MyMz
Anzeige

Mit 67 Freude am Job – ein Glück

Wer über 55 Jahre alt ist, hat es auf dem Arbeitsmarkt nach wie vor schwer. Das wird wohl auch in Zeiten der Rente mit 67 nicht unbedingt besser. Doch es gibt Ausnahmen, wie unsere Beispiele aus Regensburg zeigen.
Von Heike Sigel, MZ

Sie werden gebraucht, geschätzt und arbeiten gerne weiter: Franz Mätz (l) und Erwin Madl (r) Foto: Tino Lex

Regensburg.. Die Ressource Mensch wird wertvoller. Unternehmen kämpfen mit ausgefeilten Recruiting-Aktionen um die besten Köpfe, Arbeitgeber entdecken junge, gut ausgebildete Mütter plötzlich als potenzielle Mitarbeiter. Der demografische Wandel macht sich längst in der Arbeitswelt bemerkbar. Nur eine Zielgruppe stand bisher bei den Entscheidern in der Wirtschaft nicht wirklich im Fokus: die Menschen jenseits der 55. Langsam findet ein Umdenken statt, allerdings nur hinsichtlich spezialisierter Fachkräfte. „Instrumente wie das Altersteilzeitgesetz wurden in den letzten Jahren hauptsächlich dazu genutzt, die Belegschaft zu verjüngen, was grundsätzlich auch im Interesse vieler älterer Arbeitnehmer war“, gibt Dr. Christian Schild, Rechtsanwalt und Arbeitsrechtsspezialist aus Regensburg, zu bedenken. Der Jurist berichtet aus seiner langjährigen Praxis, wenn er sagt: „Die Altersteilzeitmodelle sind in der Regel nicht dafür da, die älteren Arbeitnehmer ans Unternehmen zu binden, sondern um sich von ihnen zu verabschieden. Auch jetzt ist der Arbeitsmarkt den über 55-Jährigen nahezu verschlossen.“

Es gibt genügend Ü-55-Arbeitslose

Ein Trend, den auch Andreas Reidl, Chef der „Agentur für Generationen-Marketing“ in Nürnberg, bestätigt: „Es gibt mehr als genügend über 55-Jährige, die bei der Agentur für Arbeit nichts finden.“ Dennoch: Große Konzerne bilden Demografie-Arbeitsgruppen, machen sich über eine altersgerechte Arbeitsplatzgestaltung Gedanken und wollen nach eigenen Angaben die älteren Mitarbeiter und deren Wissen so lange wie möglich im Unternehmen halten. Ein „gleitender“ Übergang in die Rente, am liebsten Vollzeitbeschäftigung bis 67: alles Lippenbekenntnisse und mehr den Realitäten einer alternden Gesellschaft denn wirklicher Überzeugung geschuldet? Alexander Götz, Chef der Götz-Gruppe, einem führenden Facility-Management-Unternehmen mit Hauptsitz in Regensburg, vertritt eine andere Philosophie: „Wir forcieren die Altersteilzeit nicht. Wenn, dann kommen die Leute zu uns, weil sie das selbst möchten. Wir stellen gerne über 50-Jährige ein.“

Die älteren Mitarbeiter seien loyal, „Jobhopping“ gäbe es in dieser Generation kaum. „Diese Leute bleiben im Unternehmen, sind erfahren, gelassen und belastbar.“ Einige seiner langjährigen Mitarbeiter hat der Firmenchef eingestellt, als sie die Altersgrenze von 55 Jahren längst überschritten hatten. „Ich schaue in erster Linie auf die Qualifikation und Motivation der Bewerber“, sagt Alexander Götz und beteuert: „Ich würde nie jemanden aus Altersgründen kündigen.“

Franz Mätz gehört seit 34 Jahren zur Götz-Gruppe, ist seit 51 Jahren berufstätig. Mit seinen 67 Jahren arbeitet er noch Vollzeit als Bereichsleiter in Regensburg und denkt nach eigenen Angaben gar nicht ans Aufhören. „Solange ich gesund bin und Spaß an meiner Arbeit habe, gibt es keinen Grund dafür. Ich plane, auf jeden Fall bis Ende 2013 voll zu arbeiten. Danach könnte ich als Teilzeitkraft meinem Nachfolger wertvolle Tipps geben.“ Der Senior steht voll im Leben und zu „seiner“ Firma. Weil er mit über 65 unbegrenzt dazuverdienen kann, rechnet sich sein Engagement auch finanziell. „Ich habe drei Kinder und drei Enkel. Meine Tochter muss nach der Geburt des Kindes beruflich kürzertreten, da kann der Opa natürlich sponsern. Das ginge nur mit meiner Rente natürlich nicht“, erzählt er stolz und mit einem fast jugendlichen Schalk in den Augen.

Sein 64-jähriger Kollege Erwin Madl bezieht seit April 2012 Rente. Er ist seit 32 Jahren bei Götz und inzwischen dort geringfügig beschäftigt. Der Rentner muss in seinem Alter die gesetzliche Hinzuverdienstgrenze in Höhe von 400 Euro brutto monatlich einhalten, will er keine finanziellen Einbußen bei seinen Altersbezügen riskieren. Madl ist Objektleiter in Kelheim, hat weiter Freude an der Arbeit und fühlt sich vor allem „seinen Leuten verpflichtet“. „Vollzeit will ich zwar nicht mehr arbeiten, aber ich kann mir schon vorstellen, mit 65 Jahren zeitlich nochmal aufzustocken.“ Er kennt die Lebensumstände vieler Ruheständler und stellt klar: „Ich käme mit meiner Rente zurecht. Aber es gibt 70-jährige Rentnerinnen, die müssen im Alter putzen gehen, weil sie sonst finanziell nicht klarkämen.“ Gerade die Älteren, das bestätigen sowohl Erwin Madl als auch Franz Mätz, würden ihre Arbeit besonders gut machen. Beide Rentner stehen der Rente mit 67 grundsätzlich positiv gegenüber. Schließlich müssten auch Akademiker genügend Versicherungsjahre erreichen können. Eine „faire, soziale Ausgleichsklausel“ halten sie jedoch für unabdingbar: „Wenn jemand körperliche Leiden und 45 Jahre einbezahlt hat, dann muss er ohne Abzüge in Rente gehen können.“

Durchhalten bis 67 wird schwer

Die Götz-Gruppe ist mit ihrem vergleichsweise hohen Anteil an erfahrenen Arbeitnehmern eine Ausnahme. Eine Umfrage unter IG Metall-Betriebsräten im Sommer dieses Jahres ergab, dass nur noch in den wenigsten Betrieben Arbeitnehmer im Alter von mehr als 60 Jahren beschäftigt sind. Qualifizierungsangebote für Ältere oder eine altersgerechte Arbeitsplatzgestaltung gebe es kaum. Andererseits bestehe nur in jeder fünften Firma die Möglichkeit, vor dem gesetzlichen Rentenalter aus dem Erwerbsleben auszuscheiden. Der demografische Wandel und der damit einhergehende Arbeitskräftemangel erhöhen den Rationalisierungsdruck. Wer dem nicht mehr gewachsen ist, geht lieber früher in Rente und muss dafür eine lebenslange Rentenkürzung hinnehmen. „Ich kenne keine Krankenschwester, die mit 67 Jahren noch einen Patienten heben kann. Ich möchte auch von einer 67 Jahre alten Krankenschwester nicht mehr gehoben werden“, sagte der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel kürzlich in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Wird aber genau das in Zukunft die Realität sein? Dr. Christian Schild jedenfalls ist Realist: „Die meisten Arbeitnehmer werden gezwungen sein, bis zum Erreichen der Lebensaltersgrenze zu arbeiten. Die älteren Arbeitnehmer haben in der Regel keine Chance mehr, zum Beispiel mit einem Teilzeitmodell in den Ruhestand zu gleiten – außer sie verdienen gut und können es sich leisten.“

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht