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Die Ansiedlung von BMW war eine Rakete

IHK-Urgestein Josef Beimler geht in Rente. Mit MZ-Redakteurin Christine Hochreiter sprach er über die Entwicklung der Region.

  • Mit der Grenzöffnung war die Ansiedlung von BMW in Regensburg ein Katalysator für die Wirtschaftsentwicklung. Foto: dpa
  • Der stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführer Josef Beimler geht in den Ruhestand. Foto: Lex

Regensburg.Josef Beimler kann sich noch sehr gut erinnern: Als er Ende der 1970-er/Anfang der 1980-er Jahre seine IHK-Laufbahn begann, war es um die Region alles andere als gut bestellt: „Das war die Zonenrand-Zeit, damals ist man nach Cham gefahren und dann ging es von dort eigentlich nicht mehr weiter.“ Im Winter lag die Arbeitslosenquote im Bayerwald bei bis zu 40 Prozent. Wirtschaft fand damals im Westen statt. Mit dem „epochalen Ereignis Grenzöffnung“ 1989 rückte die Oberpfalz von jetzt auf gleich vom Rand in die Mitte. Laut Beimler war diese das „wirkungsvollste Förderprogramm, das die Region je hatte und haben wird“. Die Unternehmen sondierten die Chancen jenseits der tschechischen Grenze und prüften, inwieweit der Nachbar im Osten als Absatz- aber auch Beschaffungsmarkt geeignet ist. Produktion, die bei uns auf Dauer nicht mehr überlebensfähig gewesen wäre, wurde laut Beimler nach Tschechien verlagert, damit seien Kapazitäten für den Ausbau von High-Tech-Bereichen freigeworden. Die „zweite Rakete“, die die Wirtschaftsentwicklung nach oben geschossen hat, war – schon vorher – die Ansiedlung von BMW in Regensburg vor 30 Jahren – mit vielen positiven Auswirkungen auf die Infrastruktur. Beimler: „Dann ging es stetig bergauf.“ Es kamen neue Hochschulstandorte wie Amberg-Weiden dazu, das Universitätsklinikum in Regensburg wurde gebaut, und heute gehört der Wirtschaftsraum zu den Top-Regionen in ganz Deutschland.

In der nördlichen Oberpfalz bewegt sich etwas

Kanzlerin Angela Merkel suchte die Vorzeige-Fabrik von Siemens in Amberg. Foto: Siemens
Kanzlerin Angela Merkel suchte die Vorzeige-Fabrik von Siemens in Amberg. Foto: Siemens

Die nördliche Oberpfalz hatte nach der Grenzöffnung ein großes Problem. In der Region lag der Fokus bislang auf den Branchen Glas und Porzellan. Mit dem Zonenrandstatus fielen quasi über Nacht auch die einschlägigen Fördermaßnahmen und Möglichkeiten zu Sonderabschreibungen weg. Die Wirtschaft wurde in den Wettbewerb entlassen. Der Umbruch, der in „nicht geschützten“ Regionen sukzessive stattgefunden hatte, sollte von heute auf morgen aufgeholt werden – ein schier unmögliches Unterfangen. Viele Betriebe mussten aufgeben. Dennoch gibt es nördlich der Metropole Regensburg durchaus Vorzeigeunternehmen – wie Witron in Parkstein (Kreis Neustadt an der Waldnaab), Witt in Weiden oder auch den Siemens-Standort Amberg. Wenn es um das Thema Industrie 4.0 geht, setzt letzterer internationale Standards. Auch Kanzlerin Merkel war das einen Besuch wert. Beimler zufolge gäbe es für die nördliche Oberpfalz noch mehr Möglichkeiten, ihr (touristisches) Potenzial zu vermarkten. Es tue sich schon einiges in dieser Richtung. Der IHK-Mann: „Man ist gerade dabei, das Negativ-Image loszuwerden.“ Im Übrigen könnten Firmen mit Blick auf den Hochschul-Standort Amberg-Weiden inzwischen auch auf mehr qualifizierte Mitarbeiter zurückgreifen.

Regensburg droht der Verkehrsinfarkt

Die Wirtschaft boomt, dem Raum rund um Regensburg droht der Verkehrsinfarkt. Foto: MZ-Archiv
Die Wirtschaft boomt, dem Raum rund um Regensburg droht der Verkehrsinfarkt. Foto: MZ-Archiv

In Regensburg droht mit Blick auf die hohe Verkehrsbelastung immer noch der Infarkt. Darauf hat die Kammer immer wieder hingewiesen. Mit der Zunahme des Ost-West-Verkehrs habe sich die Situation zusehends verschärft. So bekämen Unternehmen wie BMW Probleme, die Teile, die bei Zulieferern hergestellt werden, just-in-time zu bekommen. Beimler nennt einige offene Baustellen. Die Westumgehung führt mitten durch die Stadt. Der Ausbau der A3 steht an. Die Sinzinger Autobahnbrücke muss dringend saniert werden. Außerdem ist die Forderung nach einer schnellen Zugverbindung von München /Nürnberg über Schwandorf nach Prag immer noch nicht erfüllt. Der Kammer gehe es vor allem um die Bedeutung dieser Streckenführung für das Zusammenwachsen des bayerisch-tschechischen Grenzraumes, so Beimler.

Der Kreis Kelheim ist sehr gesund

Hopfenanbau, Handel und Industrie – die Branchenmischung im Kreis Kelheim ist gesund. Foto: MZ-Archiv
Hopfenanbau, Handel und Industrie – die Branchenmischung im Kreis Kelheim ist gesund. Foto: MZ-Archiv

Die regionale Handwerkskammer betreut die Regierungsbezirke Oberpfalz und Niederbayern. Die Industrie- und Handelskammer kümmert sich um die Oberpfalz und den Landkreis Kelheim. Eine seltsame Konstruktion? Für Beimler ist sie nachvollziehbar und das Ergebnis einer Mitgliederbefragung. Den meisten war die Entfernung bis zum Sitz der niederbayerischen Kammer in Passau zu weit. Sie entschieden sich in den 1970-er Jahren für eine Zuordnung zur Kammer mit Sitz in Regensburg. Das komme klar im Namen der Kammer zum Ausdruck. Der IHK-Vertreter ist indes überzeugt, dass eine Abstimmung auch heute nicht anders ausfallen würde. Der Raum Kelheim entwickle sich gut. Die Wirtschaft sei nicht zu letzt auch mit Blick auf eine diversifizierte Struktur gut aufgestellt. Es bestehe eine „gesunde Mischung“ aus den Bereichen Handel, Industrie, Autozulieferer, Tourismus und Hopfenanbau. Die Bedeutung der Region werde auch durch eine eigene Geschäftsstelle in Abensberg untermauert. Beimler: „Der Raum Kelheim ist ein gesunder Standort.“

Das ungelöste Energie-Problem

Die ungelöste Energiethematik treibt die Wirtschaft um. Foto: Schönberger
Die ungelöste Energiethematik treibt die Wirtschaft um. Foto: Schönberger

Das große Thema Energie treibt den Vertreter der Industrie- und Handelskammer derzeit ganz besonders um. Die Möglichkeiten, Strom so zu speichern und zu verteilen, dass dieser konstant, stabil und zur rechten Zeit am gewünschten Ort zur Verfügung steht, hält Josef Beimler allerdings noch nicht für ausgereift. Vor allem, wenn es darum geht, flächendeckend Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Zu viele Themen sind nach Ansicht des Kammer-Fachmanns aktuell noch ungeklärt. Die Palette reicht von den Netzen, den Speichermöglichkeiten bis hin zu der Frage, wie es mit dem selbsterzeugten Strom weitergeht. Der Volkswirtschaftler zieht daher eine Option in Betracht, die zwischenzeitlich auch öffentlich immer häufiger diskutiert wird. Beimler: „Möglicherweise wird man mit dem Abschalten der letzten Atomkraftwerke doch noch warten müssen, bis die neuen dezentralen Versorgungs- und Speichertechnologien ausgereift zur Verfügung stehen.“ Bislang ist geplant, dass das letzte deutsche Atomkraftwerk 2022 vom Netz gehen soll.

Die Folgen der Digitalisierung

Durch die Digitalisierung werden auch in der Region Jobs verloren gehen – und neue entstehen. Foto: dpa
Durch die Digitalisierung werden auch in der Region Jobs verloren gehen – und neue entstehen. Foto: dpa

Ein Mega-Thema für die Wirtschaftsreibenden der Region ist freilich auch die Digitalisierung, und weiter gefasst deren Innovationspotenzial. Neue Geschäftsmodelle werden immer wieder angestammte Branchen und Unternehmen bedrohen, so Beimler. Hierfür müsse man sich wappnen. Kaum ein Bereich bleibe von diesen Entwicklungen unberührt. Die Veränderungen der Produktions-, Geschäfts- und Logistikprozesse seien zum Teil dramatisch. Alles gehe sehr schnell – mit einschneidenden gesellschaftspolitischen Auswirkungen bis hin auf die Qualität der Arbeitsplätze. Die Industrie- und Handelskammer Regensburg für Oberpfalz/Kelheim sei gerade dabei zu untersuchen, wie sich die Digitalisierung beziehungsweise das Thema Industrie 4.0 auf den Arbeitsmarkt in der Region auswirken. Dabei gebe es schon erste Zwischenergebnisse, so Beimler. Ein Resultat ist für den Kammerbezirk deckungsgleich mit deutschlandweiten Studien: Es werden Arbeitsplätze wegfallen – tendenziell für einfachere Tätigkeiten – und neue (eher im IT- und Hightech-Bereich) entstehen.

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Zur Person: Josef Beimler

  • Karriere:

    Josef Beimler geht Ende September in den Ruhestand – mit exakt 63 Jahren und sieben Monaten sowie nach 37 Jahren bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Regensburg für Oberpfalz/Kelheim. Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer leitete zuletzt viele Jahre die Abteilung für Standortpolitik, Innovation und Umwelt.

  • Anfang:

    Der gebürtige Regensburger startete nach seinem Volkswirtschaftsstudium an der Universität Regensburg 1979 bei der Kammer ins Berufsleben – zunächst als persönlicher Referent des damaligen IHK-Präsidenten Dr. Thomas Brennauer. Zuvor hatte er noch ein Praktikum bei der Sparkasse Regensburg absolviert und in dieser Funktion bereits Reden für den damaligen Vorstandsvorsitzenden Gerhard Steck geschrieben.

  • Schwerpunkte:

    Später rückte er zum stellvertretenden Leiter der Abteilung Regionalpolitik, Industrie und Verwaltung auf und kümmerte sich unter anderem um die Einführung der EDV im Beitragsbereich. Als sein Chef Georg Raum Hauptgeschäftsführer wurde, übernahm Beimler die Abteilungsleitung. Da das Aufgabengebiet des Bereichs immer größer wurde, bestellte die IHK einen eigenen Verwaltungsleiter und Beimler kümmerte sich um die „eigentlichen IHK-Inhalte“. 2008 wurde er zum stellvertretenden Hauptgeschäftsführer berufen. Seine Schwerpunkte: Standortpolitik, Innovation, Umwelt und Energie.

  • Pläne:

    Seine Planungen für das Leben nach der Arbeit sind ungenau und doch konkret. Fakt ist: Er will erst einmal „Freizeit“. Das bedeutet mehr Zeit für Dinge, Tätigkeiten und Menschen, die er mag und die ihm wichtig sind: Gitarrespielen, Musik, speziell Blues, Autofahren (Beimler hat sich gerade ein Cabrio gekauft, mit dem er die nähere und fernere Umgebung erkunden möchte), sein Rotary-Club, Freunde und Bekannte, das ein oder andere soziale Projekt.

  • Motivation:

    Der IHK-Manager ist ein Mensch, der nach vorne blickt. „Carpe diem, mache das Beste aus jedem Tag“, das hat Beimler nicht zuletzt auch durch eine Erkrankung gelernt, die er gut überstanden hat. „Es ist Zeit für etwas anderes“, sagt er daher und freut sich auf den neuen Lebensabschnitt. Die lange Zeit bei der IHK möchte er aber nicht missen.

  • Abschied:

    Bei der Vollversammlung hat die IHK ihr „Urgestein“ Beimler kürzlich schon einmal offiziell gewürdigt. Er verabschiedete sich mit einer pointierten Rede. Dabei ging es unter anderem darum, wie ein Standort die Leuchtkraft der Nachbarregionen einfangen, die Chancen der Metropolen nutzen und dennoch die eigenen Stärken des Wirtschaftsraumes weiterentwickeln kann. (ti)

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