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Neue Balance für die alternde Gesellschaft

Die Herausforderungen des demografischen Wandels sind groß. Eines scheint klar: Wir brauchen mehr Beschäftigung auf dem Arbeitsmarkt. Die MZ zeigt in einer neuen Serie, wo wir heute stehen und was uns in Zukunft erwarten wird.
Von Bernhard Fleischmann, MZ

Jung und alt: Jeder sollte für sich alleine stehen können, um ein gesundes Miteinander zu gestalten. Das schließt gegenseitige Hilfe aber nicht aus. Foto: dpa

Regensburg. Wir werden älter, und wir werden weniger. Bekannt ist das seit langem – wurde aber von einer desinteressierten Öffentlichkeit meist mit einem Achselzucken beiseitegeschoben. Bis vor kurzem. Heute jagen sich Konferenzen und Tagungen zum Thema Demografie. Die Politik ist aufgewacht, kurz vor ihr die Wirtschaft, die einen desaströsen Fachkräftemangel und unerträglich steigende Sozialkosten an die Wand malt. Das hat offenbar gewirkt. Die Altersstruktur der Gesellschaft ist ganz oben auf der politischen Agenda angekommen. Unbestritten ist: Die Veränderung wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus. Umstritten ist: Wie sollen und können wir darauf reagieren? Ebenfalls unsicher ist: Stimmen die Voraussagen, die, je länger sie in die Zukunft reichen, an Treffsicherheit verlieren?

Rechnung mit vielen Unbekannten

Was uns immer wieder als relativ sichere Prognose verkauft wird, das sind in Wahrheit lediglich Modellrechnungen mit einer Vielzahl von Unbekannten. Deshalb sind die Vorhersagen mit entsprechender Vorsicht zu genießen. Die Statistischen Bundes- und Landesämter kommen zu folgenden Ergebnissen: Die Bevölkerung in Deutschland wird bis zum Jahr 2060 von 82 Millionen auf 65 Millionen Menschen sinken. Jeder Dritte wird dann mindestens 65 Jahre alt sein. Relativ moderat fällt der Bevölkerungsschwund noch bis zum Jahr 2030 mit dann 79 Millionen Bürgern aus. Regional wird sich das aber höchst unterschiedlich auswirken. Für Bayern gehen die Voraussagen in den kommenden Jahren zunächst von einem leichten Bevölkerungsplus aus, ehe sich die Zahl 2030 wieder auf dem heutigen Niveau bewegen wird.

Auch innerhalb des Freistaats zeichnen sich enorme Bewegungen ab hin zu wirtschaftlich prosperierenden Regionen (vor allem rund um München) und weg von Gebieten etwa in Oberfranken. In Ostbayern werden sich die Bevölkerungsstrukturen ebenfalls verschieben nach dem bekannten Muster: Als Gewinner, sprich Gebiete mit Zuzug, sind Stadt und Landkreis Regensburg sowie die Stadt Straubing identifiziert. Als stabil gelten die Landkreise Kelheim und Straubing-Bogen. Auf eine mäßige Abwanderung müssen sich die Kreise Cham und Schwandorf einstellen. Bevölkerungsverluste von über 7,5 Prozent dürften den Modellrechnungen zufolge vor allem der heute schon relativ dünn besiedelten Nordoberpfalz zu schaffen machen. Mit der Abwanderung einher geht ein weiteres Problem: Es ziehen die jungen Bürger weg. Zurück bleiben die Älteren. Mit dieser beschleunigten Veränderung der Altersstruktur verschlechtern sich die wirtschaftlichen Perspektiven des Raums noch weiter.

Mit 72 noch arbeiten

Immerhin, eine solche Situation bietet auch Chancen, meint etwa der Bevölkerungswissenschaftler Professor Herwig Birg. Allerdings ist seine Idee gewagt, etwa die Zersiedelung der Landschaft wieder teilweise rückgängig zu machen. Die übergeordnete Logik erschließt sich schnell: Man spart sich teure Infrastruktur, die auf Köpfe umgerechnet in der Peripherie Unsummen kostet. Und es gäbe mehr ökologisch wertvolle Flächen. Birg räumt ein, dass die Auflösung von Siedlungen Mut und Weitsicht „in bisher ungewohntem Maße“ erfordert – was noch stark untertrieben formuliert sein dürfte.

Am augenfälligsten wurden der Bevölkerung die Folgen der demografische Entwicklung durch den Beschluss der großen Koalition, das Renteneintrittsalter in Stufen auf 67 Jahre anzuheben. Die Forscher des Max-Planck-Instituts für demografische Entwicklung halten den Streit darum für realitätsfern. Sie erwarten, dass wir bis Mitte des Jahrhunderts sogar bis 72 werden arbeiten müssen. Derzeit sei ein Europäer im Schnitt die Hälfte seines Lebens erwerbstätig. Das solle auch in Zukunft so sein. Weil die Menschen bis dahin den Prognosen zufolge zehn Jahre länger leben werden, müssten sie einen Teil davon auf die Arbeit verwenden.

Wir brauchen mehr Beschäftigung

Das klingt plausibel, wird aber nicht von allen Experten geteilt. Manche Volkswirte argumentieren, das im Vergleich zu anderen wohlhabenden Staaten gesunkene Lohnniveau in Deutschland schade den Sozialkassen. Würden höhere Gehälter gezahlt, wären Einschnitte bei der Rentenhöhe oder dem Eintrittsalter keineswegs so dringend geboten wie allerorten gefordert. Gleiches gelte, wenn die Zahl der Vollbeschäftigten und zu guten Tarifen bezahlten Menschen steigen würde – auch da habe die Bundesrepublik durchaus Nachholbedarf.

Dabei richten sich die Blicke insbesondere auf Frauen, Ältere und auf Einwanderer. Der Konsens lautet: Die Beschäftigung muss gesteigert werden, um die Wirtschaft auf Wachstumskurs zu halten. Dann würden die Verteilungskämpfe zwischen Arbeitnehmern und Rentnern nicht so heftig ausfallen wie es sich heute abzeichnet.

Zwischen Anspruch und Realität

Um etwa die Lebensarbeitszeit verlängern zu können, ist ein tiefgreifender Wandel nötig. Auch wenn Wirtschaftsverbände beteuern, dass die Unternehmen den Wert älterer Arbeitnehmer (wieder) zu schätzen wüssten – die Realität sieht vielerorts noch anders aus. So kritisiert Stefan Pruchniewski von der Demografie-Agentur Wechselwerk in Nürnberg: „In den Betrieben lautete die Devise in den vergangenen 20 Jahren, dass ältere Mitarbeiter nichts wert sind, dass sie zu alt und teuer sind, und dass sie nichts mehr können. Damit muss Schluss sein. Allerdings wird es dauern, bis das in den Köpfen angekommen ist.“ Es mangelt an flexiblen Arbeitsmodellen für Ältere bzw. an Möglichkeiten zu einem gleitenden Übergang in den Ruhestand, an der Fortbildung der Ü45-Mitarbeiter und an passenden Arbeitsanforderungen.

Flexibilität fehlt auch gegenüber Eltern. Sie müssen im Prinzip drei Generationen versorgen: Ihre Kinder, ihre Eltern (etwa bei Pflegebedürftigkeit) und sich selbst.

Als entscheidender Grund dafür, dass Frauen in Deutschland immer weniger Kinder bekommen, kristallisiert sich die schlechte Vereinbarkeit von Kind und Beruf heraus. Auch Eltern benötigen Freiraum bei den Arbeitszeiten, darüber hinaus umfassende und bezahlbare/kostenlose Betreuungsmöglichkeiten für den Nachwuchs. Naheliegend sind auch eine gezielte Einwanderungspolitik und eine bessere Integration der Ausländer, die schon hier sind.

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