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Siemens: Keine Angst vor Kollege Roboter

Im Regensburger Werk fallen Arbeitsplätze weg. Vor allem für Geringqualifizierte wird es enger. Doch es gibt ein Zauberwort.
Von Christine Hochreiter, MZ

Sie vertreten die Siemens-Beschäftigten in Regensburg: Franz Fischer (li.) und Max Griesbeck.
Sie vertreten die Siemens-Beschäftigten in Regensburg: Franz Fischer (li.) und Max Griesbeck.Foto: Schönberger

Regensburg.84 Stellen fallen weg – eine Schlagzeile wie diese ist schnell verfasst. Unser Medienhaus hatte am 31. August von einem Jobabbau im Siemens-Werk Regensburg berichtet. Doch was bedeutet das konkret? Für den Betriebsrat jedenfalls einen enormen Kraftakt. Damit verbunden sind viele Einzelgespräche, das Prüfen zahlreicher Ausstiegsszenarien oder Bleibe-Varianten.

Die Entwicklung des Regensburger Siemens-Werks ist ein komplexer Prozess. Dabei geht es um mehr als um Produktionsoptimierung, den Abbau von Hierarchien und die Reduzierung von Kosten. Es geht darum, einen traditionsreichen Standort fit für die Zukunft zu machen – ein Werk, in dem noch etliche niedrigqualifizierte Kräfte tätig sind, für die „Industrie 4.0“ zu rüsten.

Max Griesbeck und Franz Fischer arbeiten beide schon jahrzehntelang im Werk an der Siemensstraße. Der Erste 45 und der Zweite 33 Jahre. Der Eine ist Betriebsratsvorsitzender, der Andere sein Stellvertreter. Sie fühlen sich dem Standort eng verbunden: „Es ist unser Werk, wir geben dafür viel Hirnschmalz und Herzblut“, sagt Griesbeck. Und die Zeiten sind nicht leicht. In Regensburg werden – vorwiegend für den europäischen Markt – Leitungsschutzschalter und sogenannte Fehlerstrom-Schutzschalter gefertigt, von rund 620 Mitarbeitern.

Die Zukunft der Arbeit

Doch die Automatisierung schreitet auch in diesem Bereich immer weiter voran. Bis zu 13,5 Millionen Leistungsschutzschalter verlassen jedes Jahr das Regensburger Siemens-Werk, pro Tag werden im Schnitt 55 000 Stück produziert, pro Sekunde einer. Nicht zuletzt auch um mit Konkurrenten mithalten zu können, die in Niedriglohnländern produzieren lassen, übernimmt immer häufiger der Kollege Roboter einfachere Arbeitsabläufe.

Für geringqualifizierte Mitarbeiter im Werk wird dies zunehmend zum Problem. Ihre Arbeitsplätze stehen sukzessive zur Disposition. Am Standort Regensburg sind rund 1300 Mitarbeiter beschäftigt – viele davon auch in der Forschung und Entwicklung neuer Produkte. Von der Oberpfalz aus wird der Siemens-Geschäftsbereich Low Voltage Production (Niederspannungsproduktion) mit weltweit 13 000 Mitarbeitern gesteuert. Darüber hinaus gibt es noch einen Standort in Cham mit rund 200 Beschäftigten.

Weniger Handarbeit erforderlich

In Regensburg wurden schon im vergangenen Jahr Stellen gestrichen. Der Hintergrund war ein konzernweites Effizienzsteigerungsprogramm. In dessen Zuge wurde die Marketing- und Vertriebsabteilung zusammengelegt, zentralisiert und es wurden insgesamt 80 Arbeitsplätze nach Nürnberg verlagert. 50 weitere Stellen sollten im Werk wegfallen. Im Konzern gibt es eine Gesamtbetriebsvereinbarung, wonach betriebsbedingte Kündigungen bis zum Jahr 2020 ausgeschlossen sind („Radolfzell II“). Für den Betriebsrat bedeutete dies jede Menge Detailarbeit. Das Ergebnis waren verschiedene Lösungen: Ein Teil der Mitarbeiter entschied sich für eine Weiterqualifizierung, ein anderer für eine Abfindung und wieder ein anderer Teil wird anderweitig beschäftigt.

„Weil wir wissen, wo der Weg hingeht, legen wir den Fokus ganz stark auf Qualifizierung.“

Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Franz Fischer

Unterdessen schwebte das Damoklesschwert einer Produktablösung über dem Werk: ein traditioneller Schalter sollte durch einen anderen ersetzt werden, bei dessen Produktion weit weniger Handarbeit nötig war. Und ein Großauftrag aus der Türkei lief langsam aus. Laut Fischer befinden sich Arbeitnehmervertretung und Betriebsleitung seit einigen Jahren in einem intensiven Diskussionsprozess darüber, wie die Arbeit der Zukunft aussehen wird, und wie man den Standort und seine Mitarbeiter entsprechend aufstellen kann und muss.

„Wir brauchen mehr Facharbeiter“

Griesbeck: „Das Zauberwort lautet Qualifizierung.“ Als der Konzern im August 2016 entschied, dass das ältere Modell des Fehlerstrom-Schutzschalters ab Januar 2017 nicht mehr gefertigt wird, wussten die Betriebsräte, was das für die Belegschaft bedeuten wird – einen Stellenabbau. Siemens-Pressesprecher Heiko Jahr teilte unserem Medienhaus am 31. August mit, dass das Werk Regensburg „in den kommenden Jahren vor Veränderungen steht, die sich aus dem Wandel von Märkten sowie der Einführung neuer Produkte mit geringerer manueller Fertigungstiefe ergeben“. In diesem Rahmen würden auch Anpassungen in der Struktur der Beschäftigung diskutiert. Der aktuelle Stand der Überlegungen sei am 5. August dem Wirtschaftsausschuss präsentiert worden. Dabei seien Pläne vorgestellt worden, insgesamt 84 Stellen für angelernte Kräfte innerhalb der nächsten beiden Jahre sozialverträglich abzubauen. Die entsprechenden Gespräche mit den zuständigen Arbeitnehmervertretern am Standort Regensburg würden unmittelbar aufgenommen.

Einen Kommentar zur Situation am Siemens-Standort Regensburg lesen Sie hier.

Kommentar

Botschaft verstanden

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Griesbeck, Fischer und Kollegen sind also gerade wieder dabei, mit einzelnen Mitarbeitern unterschiedliche Lösungsvarianten zu besprechen. Fischer: „Weil wir wissen, wo der Weg hingeht, legen wir den Fokus ganz stark auf Qualifizierung. Fakt ist: Wir brauchen mehr Facharbeiter.“ Den Betriebsräten ist es wichtig, die Leute auf dem Weg in die Zukunft mitzunehmen: „Die Berufswelt wandelt sich grundlegend“, sagt Griesbeck. Und: „Nur wer sich mit verändert, der wird weiter gut leben können.“

Viele kompetente Partner

Die neue Siemens-Zentrale in München. Foto: dpa
Die neue Siemens-Zentrale in München. Foto: dpa

Wer am Standort Regensburg etwas bewegen und aktiv angehen wolle, habe viele kompetente Partner – von der Arbeitsagentur über die Stadt bis hin zu den Kammern. So sei es beispielsweise gelungen, eine junge Leiharbeiterin ohne Berufsausbildung zur Industriemechanikerin weiterzubilden. Mit dem großen Ziel der Standortsicherung setze man hauptsächlich auf Qualifikation und Innovation. In der Öffentlichkeit werde vor allem der Nachbar Continental wahrgenommen, bedauert Fischer. Dabei stehe auch das Siemens-Werk Regensburg durchaus für Hightech. In dem Niederspannungsbereich sei es weltweit sogar ein Leitwerk. Der Münchner Technologiekonzern plane keine Abkehr von dem Standort, sondern investiere sogar kräftig. Allerdings könne man im Vergleich mit den Wettbewerbern nur dann existieren, wenn sich die Qualität der Jobs ändere.

Nach Angaben von Robert Brüderlein, Pressesprecher der Agentur für Arbeit in Regensburg, haben von allen in Deutschland gemeldeten freien Arbeitsstellen lediglich 20 Prozent ein Anforderungsprofil für An- und Ungelernte. Und es würden ständig weniger. Dieser Trend ist auch im Regensburger Siemens-Werk schon jetzt mehr als deutlich. Während einfachere Tätigkeiten durch die Automatisierung wegfallen, werden Facharbeiter benötigt, die die Maschinen bedienen können. Griesbeck sagt es noch einmal: „Die Devise lautet Qualifizierung und noch einmal Qualifizierung.“

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