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Gelbe Retter starten von Nürnberg aus

Die Deutschen altern, sie reisen gern und dass zu exotischeren Zielen: Das beschert den ADAC-Ambulanz-Flugzeugen viel Arbeit.
von Wolfgang Endlein

Nürnberg ist der Standort der Flotte von Ambulanz-Flugzeugen des ADAC, die weltweit kranke Reisende nach Deutschland zurücktransportieren. Nun erweiterte der ADAC die Flotte um ein weiteres fliegendes Lazarett. Der Learjet 60XR wurde am Dienstag in Nürnberg offiziell getauft.

Nürnberg.Als vor 40 Jahren erstmals ein Flieger mit Spezialauftrag von der Startbahn des Nürnberger Flughafens abhob, da stand auf der weißen Außenhaut klein und schüchtern: „Im Auftrag des ADAC“. Derart zurückhaltend ist der Allgemeine Deutsche Automobil-Club heute nicht mehr.

Auf dem jüngsten Mitglied seiner Flotte von Flugzeugen, das am Dienstag in Nürnberg vorgestellt wurde, prangen fett in schwarzen Lettern auf gelben Grund die vier bekannten Buchstaben. Und die Flugzeugkennung „D-CURE“, in der sich das englische Wort für Heilung versteckt, gibt einen Hinweis auf die Verwendung des Fliegers: der neue Learjet 60XR ist einer von vier Ambulanz-Flugzeugen des ADAC.

Diese sind gut beschäftigt. 2014 holte der ADAC 1412 Menschen nach Deutschland mit den eigenen Fliegern zurück. 41 Millionen Kilometer legen diese dafür rund um den Erdball zurück – ihre Heimatbasis haben sie aber in Nürnberg.

Der Learjet 60XR hat eine Reichweite von 3400 Kilometer und wiegt vollgetankt 10,7 Tonnen.
Der Learjet 60XR hat eine Reichweite von 3400 Kilometer und wiegt vollgetankt 10,7 Tonnen.

Der Flughafen, der seit neuestem Albrecht-Dürer-Airport heißt, ist nicht gerade als internationale Drehscheibe bekannt. Vielmehr machte er Schlagzeilen mit wirtschaftlichen Problemen. In Sachen Krankentransport per Flugzeug ist er aber in Deutschland und Europa vorne mit dabei. Verantwortlich dafür ist die Firma Aero-Dienst, Deutschlands zweitältester Flugdienst nach der Lufthansa. Inzwischen ist sie ein ADAC Tochterunternehmen, das Flugzeuge repariert, Jets für Privatkunden anbietet und eben Kranke nach Hause bringt.

Mehr Reisende, exotischere Ziele

Was so einfach klingt, „ist eine hoch komplexe Angelegenheit“, wie Dr. Michael Meyer, leitender Flugarzt beim ADAC-Ambulance-Service, sagt. Heute mehr noch als zu den Anfängen vor 40 Jahren. Waren die ersten Jahre noch geprägt von geringen Transportkapazitäten und wenig entwickelter technischer Ausstattung (Meyer: „Wir haben damals Kühlschrank große Beatmungsgeräte aus Krankenhäuser irgendwie in den Fliegern installiert.“), so sind die vier gelben Flugzeuge heute mit allerhand Hightech ausgestattet – weniger herausfordernd werden die Einsätze deswegen nicht.

Im Inneren des Learjets geht es beengt zu. Zwei liegende Patienten können hier maximal transportiert werden.
Im Inneren des Learjets geht es beengt zu. Zwei liegende Patienten können hier maximal transportiert werden.

Denn im Gleichschritt mit der strukturellen und technischen Weiterentwicklung haben sich auch die Herausforderungen erhöht. „Die deutsche Gesellschaft wird älter, also werden auch die Reisenden älter“, sagt Dr. Meyer. „30 bis 35 Prozent unserer transportierten Patienten müssen intensiv-medizinisch versorgt werden. Das ist ein gewaltiger Anstieg.“ Und je instabiler ein Patient desto größer die medizinische Herausforderung – zumal wenn es über Tausende von Kilometern geht. Denn die Deutschen reisen für ihr Leben gern – und dass zu immer exotischeren Zielen. Entsprechend kommen die 90 Ärzte und 70 Sanitäter des Ambulance-Service weit herum. „Wir sind weltweit aktiv.“

Notarzteinsatz über den Wolken

  • Krankheitsbilder:

    Hauptursache für Rücktransporte sind laut ADAC Herz-Kreislauferkrankungen, Schlaganfälle und Hirnblutungen (70 Prozent).

  • Patienten:

    Rund 52 000 Patienten betreute der ADAC laut eigenen Angaben im vergangenen Jahr. Für 4500 von ihnen wurden Ambulanz- oder Linienflüge organisiert, mit denen sie in ein deutsches Krankenhaus zurückgeholt wurden.

  • Reiseziele:

    Die meisten Patienten betreute der ADAC in der Türkei (6781), Dahinter folgten Spanien (6198) und Österreich (5644).

  • Kosten:

    Wie teuer ein ADAC-Sonderflug ist, hängt vom Flugzeugtyp und der Entfernung ab. Beispielsweise kostet der Rücktransport von den Kanarischen Inseln nach Deutschland bis zu 45 000 Euro. Von Asien oder Australien aus kann die Summe aber auf bis zu 130 000 Euro steigen.

Bei aller modernen Technik, die kleinere und dennoch leistungsstärkere Geräte beispielsweise zur Beatmung möglich macht, und Jahrzehnte lang erprobter Logistik ist beim Transport von Kranken aus fernen Ländern nach Hause nach wie vor in hohem Maße Improvisationskunst gefragt, erklärt Meyer. Zumal, wenn es in weniger entwickelte Länder geht. Wie sind die Landebahnen, wie die medizinische Versorgung vor Ort und schließlich, wie ist der Zustand des Patienten? All dies und noch viel mehr muss bedacht werden bei der Entscheidung für oder gegen einen Einsatz. „Die zentrale Frage, die wir uns immer stellen, ist: Was tut dem Patienten gut?“

Mit Organversagen in Ghana

Alles andere als gut stand es um die junge Frau, deretwegen Dr. Meyer im vergangenen Jahr einen der spannendsten Einsätze seiner Laufbahn erlebte, wie er sagt. „Die Studentin hatte sich in Ghana mit Malaria infiziert.“ Die Krankheit nahm bei ihr einen besonders schweren Verlauf. Multiorganversagen lautet die Nachricht aus dem fernen Afrika. „Die Frau schwebte in Lebensgefahr“, erinnert sich der Mediziner, der zugleich Oberarzt am Universitäts-Klinikum Erlangen ist.

Dr Michael Meyer ist der leitende Flugarzt des ADAC-Ambulance-Service.
Dr Michael Meyer ist der leitende Flugarzt des ADAC-Ambulance-Service.

Dorthin brachte man die junge Frau, nachdem sie den Flug auch Dank einer hochmodernen künstlichen Lunge überlebte. „Drei Wochen später ist sie völlig gesund direkt von der Intensivstation aus nach Hause gegangen“, freut sich der Mediziner noch heute über dem gelungenen Einsatz.

Übrigens: Kaum waren die Reste der Sekttaufe von der Nase des neuen Jets abgewaschen, rollte das Flugzeug schon zu seinem ersten Einsatz. Das Ziel: Podgorica in Montenegro.

Der neue Ambulanz-Jet in bewegten Bildern

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