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Die Männer fürs Unterirdische

Als Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice muss sich der 18-jährige Bastian Becher vielen Vorurteilen stellen.
Von Anna-Maria Ascherl, MZ

Bastian Becher (l., mit seinem Kollegen Matthias Tiedge) hat eine Ausbildung zur Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice gemacht. Er steigt aber nicht regelmäßig in den Kanal, sondern arbeitet stattdessen mit viel Technik. Foto: Ascherl
Bastian Becher (l., mit seinem Kollegen Matthias Tiedge) hat eine Ausbildung zur Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice gemacht. Er steigt aber nicht regelmäßig in den Kanal, sondern arbeitet stattdessen mit viel Technik. Foto: Ascherl

Regensburg.„B. B.“ steht auf den neongelben Handschuhen, die sich der Kanalinspekteur überzieht. Korrekt heißt das „Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice“. Und die Initiale B. B. stehen für Bastian Becher. Ordnung muss sein in dem schwarz-orangen LKW, der in der Wilhelm-Raabe-Straße in Regensburg steht. Der 18-jährige Becher inspiziert dort zusammen mit seinem Kollegen Matthias Tiedge das fünf Jahre alte Kanalsystem. Sie überprüfen, ob sich bereits Risse in den Rohren gebildet oder sich die Wurzeln eines Baumes Zutritt zum Abwasser verschafft haben.

Drei Jahre dauert die Ausbildung, die Bastian Becher bei der Kelheimer Firma Pöppel Abfallwirtschaft und Städtereinigung GmbH absolviert hat. Nach der Hauptschule wollte der damals 15-Jährige ins Handwerk. Das Praktikum bei der Firma Pöppel war sein Einstieg in einen Beruf, der für viele Menschen mit Vorurteilen behaftet ist. Auch einige Freunde waren skeptisch – aber nicht lange: „Sie haben eingesehen, dass es wichtig ist, was wir tun.“ Und dass ihre Vorstellung von Bastians Arbeit nichts mit der Realität zu tun hatte.

Ständig in Bereitschaft

Der 18-jährige Bastian Becher hat erst vor Kurzem seine Ausbildung abgeschlossen. Foto: Ascherl
Der 18-jährige Bastian Becher hat erst vor Kurzem seine Ausbildung abgeschlossen. Foto: Ascherl

Im Grunde sorgen die Männer in den leuchtend orangen Overalls dafür, dass Kanäle dicht sind und das Abwasser dahin fließt, wohin es soll – nämlich in die Kläranlage. Sind Risse oder Löcher in den Rohren, sickert Abwasser in die Erde. Dort könnte es das Grundwasser verunreinigen. Das versuchen Becher und seine Kollegen zu verhindern. Wenn es einen Notfall gibt, muss es schnell gehen. Dann rücken sie auch nachts und an Wochenenden aus. „Wir sind eben Dienstleister. Wenn der Kunde uns braucht, sind wir da“, sagt Matthias Tiedge.

Ein ganz normaler Arbeitstag beginnt für Bastian Becher um halb 7. Wenn das Auto für den Einsatz gerüstet ist, geht es „raus“. Das kann Regensburg sein – aber auch München oder Passau. Ein Team besteht immer aus zwei Personen. Sie sind nötig, um die Geräte im LKW zu bedienen, und geben sich gegenseitig Rückendeckung.

High-Tech kommt zum Einsatz

Matthias Tiedge ist seit 20 Jahren in der Branche tätig. Wenn er in Regensburg arbeitet, trifft er auf die nettesten Leute, erzählt er. „Die haben vollstes Verständnis für unsere Arbeit.“ Auch, wenn er und sein Team Halteverbotsschilder aufstellen müssen. Ärger bleibt trotzdem nicht aus, wenn trotz tagelanger Ankündigung Autos vor dem Schacht parken. Lässt sich über die Polizei der Halter nicht ausfindig machen, müssen die Fahrzeuge wohl oder übel abgeschleppt werden. „Das dürfen wir, weil wir eine verkehrsrechtliche Genehmigung von der Stadt bekommen haben“, erklärt Tiedge.

Das Innere des LKW ist mit viel Technik ausgestattet. Auf drei Bildschirmen verfolgt Matthias Tiedge die Bilder, die die Kamera liefert. Foto: Ascherl
Das Innere des LKW ist mit viel Technik ausgestattet. Auf drei Bildschirmen verfolgt Matthias Tiedge die Bilder, die die Kamera liefert. Foto: Ascherl

Schulkinder kommen auf ihrem Nachhauseweg am offenen Schacht in der Wilhelm-Raabe-Straße vorbei und lugen neugierig hinein. Sie befühlen einen Wasserschlauch, der über einen Hydranten die Tanks des LKW wieder auffüllt. Und sie beäugen den Fahrwagen mit der sogenannten Schere. Sie ist dreh- und schwenkbar und mit Sensoren und einer Kamera ausgestattet. Gesteuert wird das Gerät von Matthias Tiedge per Joystick. Er sitzt im LKW und beobachtet über drei Bildschirme die Bilder, die die Kamera liefert.

Die Männer erstellen so eine Fotodokumentation vom Schacht, nehmen eventuelle Schäden auf. Die Kamera erkennt sogar millimetergroße Risse im Rohr. „Wenn die Haltung gefahren ist, sind die Seitenanschlüsse dran“, erklärt Becher. Haltung nennt man die Verbindungsstrecke eines Abwasserkanals zwischen zwei Schächten.

Der Verband der Rohr- und Kanal-Technik-Unternehmen e.V. zeigt in diesem Imagevideo, wie die Fachkräfte arbeiten:

Meistens bekommen die „Kanaluntersucher“ vom Kunden einen Plan, auf dem die Haltung und die Seitenanschlüsse verzeichnet sind, genauso wie die Rohrdurchmesser, das Material, Schachttiefen und -nummern. Gibt es so einen Plan nicht, vermessen die Fachleute den Kanal selbst und erstellen eine 3D-Grafik. Bei der Kanalinspektion wird High-Tech eingesetzt, Soft- und Hardware sind auf dem neuesten Stand.

„Das war schon schwer am Anfang, frisch von der Schule mit der ganzen Technik klarzukommen“, sagt der 18-jährige Becher. Deshalb steht im ersten Lehrjahr erst einmal das Kennenlernen der Gerätschaften und Arbeitsabläufe an erster Stelle.

Entgegen der landläufigen Meinung müssen die „Kanalinspekteure“ nicht mehr ständig selbst in den Kanal steigen. Foto: Ascherl
Entgegen der landläufigen Meinung müssen die „Kanalinspekteure“ nicht mehr ständig selbst in den Kanal steigen. Foto: Ascherl

Die meiste Arbeit passiert tatsächlich im LKW, in den Kanal gehen die Fachkräfte nur selten. Das Image des Kanalarbeiters, der ständig in dunklen, stinkenden Schächten herumkriechen muss, stimmt so nicht. „Ich war in meiner dreijährigen Ausbildung vielleicht fünf Mal im Kanal“, erzählt der 18-jährige Becher. „Klar, Abwasser bleibt Abwasser – aber wir treten trotzdem gepflegt und sauber auf“, sagt Tiedge. Vorurteile ließen sich aber nie ganz ausräumen.

Wie lang ist eigentlich das Kanalnetz, um das sich die Fachkräfte kümmern müssen? Wir haben im Video einige Daten gesammelt:

Fakten zur Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industr

Die Arbeit als Fachkraft für Rohr-, Kanal- und Industrieservice ist herausfordernd: „Du musst zu je einem Drittel LKW-Fahrer, IT-Spezialist und Handwerker sein“, sagt Tiedge. Gute Mathe-, Physik- und Chemiekenntnisse würden laut seinem Chef Michael Pöppel auch nicht schaden. Leider werde es immer schwieriger, Nachwuchs zu finden, der auch geeignet ist, sagt Pöppel: „Die Anforderungen an den Beruf sind über die letzten Jahre stark angestiegen, bedingt durch komplexere Technik und die zunehmende Digitalisierung von Arbeitsabläufen.“ Zusätzlich versprühe die Abfallwirtschaftsbranche keinen allzu großen Charme, fügt Michael Pöppel hinzu. Im Vergleich mit der Konkurrenz aus der Industrie sei sein Unternehmen oft nur dritte oder vierte Wahl.

Dabei verdienen die Auszubildenden für Rohr-, Kanal- und Industrieservice im ersten Ausbildungsjahr etwa 671 Euro, im zweiten Jahr 726 Euro und im dritten 803 Euro. Der Richtwert für das Einstiegsgehalt liegt zwischen 1800 und 2200 Euro brutto.

Bastian Becher (l.) und Matthias Tiedge schieben die Schere in die Röhre. Foto: Ascherl
Bastian Becher (l.) und Matthias Tiedge schieben die Schere in die Röhre. Foto: Ascherl

Tiedge und Becher betonen: Monoton wird ihre Arbeit nie. Jeder Tag sei anders, es gebe ständig neue Probleme, die bewältigt werden müssen. „Das machts’s spannend!“ Becher will jetzt Berufserfahrung sammeln und sich dann weiterbilden. Möglichkeiten gibt es viele, etwa die Fortbildung zum Abwassermeister oder Techniker. Er ist sich sicher: Sein Beruf hat Zukunft.

Weitere Teile der Serie „Mit Herz und Hand“ finden Sie hier.

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