihm nicht bange: 400 Firmen seien Kunde bei Zollner, „die befruchten uns, das ist ein unglaubliches Know-how. Da mach i koane Sprüch.“

Meilensteine bei Zollner

  • 1965-2001

    1965 Gründung eines Elektrofachgeschäfts mit Installationsbetrieb durch Manfred Zollner. 1986 Als das Zweigwerk Lam gegründet wird, hat Zollner 686 Mitarbeiter. 1988 Zweigwerk Untergschwandt 1991 Standort Neukirchen 1998 Die Entstehung des Geschäftsbereichs Entwicklung ist ein Meilenstein. 1998 Werk Altenmarkt I 2000 Zum Jahrtausendwechsel steigt die Mitarbeiterzahl auf 4564 an. 2001 Umfirmierung in Zollner Elektronik AG. Die Aktiengesellschaft ist nicht börsennotiert. Mit Satu Mare wird das erste Werk in Rumänien gegründet.

  • 2002-heute

    2002 Zweigwerk in Furth im Wald. Auch Szügy (Ungarn) kommt hinzu. 2004 Mit der Gründung von Taicang I (China) investiert Zollner erstmals in einen asiatischen Standort. In Zandt und Vác wird neu gebaut. 2006 Drei Werke werden erweitert: Furth im Wald, Untergschwandt und Satu Mare I (Rumänien). 2007 Werk in Beja, Tunesien 2009 Werk in Sterling, USA 2012 Further Drache: Mit Entwicklung und Konstruktion des größten vierbeinigen Schreitroboters schafft es die Zollner Elektronik AG ins Guinness-Buch der Rekorde.

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