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Welterbe: So profitiert die Wirtschaft

Regensburger Lokale und Geschäfte florieren dank der Touristen. Einzige Kritik: Dass die Unesco die Westtrasse verhindert.
Von Marion Koller, MZ

„Oskar Schindler lived here“: Eine Gruppe von US-Touristen vor dem Haus Am Watmarkt 5
„Oskar Schindler lived here“: Eine Gruppe von US-Touristen vor dem Haus Am Watmarkt 5 Foto: Koller

Regensburg.2006 registrierten die Regensburger Touristiker knapp 716 000 Gäste-Übernachtungen im Jahr, heute sind es beinahe eine Million. Dieser gewaltige Zuwachs hängt eng mit dem Welterbestatus zusammen. Alle befragten Gesprächspartner aus Handel und Gastronomie betrachten den Titel als Gewinn. Nur vereinzelt melden sich kritische Stimmen. Sie bedauern, dass wegen der Unesco die Westtrasse über die Donau, eine Bus- und Radfahrerbrücke zwischen Badstraße und Holzlände, gekippt wurde. Daraus resultiere eine mangelnde Verkehrsanbindung des Nordens an die Altstadt.

Laut einer Erhebung der dwif-Consulting GmbH gibt ein Tagestourist 38 Euro und ein Übernachtungsgast 169 Euro (mit Hotel) in Regensburg aus. Passagiere der Kreuzfahrtschiffe zählen zwar als Tagestouristen, geben aber laut Regensburg Tourismus GmbH (RTG) mehr aus als der Durchschnitt, weil sie teurer einkaufen. Das bescheinigen der Hutkönig am Dom oder La Casita in der Neuen-Waag-Gasse. Von den Touristen profitieren laut RTG in erster Linie das Gastgewerbe, also Hotels, Restaurants und Imbisse, außerdem die Sehenswürdigkeiten, der Einzelhandel, Veranstaltungen, Kultureinrichtungen und die Schifffahrt.

Die Touristinnen Monika Hillen und Marlene Kremers schlendern am Mittwoch durch die Obere Bachgasse. Die 67-jährige Hillen hat im Dritte-Welt-Laden Ohrringe und ein Salatbesteck erworben. Ihre Freundin Marlene (74) hat sich einen Ring mit Swarovskisteinen aus einem Kunstgewerbeladen gegönnt. „Wir kaufen alles, was schön ist“, erzählen sie lächelnd. Die Damen aus Leverkusen verbringen zweieinhalb Tage in Regensburg. Besichtigt haben sie das T&T-Schloss. Sie geben am Tag jeweils 120 Euro aus – das günstige Hotel eingerechnet.

Die Touristinnen Monika Hillen und Marlene Kremers geben am Tag jeweils 120 Euro in Regensburg aus. Foto: Koller
Die Touristinnen Monika Hillen und Marlene Kremers geben am Tag jeweils 120 Euro in Regensburg aus. Foto: Koller

Die Touristen lassen sich den Aufenthalt also etwas kosten. Das komme auch der „zweiten Umsatzstufe“ zugute, erklärt Dr. Martin Kammerer, Geschäftsführer des IHK-Gremiums (Industrie- und Handelskammer). „Der Handwerker, der die Elektroinstallationen im Hotel vornimmt, der Bäcker, der die Semmeln liefert, und auch die Stadt, die mehr Gewerbe- und Umsatzsteueranteile einnimmt – alle profitieren.“ Der Kreisvorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbands, Michael Scharff, spricht gar von einem „Riesenschub für Regensburg“. Kneitinger-Chef Mathias Reichinger bestätigt, dass die Gastronomie massive Zuwächse verzeichne.

In den zehn Jahren seit der Titelverleihung hat Regensburg laut Welterbekoordinator Matthias Ripp „Fördermittel in Höhe von mehr als 15 Millionen Euro über das Thema Unesco-Welterbe eingeworben“. Das hat der lokalen Bauwirtschaft genützt: bei der Sanierung der Steinernen Brücke, der Porta Praetoria und beim Umbau des Hauses der Musik. Als weicher Standortfaktor spiele der Titel eine wichtige Rolle für die Unternehmen – besonders bei der Gewinnung hoch qualifizierter Mitarbeiter.

Guido Herrmann, Geschäftsführer der Galeria Kaufhof, freut sich über die spendablen Welterbe-Touristen, spricht aber sofort das Problem Westtrasse an. „Bei Baugeschichten hindert der Titel“, sagt das Vorstandsmitglied von Faszination Altstadt. Genehmigungen würden restriktiver gehandhabt. Weil die Busse über die Nibelungenbrücke fahren müssen, erreichten Besucher aus dem Norden die Altstadt nur über Umwege. Herrmann fordert auch einen leistungsfähigeren ÖPNV.

Dr. Kammerer von der IHK springt ihm bei. Der Welterbetitel bringe leider auch die Akzeptanz von Notlösungen mit sich. Es gebe keine große Lösung für den fehlenden weiteren Donau-Übergang: „Die seit 2008 gesperrte Steinerne Brücke bleibt für den ÖPNV tabu, die Westtrasse ist wegen des Unesco-Vetos nicht realisierbar. Die Osttrasse würde das Naherholungsgebiet Grieser Spitz durchschneiden.“ Auch die kleinste Lösung, die Anbindung von Stadtamhof und eventuell des Parkplatzes am Dultplatz über den ab 2022 ertüchtigten Grieser Steg mit E-Bussen, sei wegen Anwohnerwiderspruchs verworfen worden, ohne eine Machbarkeitsstudie in Auftrag zu geben. „Darüber sollte die Stadt nochmals nachdenken, Fahrgastbefragungen könnten Nutzungsdaten liefern“, empfiehlt Kammerer.

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Das gesamte Programm zum Welterbejubiläum finden Sie hier! Auf Mittelbayerische Maps haben wir die Programmpunkte verortet:

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