MyMz
Anzeige

Lebenslanges Lernen wird zum Alltag

Künftig sollte Weiterbildung stärker in das Arbeitsleben integriert sein, sagt ein Experte. Manche leben das schon heute.
Von Louisa Knobloch, MZ

Viel Potenzial: Die Hochschule Regensburg bietet aktuell fünf berufsbegleitende Bachelor- und Masterstudiengänge an. Foto: www.florianhammerich.com

Regensburg. Wenn Fabrice Ringer am Freitag gegen 13 Uhr die Maschinenbaufirma verlässt, in der er arbeitet, hat er noch lange nicht Feierabend. Dann setzt sich der 30-Jährige ins Auto und fährt rund 130 Kilometer von München nach Regensburg. Um Viertel nach drei beginnt hier für ihn der Unterricht. Neben seinem Vollzeitjob ist Fabrice Ringer seit einigen Wochen auch Student – an der Hochschule Regensburg ist er im ersten Semester für den berufsbegleitenden Bachelor Systemtechnik eingeschrieben.

Mit Weiterbildung hat der junge Familienvater schon Erfahrung: Nach einer Ausbildung zum Technischen Zeichner begann er mit 23 – seine erste Tochter war gerade auf der Welt – eine berufsbegleitende Fortbildung zum staatlich geprüften Maschinenbautechniker und holte in diesem Rahmen auch das Fachabitur nach. Nun also das Bachelorstudium: „Systemtechnik hat von den Inhalten am besten zu den Aufgaben gepasst, die ich derzeit habe“, sagt Ringer.

Von Weiterbildung profitieren alle

Eine Weiterbildungskarriere wie die von Fabrice Ringer könnte in Zukunft alltäglich sein. „Der Trend geht dahin, dass das Erwerbsleben unterbrochen wird durch kürzere und längere Phasen von Ausbildung und Qualifizierung“, sagt Prof. Dr. Lutz Bellmann vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Konkret heißt das: Nach der Ausbildung oder dem Bachelorstudium starten junge Menschen in den Beruf, arbeiten ein paar Jahre und absolvieren dann – neben dem Beruf oder in Vollzeit – eine weiterführende Qualifizierung oder ein Masterstudium. „So lassen sich die erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten immer wieder aktuell halten und erweitern“, so Bellmann.

Nach der Erstausbildung schnell ins Berufsleben starten – dafür plädiert auch Stephan Kammerer, Leiter der IHK-Akademie in Ostbayern. „Durch den demografischen Wandel schrumpft die Bevölkerung – deshalb müssen wir die jungen Menschen schnell in den Arbeitsmarkt integrieren.“ Ein hervorragendes Instrument sei hier die duale Ausbildung, sagt Kammerer. „Nach drei Jahren stehen die Absolventen den Unternehmen als Fachkräfte zur Verfügung.“ Unter dem Motto „Karriere mit Lehre“ sei eine Weiterbildung dabei jederzeit möglich – etwa vom Industriekaufmann zum Industriefachwirt oder vom Industriemechaniker zum Industriemeister.

Eine Weiterbildung nutze sowohl Arbeitnehmern und Arbeitgebern als auch der Gesellschaft, sagt Bellmann: Die Arbeitnehmer könnten dadurch ihre Karriereperspektive verbessern – auch was Arbeitszufriedenheit und Gehalt angehe – und ihr Risiko, arbeitslos zu werden, senken. Arbeitgeber profitierten, weil ihre Beschäftigten so immer auf dem aktuellen Stand seien und sie Arbeitskräfte passgenau qualifizieren könnten. „Und für die Gesellschaft ist klar: Wenn es weniger Fachkräfteprobleme und eine geringere Arbeitslosigkeit gibt, dann ist das auch gut für das Wirtschaftswachstum, das wir ja dringend brauchen.“

Insgesamt 42 Prozent der 18- bis 64-Jährigen haben nach Angaben des Bundesbildungsministeriums 2010 an Weiterbildungsveranstaltungen teilgenommen – hauptsächlich aus beruflichen Gründen. Bei 74 Prozent der Befragten handelte es sich um kürzere Aktivitäten mit einer Dauer von einigen Stunden bis zu mehreren Tagen. Eine Weiterbildungsmaßnahme über mehrere Wochen oder Monate machten 25 Prozent der Befragten.

Auch ohne Abitur zum Bachelor

Zu solchen längeren Weiterbildungen zählen auch berufsbegleitende Bachelor- und Masterstudiengänge. Hier haben die Hochschulen in den vergangenen Jahren ihr Angebot ausgebaut. Die Hochschule Regensburg bietet aktuell drei Masterstudiengänge – Business Administration, Leitung und Kommunikationsmanagement sowie Automotive Electronics – und zwei Bachelorstudiengänge an. Neben Systemtechnik startet zum Sommersemester 2013 der berufsbegleitende Bachelor Betriebswirtschaft.

Das Besondere: Auch ohne Abitur können sich beruflich Qualifizierte für die Bachelorstudiengänge einschreiben. Ermöglicht hat das in Bayern die Änderung des Hochschulgesetzes im Jahr 2009. Voraussetzungen für ein Studium sind eine abgeschlossene Berufsausbildung und Berufserfahrung, eine bestandene Meisterprüfung oder der Abschluss einer Fachschule oder Fachakademie etwa als Techniker oder Fachwirt. Einer Studie des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) zufolge hat sich die Zahl der Studienanfänger ohne Abitur seit 2007 nahezu verdoppelt – auf 2,1 Prozent.

Die Öffnung der Hochschulen für beruflich Qualifizierte sieht auch Prof. Dr. Lutz Bellmann positiv: „Das ist wichtig und schafft zusätzliche Möglichkeiten.“ Allerdings würden diese noch nicht ausreichend genutzt: „In dem Bereich gibt es noch ein großes unausgeschöpftes Potenzial.“

Dem stimmt Marco Häusler vom Zentrum für Weiterbildung und Wissensmanagement (ZWW) der Hochschule Regensburg zu. „Viele wissen noch gar nicht, dass es diese Möglichkeit gibt.“ Dabei sei es ideal, dass die Teilnehmer während des Bachelorstudiums im Beruf bleiben könnten. Das Einkommen bleibt so erhalten – zeitlich bedeutet das aber eine Doppelbelastung. Fabrice Ringer hat am Freitagnachmittag und am Samstag Lehrveranstaltungen, für ein Tutorium am Mittwochabend fährt er zusätzlich nach Regensburg. „Wenn meine Frau nicht hinter mir stehen würde, hätte ich den Studiengang sicher nicht belegen können“, sagt er. Den Sonntag reserviert er für seine beiden Töchter.

Auch ältere Arbeitnehmer werden als Zielgruppe für Weiterbildungen interessanter. Denn aufgrund der steigenden Lebenserwartung müssen wir künftig länger arbeiten – Stichwort Rente mit 67 oder gar 70. „Wenn die Verbleibdauer im Betrieb steigt, wird auch das Interesse zunehmen, im Bereich Weiterbildung etwas zu machen, weil sich die Qualifizierungsmaßnahme dann rentiert“, sagt Bellmann.

Mehr Fortbildungen für Ältere

Die Teilnehmer an den Kursen der IHK-Akademie sind derzeit in der Regel zwischen 22 und 45 Jahre alt. „Unternehmen werden durch den Fachkräftemangel in Zukunft aber gefordert sein, auch ältere Mitarbeiter zu einer Weiterbildung zu animieren“, sagt Stephan Kammerer. Aktuell würden nur 20 Prozent der 45- bis 67-Jährigen an Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen – „diese Zahl muss sich verdrei- oder vervierfachen.“ Anbieter von Weiterbildungsangeboten wie die IHK-Akademie müssten sich dabei auf die älter werdenden Teilnehmer einstellen: Etwa durch kleinere Gruppen, andere Lernmaterialien und praxisorientiertere Prüfungen. „Hier müssen wir investieren, um das Potenzial der älteren, erfahrenen Mitarbeiter auszuschöpfen.“

Aber auch Berufseinsteiger sollten von vornherein darauf achten, Weiterbildungschancen, die sich ihnen bieten, auch zu nutzen, sagt Bellmann. So wie Fabrice Ringer. „Stillstand ist immer schlecht“, sagt er. „Das Berufsleben ist so schnelllebig – ich versuche daher, alles mitzunehmen, was geht.“ Deshalb soll für ihn nach dem Bachelor auch noch nicht Schluss sein: Sein nächstes Ziel ist ein Masterabschluss.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht