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Google baut auf Chips aus Regensburg

Der Internet-Riese entwickelt mit Infineon Geräte, die durch Gesten bedient werden. Die Basis ist ein Chip aus der Oberpfalz.
Von Christine Hochreiter, MZ

  • Blick in den Reinraum: Regensburg ist einer von 19 (Fertigungs-)Standorten des Infineon-Konzerns. Foto: Infineon
  • Das Bild zum offiziellen Start des europäischen Pilotlinienprojekts „IoSense“ in Dresden – mit dabei der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich (4. v. l.) Foto: Infineon
  • Vorstandschef Dr. Reinhard Ploss will die Position des Unternehmens in der Sensorik ausbauen. Foto: Infineon
  • Mit modernster Chip- und Prozesstechnologie will Infineon auch die deutschen Standorte stärken. Foto: dpa
  • Bei der Chipproduktion im Reinraum ist Genauigkeit das oberste Gebot. Foto: Infineon
  • Als einziger Standort verfügt Regensburg sowohl über Chip- als auch über Gehäusetechnologie mit Fertigung und Entwicklung. Foto: Infineon
  • Ein Standort wächst: Im Regensburger Westen beschäftigt der Halbleiter-Konzern rund 2400 Mitarbeiter. Jetzt wird der Reinraum erneut erweitert. Foto: Infineon

Regensburg.Mit Spannung und auch stolz blicken Infineon-Mitarbeiter am Freitagabend nach Mountain View. Auf der Entwicklerkonferenz Google I/O in Kalifornien werden zwei Pilot-Geräte vorgestellt, die sich durch Handbewegungen bedienen lassen. Die Basis ist ein Radar-Chip „made in Regensburg“. Der Internetkonzern und Infineon wollen die Technologie, die dem Projekt „Soli“ zugrunde liegt, ab 2017 kommerziell vermarkten.

Die neue Bedienungsart bedeutet eine Revolution. Bislang mussten Benutzer meist mittels Touchscreen oder Tastatur auf Tuchfühlung gehen.

Feinste Handbewegungen, als würde das Rädchen einer Uhr aufgezogen, kann man damit feststellen.

Ein Infineon-Sprecher erläutert die Gesten-Steuerung.

Die Spracherkennung erlaubt zwar eine größere Flexibilität, ist aber meist auf individuelle Nutzer beschränkt. Diese Lücke soll die Steuerung von Geräten per Handzeichen schließen. Die Technologie wurde in den vergangenen beiden Jahren von Google und Infineon gemeinsam entwickelt. Die Basis ist ein acht mal acht Millimeter großer Radar-Chip: Dieser sendet und empfängt Wellen, die vom Finger des Benutzers reflektieren. „Feinste Handbewegungen, als würde das Rädchen einer Uhr aufgezogen, kann man damit feststellen“, erläutert ein Infineon-Sprecher das Prinzip.

Eine Smartwatch und ein Lautsprecher

Der Chip aus Regensburg vereint den Erfahrungsschatz von mehr als zwei Jahrzehnten in der Hochfrequenz-Mikrotechnologie. Der Algorithmus, den die Software-Experten von Google entwickelt haben, haucht den erfassten Daten quasi Leben ein. Das Ergebnis sind erste Produkte mit Potenzial für den Massenmarkt: eine neue Smartwatch des Geräteherstellers LG und ein Lautsprecher für die Küche der High-End-Marke JBL.

In einer Pressemitteilung heißt es: „Beide lassen sich trotz unruhiger Jogger-Hände oder teigiger Finger des Hobby-Kochs bedienen.“ Sowohl die Smartwatch als auch der Lautsprecher kommen ohne Schalter und Knöpfe aus und machen Geräte aus einer Entfernung von bis zu zehn Metern bedienbar. Verbraucher können die ersten Produkte Mitte 2017 kaufen.

So funktioniert die neue Technologie

„Die Gestenerkennung bietet den Rahmen, um die Interaktion von Mensch und Maschine zu revolutionieren, um Geräte erstmals in einer räumlichen Dimension zu bedienen“, so Ivan Poupyrev, technischer Leiter des Google-Bereichs ATAP. Damit werde die Lücke zwischen berührungsabhängiger Bedienung und Spracherkennung geschlossen. Für alle Hersteller, die den Soli-Chip verwenden, wurden einheitliche, intuitive Handbewegungen geschaffen, die sich weltweit gleichermaßen verwenden lassen – quasi ein Gesten-ABC. Den Experten zufolge lassen sich alle Arten von Tasten und Schaltern ersetzen.

Ein Volumen von 65 Millionen Euro

„Vor 2,4 Millionen Jahren begannen Menschen, Werkzeuge zu gebrauchen“, sagt Andreas Urschitz, Leiter der Division Power Management & Multimarket bei Infineon. „Erstmals in der Geschichte richten sich nun die Werkzeuge auf ihren Benutzer ein, statt umgekehrt.“ Aufwändige haptische Algorithmen und winzige, hoch integrierte Radarchips ermöglichten eine Vielzahl weiterer Anwendungen. Google und Infineon haben zahlreiche Märkte im Blick – Home-Entertainment und Mobil-Geräte oder auch Anwendungen für das so genannte Internet der Dinge. Laut Urschitz will man mit dem Projekt einer neuen Technologie zum Durchbruch verhelfen.

IoSense wird dazu beitragen, die Position von Infineon im Bereich Sensorik weiter auszubauen.

Infineon-Chef Dr. Reinhard Ploss

Wenn es um Zukunfts-Technologien geht, spielt der Infineon-Standort Regensburg innerhalb des Infineon-Konzerns eine wichtige Rolle. Soeben wurde in Dresden das europäische Pilotlinienprojekt „IoSense“ gestartet. Es soll Deutschland und Europa für die Herstellung flexibler, anwendungsorientierter und kostengünstiger Sensoren und Sensorsysteme stärken. Drei Jahre lang werden 33 Partner aus sechs Ländern entlang der Wertschöpfungskette forschen und entwickeln. Das Projekt hat ein Volumen von 65 Millionen Euro und wird von der Infineon Technologies GmbH Dresden geleitet. Im Mittelpunkt steht der Aufbau von Pilotlinien mit sich ergänzenden Kompetenzen: von der Entwicklung neuer Sensortechnologien und Methoden der wettbewerbsfähigen Hochvolumenfertigung bis hin zur Erarbeitung neuer Anwendungsbeispiele.

Viele Wechselwirkungen

Ein Werk im Grünen: Detlef Mitrach ist in Dresden verantwortlich für die Reinraum-Technik.
Ein Werk im Grünen: Detlef Mitrach ist in Dresden verantwortlich für die Reinraum-Technik. Foto: Hochreiter

Die kostengünstige Herstellung von Sensorsystemen ist eine wesentliche Voraussetzung für das Internet der Dinge. Laut Vorstandschef Dr. Reinhard Ploss wird IoSense dazu beitragen, „die Position von Infineon im Bereich Sensorik weiter auszubauen“. Schon heute leisteten Sensorlösungen von Infineon im Auto einen wichtigen Beitrag für mehr Sicherheit im Straßenverkehr. Außerdem würden Sensoren verstärkt in Smartphones und Lifestyle-Produkten eingesetzt.

Einen Kommentar zur Bedeutung des Projekts IoSense lesen Sie hier.

Kommentar

Eine Lehre

Der komische Kunstname „IoSense“ übertüncht ein wenig die wirkliche Bedeutung dieses Projekts. Dabei ist den Protagonisten unter der Führung von Infineon...

Und durch die zunehmende Vernetzung werde der Bedarf deutlich steigen. Infineon werde durch neue Technologien und wettbewerbsfähige Fertigungsmethoden von dem Marktwachstum profitieren. Im Geschäft mit Sensoren – speziell bei Chips für Radarsensoren – verbucht Infineon derzeit die größten Zuwächse bei den Marktanteilen.

Laut Projektleiter Dr. Oliver Pyper gibt es zwischen Dresden und Regensburg viele Wechselwirkungen – nicht nur personell. Um die Kompetenzen für die jeweiligen Prozess-Schritte an den beiden Standorten am besten auszunutzen, würden beispielsweise halbfertige Chips im Rahmen des Projekts hin und her wandern.

Detlef Mitrach ist seit 21 Jahren bei Infineon Dresden beschäftigt und zuständig für die Reinraum-Technik. In wenigen Monaten geht der 61-Jährige in den Ruhestand – mit einem weinenden Auge, wie er sagt, „denn bei Infineon findet die Zukunft statt.“

Noch mehr Berichte mit Blick auf die regionale Wirtschaft lesen Sie hier.

Zwei Infineon-Standorte

  • Regensburg:

    Infineon Regensburg ist einer von 19 Konzern-Standorten weltweit. Regensburg ist Innovationsfabrik und Hightech-Produktionsstandort in einem. Hier entwickelt und fertigt das Unternehmen mit rund 2400 Mitarbeitern Halbleiter- und Systemlösungen für Automotive-, Industrieelektronik-, Chipkarten- und Sicherheitsanwendungen. Als einziger Standort verfügt Regensburg sowohl über Chip- als auch über Gehäusetechnologie mit Fertigung und Entwicklung. Erst kürzlich wurde bekannt gegeben, dass Infineon in den nächsten drei Jahren 100 Millionen Euro in die Erweiterung des Reinraums investiert.

  • Dresden:

    In Sachsen sind rund 2000 Mitarbeiter beschäftigt. Das Unternehmen hat seit dem Start 1994 mehr als drei Milliarden Euro in den Standort investiert. In Sachsen findet die weltweit erste Hochvolumenfertigung für Leistungshalbleiter auf 300-mm-Dünnwafern statt; außerdem gibt es eine hochautomatisierte 200-mm-Fertigung. (ti)

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