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Ludwig, Sissi und Franz machen es anders

Die Regensburger Numares AG entwickelt neue Diagnoseverfahren. Weil der Gesundheitsmarkt boomt, entstehen immer neue Jobs.
Von Christine Hochreiter, MZ

  • Neue Technologie: Das Ausgangsmaterial sind Körperflüssigkeiten wie Blut oder Urin, die in einem sogenannten NMR-Gerät analysiert werden. Foto: Lex
  • Abteilungsleiterin Birte Sievers im Numares-Labor Foto: Lex
  • Qingxia Gong kennt den chinesischen Markt und seine Anforderungen. Foto: Lex
  • Die Numares-Mitarbeiterin bestückt das NMR-Gerät. Foto: Lex
  • Die Software für die Technologie wird in Regensburg entwickelt. Foto: Lex
  • Birte Sievers erklärt die Numares-Methode. Foto: Lex

Regensburg.In diesem Unternehmen haben High-Tech-Geräte Namen. Für „Ludwig“, „Sissi“ und „Franz“ gibt es sogar jeweils einen eigenen Raum. Die Drei stehen im Regensburger BioPark für eine komplexe, aber spannende Technologie. Die Numares AG (bis 2012 „Lipofit Analytic GmbH“) entwickelt und vertreibt Labortestsysteme und Tests für die Gesundheits-Industrie. Die Firma bietet ihre Leistungen medizinischen Laboren, Fachärzten, Kliniken und der pharmazeutischen Industrie an. Die Basis ist die Kernspinresonanztherapie (NMR). Mit dieser Technologie lassen sich viele Inhaltsstoffe in biologischen Proben gleichzeitig analysieren.

Bei Ludwig, Sissi und Franz handelt es sich um NMR-Geräte, in die die Proben eingebracht werden. Vorstandschef Dr. Volker Pfahlert „Mit unseren Testsystemen können die unterschiedlichsten medizinischen Parameter ausgewertet werden. Das Ausgangsmaterial sind Körperflüssigkeiten wie Blut oder Urin. Aufwändige und risikoreiche Biopsien (Gewebe-Entnahmen) können damit häufig überflüssig werden.

Der Stoffwechsel als Orchester

Numares-Vorstandschef Dr.Volker Pfahlert ist fest davon überzeugt: „Wir werden unseren Weg machen.“
Numares-Vorstandschef Dr.Volker Pfahlert ist fest davon überzeugt: „Wir werden unseren Weg machen.“ Foto: Tino Lex

Aber was ist das Alleinstellungsmerkmal der Technologie? Der Chef: „Im Gegensatz zu bisherigen Diagnoseansätzen, die meist nur einzelne Werte bestimmen, können wir mehrere hundert Parameter und Messdaten gleichzeitig erfassen und präzise quantifizieren.“ Im Fokus stünden sogenannte Metabolitenmuster. Metaboliten sind Stoffwechselprodukte in verschiedenen Körperflüssigkeiten. Diese werden entnommen und direkt im NMR-Gerät analysiert.

Die Numares-Methode setzt die Werte in ein Verhältnis zueinander und ermittle anhand verschiedener Algorithmen Risikofaktoren für Krankheiten. Pfahlert: „Den menschlichen Organismus, den Stoffwechsel eines Menschen, kann man sich dabei als ein Orchester vorstellen, das bei gesunden Menschen gut und richtig spielt. Bei Kranken kommt es aber zu falsch gespielten Tönen. Unsere Technologie erkennt diese falschen Töne, weil sie Disharmonien im Verhältnis zu den anderen Tönen erfasst. Es sind diese Disharmonien, auffällige Stoffwechselmuster, die sich zur Diagnose von Krankheiten einsetzen lassen.“

Eine neue Schlüsseltechnologie

Der Vorstandsvorsitzende ist überzeugt, dass sich diese neue Basistechnologie zur Messung dynamischer Stoffwechselzustände („metabolische Fingerprints“) zu einer Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts entwickeln kann. Die jeweils eine Tonne schweren NMR-Geräte werden zugekauft. Die Kernkompetenz der Numares AG besteht aus den selbst entwickelten Verfahren und hochkomplexen Auswertungs-Algorithmen.

Bislang hat das Unternehmen seine Technologie vor allem in die USA verkauft. Derzeit ist ein Test zur Bestimmung des Herzinfarkt- und Schlaganfallrisikos im Einsatz. Dabei reiche es nicht aus, das „gute“ (HDL) und „schlechte“ (LDL) Cholesterin zu kennen. Mit dem Numares-System würden 29 Parameter bestimmt, so Pfahlert.

Ein Video zur Numares-Technologie sehen Sie hier:

NMR-Spektrometer der Numares AG

Laut Vorstandsmitglied Dr. Titus Kaletta geht es nicht nur um die Konzentration der Lipoproteine, sondern auch um deren Größe. In den USA kommt das neue Testverfahren gut an. Dort wurden seit 2013 bereits 16 Komplettsysteme an Labore und Kliniken verkauft und rund eine Million Proben gemessen. Die Kosten werden in den Vereinigten Staaten durch die öffentliche Krankenversicherung erstattet. Der Vorteil: Mit den Brüdern und Schwestern von Ludwig, Sissi und Franz samt draufgesatteltem Analytik-Know-how können mehr als 300 Proben pro Tag anstatt 50 bis 80 durchgeführt werden, so der Manager. „Es muss nicht mehr von Hand pipettiert werden.“ Die Regensburger haben auch den chinesischen Markt im Visier. Dieser sei inzwischen der zweitgrößte Einzelmarkt mit einem gigantischen Wachstumspotenzial. Die Zulassungsverfahren für Europa liefen.

Die personalisierte Medizin

Nach Angaben von Pfahlert bieten die Analysemethoden von Numares individualisierte Ergebnisse zu möglichen Erkrankungen und Risikofaktoren in verschiedenen Bereichen. Das Regensburger Unternehmen arbeitet bei der Entwicklung weitere Metabolitenprofile zur Früherkennung von Risikofaktoren oder Erkrankungen (wie zum Beispiel Depressionen) mit Forschungseinrichtungen und Universitäten zusammen. Eines der jüngsten Beispiele ist die Beobachtung von Patienten nach Nieren-Transplantation. In Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Regensburg wurde das Risiko einer Organ-Abstoßung an 100 Patienten untersucht. Mit einem speziellen Test soll man Abstoßungsreaktionen frühzeitig erkennen.

„Wir reinvestieren unsere Umsätze, weil wir zeigen wollen, was diese Technologie kann.“

Vorstandschef Dr. Volker Pfahlert

Numares macht noch keine Gewinne. Dennoch soll das Unternehmen wachsen,um eine starke Marktposition zu erreichen. Pfahlert: „Wir reinvestieren unsere Umsätze, weil wir zeigen wollen, was diese Technologie kann.“ Alle Testverfahren könnten auf einem einzigen NMR-Gerät durchgeführt werden. Die Eigentümer gingen diesen Weg mit. Zu den Investoren gehört unter anderem der von Bayern Kapital verwaltete Wachstumsfonds Bayern.

Ein Masterplan für die BioRegio

Vorstandsmitglied Dr. Titus Kaletta. Foto: Lex
Vorstandsmitglied Dr. Titus Kaletta. Foto: Lex

Aktuell hat das Unternehmen 60 Mitarbeiter. Der Personalstand soll zügig aufgebaut werden – auf über 100 Beschäftigte (davon 20 in den USA und einige in Asien). 95 Prozent der Belegschaft sind Akademiker – aus den unterschiedlichsten Ländern und Bereichen: Biologen, Mathematiker, Betriebswirte. Pfahlert: „Wichtig ist vor allem, dass sie unsere Begeisterung leben und zu uns passen.“ Der Chef ist fest davon überzeugt: „Wir werden unseren Weg machen.“ Allerdings wegen des höheren Platzbedarfs wohl schon bald außerhalb des BioParks. Ludwig, Sissi und Franz sollen aber am besten bleiben, wo sie sind. Denn nach einem Transport würde es drei Monate dauern, bis sie wieder perfekt arbeiten.

Einen Kommentar zur Entwicklung der Bioregio Regensburg lesen Sie hier.

Kommentar

Eine gesunde Region

Wir werden immer älter und wollen auch betagt möglichst fit (und bei Verstand) bleiben. Das hat Konsequenzen: Die Gesundheitsbranche entwickelt sich immer...

BioPark-Geschäftsführer Dr. Thomas Diefenthal zufolge hat sich die BioRegio gewandelt – von einem Biotechnologie-Cluster hin zu einem interdisziplinären Netzwerk rund um die Lebenswissenschaftten. Bei der Gründung des BioParks sei es für Gründer noch viel leichter gewesen, ihre Forschung finanziert zu bekommen. Inzwischen hätten die wenigsten Investoren einen langen Atem, sondern wollten bereits fertige Produkte sehen, mit denen Geld verdient werde. In Regensburg ist man gerade dabei, einen Masterplan zu erstellen, wie die Kompetenz in der Region beim Thema Gesundheitswirtschaft besser vernetzt und genutzt werden kann. Ein Unternehmen wie Numares gehört sicherlich zu den wichtigen Know-how-Trägern.

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