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Neuanfang mit High Tech-Offensive

Nach der Übernahme durch Paragon schreibt meillerghp schwarze Zahlen. In Schwandorf werden drei Millionen Euro investiert.
Von Hubert Heinzl

  • Zurzeit läuft die Probephase für die „Kodak Prosper 6000C“ bei meillerghp in Schwandorf. Drei Millionen Euro wurden unter dem neuen Geschäftsführer Markus Schmid (unser Bild) dafür investiert. Foto: Heinzl
  • Ein Team von Hersteller Kodak bereitet die „Prosper 6000C“ für den Betrieb vor. Foto: Heinzl

Schwandorf. Markus Schmid ist im Unternehmen kein Unbekannter. Schon sein Vater hatte „beim Meiller“ in Schwandorf gearbeitet, wie die Leute immer noch sagen. Und der Sohn machte am Stammsitz seine Ausbildung und war anschließend 24 Jahre für das Unternehmen tätig. Nach einem Umweg über einen französischen Mitbewerber ist der 45-Jährige jetzt im April an seine frühere Wirkungsstätte zurückgekehrt – als Geschäftsführer.

Noch läuft der Probebetrieb

Seine erste Bilanz nach einem halben Jahr kann sich sehen lassen. In den vergangenen zwölf Monaten schrieb das Unternehmen wieder schwarze Zahlen, berichtet Schmid. Und eine größere Investition soll diese Entwicklung weiter vorantreiben. Zurzeit nimmt ein Spezialistenteam in einer der Werkshallen die neueste Errungenschaft von meillerghp in Betrieb, eine „Kodak Prosper 6000C“ für rund drei Millionen Euro. Noch läuft die Testphase, doch spätestens in drei Wochen soll die digitale Vollfarb-Rollendruckmaschine produzieren – und das in atemberaubender Geschwindigkeit. Bis zu 300 laufende Meter Papier kommen pro Minute aus dem Drucker – ganz ohne zeitraubende Zwischenschritte.

Die Maschine ist nach Unternehmensangaben die erste ihrer Art in Deutschland, doch den Ungetümen von Kodak und Co. gehört die Zukunft. Anders als beim herkömmlichen Offset-Druck entfallen hier lästige Zwischenschritte, bei der Prosper 6000C müssen keine Vorstufen produziert oder Druckplatten ausgetauscht werden. „Die Maschine macht alles auf einmal, und das auch noch schneller und in bester Qualität“, bringt der Geschäftsführer die Vorteile auf den Punkt.

Mit der landläufigen Vorstellung von einer Druckmaschine hat die „Prosper 6000C“ nicht mehr viel zu tun, und das beschreibt den Wandel der vergangenen Jahre und Jahrzehnte im Unternehmen vielleicht am besten. Aus der ursprünglichen „Druck und Verlag GmbH“, zu deren Prunkstücken backsteingroße Druckerzeugnisse wie der Quelle-Katalog gehörten, wurde Europas führender Direct Mailing-Spezialist, der seinerzeit als „meiller direct“ firmierte.

Doch heute ist man schon wieder einen Schritt weiter – meillerghp wird laut Schmid zunehmend zum Anbieter von Komplettlösungen: „Nur noch zehn Prozent der Arbeit entfällt dabei auf den Druck. Der Rest sind Verarbeitung und Personalisierung“. Das ganze Berufsbild ändert sich dramatisch. Statt Arbeitern im Blaumann, die mit schwarzen Fingern den Andruck überprüfen, prägen zunehmend Software-Ingenieure das Bild. Denn „Prosper 6000C“, das 60-Meter-Ungetüm, wird ausschließlich mit Programmen gefüttert.

Personalisierung heißt immer noch das Zauberwort der Branche. Doch in welchem Ausmaß! Früher war bei Serienbriefen oder Prospekten kaum mehr drin als ein individuelles Etikett mit Name, Anschrift und vielleicht noch den wichtigsten Kundendaten. Heute können die Spezialisten von meillerghp, je nach Kundenwunsch, ganze Datenbanken in einem Druckvorgang verarbeiten – sodass bei Kunde X, der häufiger mit seinen Zahlungen in Verzug war, vielleicht nur ein mageres 50-Euro-Schnäppchen aufschlägt, während Stammkundin Y im gleichen Atemzug mit einem exklusiven VIP-Angebot geködert wird. Technisch machbar ist eine solche umfassende Individualisierung, und sie wird von den Kunden auch gewünscht.

Unternehmen will wieder einstellen

Dass der Weg von der Druckerei zum absoluten High Tech-Unternehmen nicht immer mit Rosen gepflastert war, ist nicht nur in Schwandorf bekannt. Doch nach Insolvenz, Schutzschirmverfahren und Übernahme sowie dem erneuten Verkauf durch die Österreichische und Schweizerische Post hat sich die Lage bei meillerghp offenbar konsolidiert. So sehr, dass auch der langjährige Betriebsratsvorsitzende Rudolf Steiner voller Optimismus ist. „Seit 15 Jahren waren Lage und Stimmung nicht mehr so gut. Wenn das so weitergeht, bin ich wirklich zufrieden“, sagte er auf Anfrage unseres Medienhauses. Im Zuge des Schutzschirmverfahrens seien in Schwandorf 48 Arbeitsplätze verloren gegangen. Nun wolle das Unternehmen wieder einstellen.

Die Wende zum Positiven, und da sind sich alle Beobachter einig, kam mit der Übernahme des Schwandorfer Unternehmens durch die irische Paragon Group im Februar des vergangenen Jahres. Für den europäischen Player mit einem Jahresumsatz von rund 400 Millionen Euro war meillerghp so etwas wie eine Perle in der Krone: der Marktzugang nach Deutschland und Osteuropa und eine Ergänzung des eigenen Portfolios.

Auch die Schwandorfer profitierten von der Übernahme, sagt der Geschäftsführer. Dass ein größerer Verbund im Einkauf bessere Preise für Farbe oder Papier erzielen kann, liegt auf der Hand. Aber es gibt auch Systemvorteile, wie Markus Schmid an einem Beispiel festmacht: Paragon stellt nämlich auch eine eigene Online-Plattform zur Verfügung, auf der sich Firmenkunden mit ihren ganz individuellen Wünschen einloggen können. Das Prinzip funktioniert, vereinfacht gesagt, wie folgt: Gesetzt den Fall, ein bekannter Discounter plant eine neue Werbekampagne und gibt dafür den allgemeinen Rahmen vor, so können die Filialleiter von 1000 Standorten ihre ganz speziellen Wünsche in das System einspeisen. Nach drei Wochen wird die Datenbank geschlossen und dient als Vorlage für eine Massenwurfsendung oder ein Give-away – in enormer Stückzahl produziert und trotzdem differenziert bis ins letzte Detail. Und auch beim Material ist man flexibel. Selbst die Papierhenkel handelsüblicher Einkaufstaschen lassen sich heutzutage zur Kundenansprache bearbeiten.

Solche Produktlösungen zu entwickeln, zu vermarkten und dann auch umzusetzen, wird laut Markus Schmid das Geschäft der Zukunft bestimmen. „Beim Meiller“ in Schwandorf geht es am Ende um Druck und Papier, immer noch – aber der Druck ist hypervariabel geworden und das Papier fast schon intelligent.

meillerghp

  • Standort Schwandorf:

    Zurzeit sind bei meillerghp am Standort Schwandorf 398 Mitarbeiter und 14 Azubis beschäftigt; dazu kommen 106 Vollzeitstellen im schwäbischen Dettingen. Insgesamt hat die Meiller-Group mit Standorten in Tschechien, Polen, Frankreich, England und Schweden rund 1300 Mitarbeiter.

  • Übernahme:

    Im Februar 2015 wurde meillerghp von der irischen Paragon-Gruppe übernommen. Die bisherigen Anteilseigner Österreichische und Schweizerische Post hatten das Unternehmen zum Verkauf angeboten. Im Februar 2014 hatte meillerghp ein sogenanntes Schutzschirmverfahren beantragt, um sich angesichts einer drohenden Insolvenz in eigener Regie zu sanieren. Im Zuge des Schutzschirmverfahrens wurden in Schwandorf knapp 50 Arbeitsplätze abgebaut und der Standort Bamberg mit 190 Beschäftigten ganz geschlossen. (hh)

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