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Der Jobmarkt dreht sich weltweit

Im letzten Teil unserer Serie blicken wir über die Grenzen. Deutlich wird: Die Lösungsansätze, um den demografischen Wandel zu meistern, sind vielfältig.
Von den MZ-Korrespondenten

Auch in anderen Ländern muss der demografische Wandel gemeistert werden. Foto: dpa

China: Eher alt als reich

Ohne China wäre in der Weltwirtschaft heutzutage nicht allzu viel los. Ein Heer billiger Arbeitskräfte war der Schlüssel zum Aufstieg. Doch Experten warnen seit Jahren, dass die Volksrepublik alt sei, bevor sie reich werde. Tatsächlich ist Chinas demografische Entwicklung eine tickende Zeitbombe. Die Geburtenkontrolle des Landes und das Heranwachsen der neuen Mittelschicht haben das Bevölkerungswachstum in den vergangenen 20 Jahren ausgebremst. Das Modell, Werkbank der Welt zu sein, hat sich bereits erledigt. Viele Fabriken klagen schon über fehlende Arbeitskräfte. Der wahre Mangel wird aber erst noch kommen. 2013 wird die Zahl verfügbarer Arbeitskräfte ihren Höhepunkt erreichen. Danach geht es rapide bergab. Kommen gegenwärtig 18 Personen, die 60 Jahre oder älter sind, auf 100 Personen zwischen 15 und 59, wird das Verhältnis nach Berechnungen der Vereinten Nationen bereits 2030 bei 40 zu 100 und im Jahr 2050 bei 64 zu 100 liegen. Zumindest ein Teil der Lösung heißt Zuwanderung. Tatsächlich ist das Potenzial gewaltig, denn bislang hat diese faktisch nicht stattgefunden. In den vergangenen Jahren wurden erstmals Gesetze auf den Weg gebracht, um eine reguläre Einwanderung und Einbürgerung zu ermöglichen. Beratungsfirmen wie „Manpower“ erwarten, dass sich die Volksrepublik in den kommenden Jahren zum größten Importeur von Arbeitskräften in Ost-Asien entwickeln dürfte. Länder wie Bangladesch, Malaysia, Burma oder die Philippinen müssen dann dafür sorgen, dass das Feuer des Drachen nicht ausgeht.

Frankreich: Nur scheinbar ein Vorbild

Frankreich scheint Deutschland in Bezug auf die demografischen Entwicklungen einen Schritt voraus. Dennoch beschert den Franzosen gerade ihre bequeme Ausgangslage nun Probleme.

Seit langem gilt Frankreich als Vorbild, wenn es darum geht, das Problem der Überalterung und deren Konsequenzen für den Arbeitsmarkt in den Griff zu bekommen. Denn zwischen beiden Ländern liegen etwa bei der Geburtenrate Welten: Kommen in Frankreich auf 1000 Einwohner 12,7 Geburten, sind es in Deutschland nur 7,9. Die Gründe hierfür liegen vor allem an der besseren Verfügbarkeit von Krippenplätzen, die Müttern eine rasche Rückkehr in den Beruf ermöglicht.

Die ausgeglichenen demografischen Verhältnisse führten aber dazu, dass sich die Franzosen über Jahrzehnte ein Renteneintrittsalter von 60 Jahren sowie verlockende Frührente-Regelungen leisteten, die das Sozialsystem heute stark belasten. Seit Beginn der Wirtschaftskrise entlassen jedoch immer mehr Unternehmen ihre „teuren“ älteren Arbeitskräfte: 22 Prozent der über 50-Jährigen sind arbeitslos – eine Verdopplung innerhalb der vergangenen 15 Jahre. Damit liegt ihr Anteil fast auf dem Niveau der unter 25-Jährigen (25,5 Prozent).

Trotz aller Schwierigkeiten stellen sich die Franzosen langsam auf die veränderten Bedingungen ein: So hat sich etwa der Sportartikelhersteller Décathlon verpflichtet, auf ein deutlich reiferes Verkaufspersonal zu setzen, das vor allem die ältere Kundschaft in den Bereichen Jagd-, Angel- und Golfsport besser beraten soll.

Kanada: Willkommen Zuwanderer!

Shoaib Khan steht im Anzug auf einem Campingplatz im Banff Nationalpark. Hinter seinem Rücken leuchten die schneebedeckten Gipfel der Rocky Mountains, als eine Richterin vor ihn tritt und sagt: „Wir freuen uns, dass Sie sich für Kanada entschieden haben.“ Dann erhält der gebürtige Pakistani seine Einbürgerungsurkunde.

Kanada zeigt sich gern von seiner besten Seite, wenn es Neubürger begrüßt. Denn das Land steht demografisch vor ähnlichen Herausforderungen wie Deutschland: Die Geburtenzahlen sind niedrig, die Bevölkerung wird immer älter, es fehlen Fachkräfte, insbesondere in den Boombrachen Öl und Rohstoffe. Kanada löst das Problem, indem es gezielt qualifizierte Zuwanderer wie den gelernten Maschinenbauer Khan anwirbt.

Dank Zuwanderung hat Kanada mit etwa fünf Prozent im Jahr die größte Bevölkerungszunahme aller G8-Industriestaaten. Etwa 250000 Neubürger heißt das Land jedes Jahr willkommen, vorzugsweise junge Menschen mit guter Ausbildung. Das ist eine der höchsten Zuwandererquoten weltweit. Fast jeder fünfte Bürger ist außerhalb des Landes geboren.

Die Kanadier sehen Zuwanderer nicht als Gefahr, sondern als eine Bereicherung. Nur etwa ein Viertel der Kanadier glaubt, dass das Land zu viele Immigranten aufnimmt.

Multikulturalismus ist offizielle Politik, steht sogar in der Verfassung. Der Staat ist per Gesetz verpflichtet, Jobs für Minderheiten zu schaffen und gibt etwa eine halbe Milliarde Dollar im Jahr für Integration aus.

Großbritannien: Mehr Briten als Deutsche

Im Jahre 2050 wird Großbritannien vielleicht nicht mehr Mitglied der EU sein. Aber wenn die Demografen recht behalten, sollte das Königreich bis zur Jahrhundertmitte das bevölkerungsreichste Land Europas werden. Während Deutschland laut den Prognosen des Washingtoner Forschungsinstituts „Population Reference Bureau“ um elf Millionen Einwohner schrumpfen wird, sollte Großbritannien um 15 Millionen Menschen zulegen und 2050 mit rund 77 Millionen Bewohnern das größte Land Europas sein.

Das liegt vor allem an zwei Gründen. Zum einen hat Großbritannien eine traditionell liberalere Einwanderungs- und Naturalisierungspolitik als Deutschland. Die letzte große Immigrationswelle erfolgte nach dem Beitritt der osteuropäischen Staaten zur EU. Seit Anfang 2004 sind rund eine Million Polen nach Großbritannien eingewandert. Zum anderen liegt die Fertilitätsrate im Königreich höher. Während in Deutschland auf jede Frau durchschnittlich 1,3 Kinder kommen, sind es in Großbritannien 1,9 Kinder, die höchste Rate seit 30 Jahren.

Doch die Bevölkerung altert zugleich, weil die Leute gesünder werden. Die Regierung hat schon angekündigt, das Rentenalter sukzessive erhöhen zu wollen: bis 2020 solle es auf 66 und danach bis auf 68 Jahre ansteigen. Allerdings zeigt sich schon jetzt, dass viele im Alter im Berufsleben verbleiben wollen. Eine kürzliche Untersuchung ergab, dass ein Viertel der 65- bis 74-Jährigen weiterhin arbeitet – hauptsächlich deswegen, weil man sich einen Ruhestand finanziell nicht leisten kann.

Polen: Ein junges Land altert schnell

Polen ist ein junges Land. Der Altersschnitt der Bevölkerung liegt bei 38 Jahren (Deutschland: 44,5). Wichtigster Grund dafür ist ein Babyboom in den 80er Jahren. Nach der Niederlage des Solidarnosc-Aufstandes 1981 wandten sich viele Menschen dem Privatleben zu. Hinzu kommen die starken Familientraditionen in dem katholischen Land sowie eine geringere Lebenserwartung als in Westeuropa.

All dies wandelt sich jedoch rasant. Die Geburtenrate ist von 2,1 (1990) auf 1,3 gesunken und damit auf einen niedrigeren Wert als im kinderarmen Deutschland (1,39). „Polen wird ein dramatisches demografisches Problem bekommen“, warnt der Warschauer Soziologe Gavin Rae. Mehr noch: Nach der EU-Osterweiterung haben fast zwei Millionen Polen ihr Land verlassen – trotz des ökonomischen Dauerbooms. Meist waren dies junge und flexible Menschen.

Versuche, die Auswanderer mit einer Anwerbepolitik in ihre Heimat zurückzuholen, sind gescheitert. Die Regierung hat deshalb an anderen Stellschrauben gedreht. Sie hat die Rente mit 67 eingeführt und bessere Betreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder geschaffen. Zugleich ist es allerdings nicht gelungen, die Arbeitsbedingungen für junge Beschäftigte zu verbessern. Viele der unter 30-Jährigen arbeiten auf Grundlage sogenannter Müllverträge, die keine soziale Absicherung bieten.

Was Polen stark macht, sind die vielen kleinen und mittleren Unternehmen, die für eine hohe Innovationsbereitschaft stehen. Es herrscht eine Gründermentalität, die in Europa Ihresgleichen sucht.

Österreich: Geräuschlose Einigung

Im Prinzip ähnelt die demografische Entwicklung in Österreich der in Deutschland. Nur ist sie nicht so dramatisch: Weil der Babyboom ein paar Jahre später kam, drängen noch nicht so viele ins Rentenalter. Bis 2030, so die Annahme, dürfte sich die Zahl der Erwerbstätigen wenigstens nicht verringern. Dafür liegt das Rentenantrittsalter mit durchschnittlich 58,9 Jahren bei Männern und 57,5 Jahren noch deutlich niedriger als in Deutschland. Per Gesetz gehen Männer mit 65, Frauen noch immer mit 60 in Rente. Unter den mildernden Faktoren steht an erster Stelle die Zuwanderung aus EU-Ländern. Deutschland ist das wichtigste Herkunftsland; seit Jahren wandern mehr Deutsche nach Österreich aus als umgekehrt.

Begegnet wird dem demografischen Problem langsam, geräuschlos, aber auch effizient. Wie in Österreich üblich, haben sich die Sozialpartner – die Kammern der Wirtschaft, der Arbeiter, der Bauern sowie die Gewerkschaften – auf eine gemeinsame Strategie geeinigt. Nicht nur Arbeitnehmer sollen zu längerem Arbeiten ermuntert werden, auch für Arbeitgeber soll der Anreiz steigen, Ältere länger im Betrieb zu halten. Für Jugendliche soll schrittweise eine Ausbildungspflicht eingeführt werden. Kinderbetreuungseinrichtungen werden schon jetzt ausgebaut. Die Entwicklung „altersgerechter“ Arbeitsplätze stecke noch in den Kinderschuhen, sagt Helmut Mahringer, Arbeitsmarktexperte beim Wirtschaftsforschungsinstitut in Wien. Mit arbeitsintensivem Wachstum wird vor allem bei den Dienstleistungen gerechnet.

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