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Gute Gründe für das Leben am Land

Im Kampf gegen die Abwanderung sind kreative Lösungen gefragt. Eine Gemeinde im Oberpfälzer Wald stemmt sich gegen den Trend hin zur Metropole.
Von Reinhold Willfurth, MZ

Krippe, Kindergarten und Schule unter einem Dach: Stolz präsentiert Bürgermeister Josef Beimler das Waldthurner Kinderhaus.Foto: Gabi Schönberger

waldthurn/regensburg. Der halbe Gemeinderat mit den drei Bürgermeistern gab sich die Ehre, Pfarrer Janusz Kropiewnicki erteilte den kirchlichen Segen, und die beiden frisch gebackenen Geschäftsfrauen durften sich der Sympathien der Waldthurner erfreuen. Alles nur deshalb, weil die ehemaligen Bediensteten des aufgelassenen „Schlecker“-Marktes die Chance ergriffen und den kleinen Lebensmittelladen mitten im Dorf übernahmen, dem ebenfalls die Schließung drohte.

Wieder ein kleiner Sieg für Bürgermeister Josef Beimler und seinen Gemeinderat im Kampf gegen Abwanderung und Überalterung. „Überlebenswichtig“ für den Bestand einer Gemeinde sei so ein Nahversorgungsladen, sagt Beimler, der die Gründerfrauen nach Kräften unterstützte.

Lichtblicke aus dem Kreißsaal

Die Selbstständigkeit Waldthurns ist tatsächlich in Gefahr, wenn sich die Entwicklung der letzten Jahre fortsetzt. Vor zehn Jahren, als Beimler erstmals gewählt wurde, hatte der verträumte Ort zu Füßen des 800 Meter hohen Fahrenbergs im Oberpfälzer Wald noch 2250 Einwohner. In diesem Jahr werden erstmals seit langer Zeit weniger als 2000 Menschen in der Gemeinde leben, obwohl Beimler Erfreuliches von der Geburtenstatistik vermelden kann: 17 Kinder wurden in diesem Jahr geboren, vor zwei Jahren waren es nur drei. Aber es hilft nichts, zu viele Menschen haben Waldthurn 2012 den Rücken gekehrt. Der Ort ist ein Paradebeispiel für die schon jetzt sichtbaren Folgen des demografischen Wandels in Regionen Bayerns, denen die Statistiker für die Zukunft düstere Aussichten prophezeien. Die Gemeinde im Dunstkreis der kreisfreien Stadt Weiden („fünf Minuten zum Wald, 15 Minuten in die Stadt“) ist aber auch ein gutes Beispiel dafür, wie man sich gegen den Trend stemmt.

Die Grundschule zum Beispiel, 1970 für 350 Kinder gebaut, hat die Gemeinde vorbildlich generalsaniert und an den Bedarf von derzeit 86 Kindern angepasst. In die frei gewordenen Räume sind ein dreigruppiger Kindergarten und eine Kinderkrippe eingezogen. Berufstätige Eltern können also ihre Kinder morgens unter einem Dach unterbringen, bevor sie zur Arbeit nach Weiden fahren. Geradezu paradiesische Preisverhältnisse herrschen auf dem Immobilienmarkt: Ab 40000 Euro ist in der Landgemeinde ein gebrauchtes Haus zu haben. Auch für die älteren Bewohner wird viel getan: Damit die Senioren nicht ins ferne Pflegeheim ziehen müssen, erledigt eine freundliche junge Frau Botengänge für sie oder bringt sie mit dem Auto zu einer der drei Ärzte am Ort. Große Hoffnungen setzt Bürgermeister Beimler auf ein Gesundheitszentrum mit betreuten Wohnungen, zu dem mehrere ältere Gebäude auf dem Marktplatz umgebaut werden sollen. Mit einem ernsthaften Investor wird verhandelt. Beimler hofft auf ein Leuchtturmprojekt für den Ortskern: Ausgerechnet den Herzen der ländlichen Gemeinden in der Oberpfalz droht der Infarkt wegen Überalterung und einem merkwürdigen Desinteresse von Neubürgern, sich gerade hier anzusiedeln.

Kommunen müssen kooperieren

Willi Perzl vom Amt für ländliche Entwicklung in Regensburg freut sich, dass das heikle, negativ besetzte Thema „Demografie“ in den Oberpfälzer Gemeinderäten angekommen sei und dort offen diskutiert werde. Für seine Behörde ist die demografische Entwicklung neben der Energiewende und dem Klimawandel das Top-Thema der nächsten Jahre. „Wir müssen akzeptieren, dass wir älter und weniger werden“, sagt der Abteilungsleiter für Land- und Dorfentwicklung. Sein Amt hat die Außengestaltung des kleinen Marktladens in Waldthurn gefördert und wird sich auch am behindertengerechten Umbau des Eingangs beteiligen. Im nächsten Jahr packt seine Behörde zusammen mit der Gemeinde die Dorferneuerung an, die sich auf den Waldthurner Marktplatz, das schwächelnde Herz der Gemeinde, konzentriert. Mit bis zu 60000 Euro – bei wertvoller Bausubstanz – greift das Amt Bauherren unter den Arm, die ein Haus im Ortskern sanieren. Überhaupt die Finanzen: Wer bezahlt eigentlich den Kampf gegen die Folgen der Demografie? Für Willi Perzl ist klar: Solche Aufgaben können Kommunen nur zusammen mit anderen Gemeinden lösen. In Waldthurn, dem es an nahe gelegenen Nachbarn mangelt, hat man alle Register staatlicher Fördermöglichkeiten gezogen. Für die Sanierung der Schulturnhalle inklusive Hackschnitzelheizung lag der Fördersatz sogar bei hundert Prozent. Trotzdem bleiben rund eine Million Euro Kosten an der Gemeinde hängen. Diese seien wegen guter Steuereinnahmen verkraftbar, sagt Beimler, auch wenn er „eigentlich Schulden abbauen“ wollte. Doch allein damit könnte er sein Fernziel von 2500 Einwohnern für Waldthurn wohl vergessen.

2025 schrumpft auch Regensburg

2500 – so viele Menschen sind allein in diesem Jahr unterm Strich nach Regensburg gezogen. Für Dieter Daminger, Kämmerer, Wissenschafts- und Wirtschaftsreferent der Stadt, ist der bislang ungebrochene Boom der Oberpfälzer Hauptstadt trotz schwieriger Hausaufgaben eine „schöne Herausforderung“. Gestützt auf die Rekord-Gewerbesteuer von 253 Millionen Euro in diesem Jahr und einem Einkommenssteuer-Anteil von durchschnittlich 67 Millionen Euro jährlich kann die Stadt in den nächsten drei Jahren satte 474 Millionen Euro investieren – wieder ein Rekord.

Die Schattenseiten des Regensburger Booms lassen sich so leichter angehen. Zum Beispiel teure Immobilien und Mieten: „Wir weisen neue Wohnbauflächen für kleinere Reihenhäuser aus und werden im neuen Jahr bei Neubauten den Anteil von öffentlich geförderten Wohnungen erhöhen“, sagt Daminger. Auch an einen Zuschuss pro Kind sei gedacht. Der Staat habe die Aufsteigerrolle Regensburgs erkannt und fördere Verkehrsprojekte wie den vierspurigen Ausbau der A3 und die Ostumgehung. Auch in Regensburg gehe freilich nichts ohne die Zusammenarbeit mit den Nachbarn.

Natürlich wird auch Regensburg älter werden und schrumpfen –wenn auch später als die Kommunen etwa in der Nordoberpfalz. Wenn in zehn, 15 Jahren auch dort die Spuren des demografischen Trends zutagetreten, hofft Daminger, dass sich das „Nette Nachbarn“-Konzept, das Bürgermeister Joachim Wolbergs derzeit auf den Weg bringt, längst etabliert und der Regensburger Einzelhandel das Marktpotenzial, das ältere Einwohner bieten, für sich zu nutzen weiß.

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