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Fleisch der Zukunft

Appetit auf einen Wachstumsfaktor

Viele Player wollen sich ihr Stück vom Laborsteak der Zukunft abschneiden. Aber nicht allen schmecken die Beilagen.
Von Rebecca Sollfrank, Wirtschaftszeitung

  • Eklige Vorstellung oder das einzig moralisch saubere tierische Lebensmittel? Laborfleisch könnte einen Siegeszug durch die Küchen der Welt antreten – zuvor gibt es jedoch noch einige problematische Details zu klären. (Foto: Dmytro Sukharevskyi - stock.adobe.com)
  • Im Jahr 2013 wurde in den Niederlanden der erste Hackfleischburger aus dem Labor vorgestellt. Heute versuchen sich zahlreiche Start-ups weltweit am „Clean Meat“. Ein Steak zu züchten, das dem „Original“ in nichts nachsteht, ist ihnen aber erst im Ansatz gelungen. (Foto: Ilia Yechimovich/dpa)
  • Der erste Laborburger kostete noch unglaubliche 330000 US-Dollar. (Foto: David Parry-Pa Wire Handout - dpa)

Regensburg.Was werden die Menschen künftig lieber essen: „Laborfleisch“ oder „sauberes Fleisch“? Eine Studie der Hochschule Ansbach in Kooperation mit ProVeg International zeigt: Wie das Steak der Zukunft genannt wird, entscheidet wesentlich über die Akzeptanz durch den Verbraucher. Ob dieses Fleisch wirklich so sauber ist und die Zukunft der Ernährung sein kann, ist jedoch umstritten. Tatsache ist, Rind oder sogar Huhn aus der Retorte ist längst keine Pausenspielerei verrückter Wissenschaftler mehr, sondern ein Start-up-Wirtschaftszweig, in den vom Pharmariesen bis zum Fleischkonzern die großen Player auf dem Markt investieren.

10000 Kilo Rinderhack aus nur einer Muskelstammzelle eines lebenden Rinds – und das ohne Massentierhaltung oder Futtermittelfelder, lediglich mit einer Nährlösung, die aus embryonalem Rinderblut gewonnen wird? Diese Zahl bescherte 2013 Fleischliebhabern wie Tier- und Umweltschützern rosarote Zukunftsträume. In dem Jahr servierte der niederländische Kunstgewebeforscher Mark Post den ersten Hamburger aus Laborrindfleisch. Seither ist das Thema in aller … Ohren. Denn in aller Munde ist das Kunstfleisch derzeit noch nicht. Posts Sensationsgericht kostete vor sechs Jahren 330000 US Dollar. 2018 kostete ein solcher Laborburger immer noch 600 Dollar. Wie der Spiegel Mitte Mai berichtete, sagt eine aktuelle Erhebung der Unternehmensberatung A.T. Kearney voraus, dass das künstliche Steak bis 2030 mit einem Kilopreis von dann 40 Dollar massentauglich werden könnte. Das vom eingangs erwähnten Gewebeforscher Mark Post gegründete Start-up Mosa Meat will schon 2021 mit seinem Kunstfleisch auf den Markt. Helfen sollen hier 7,5 Millionen Euro Sponsorengelder, die bis Mitte vergangenen Jahres unter anderem von dem Darmstädter Pharmakonzern Merck eingeworben wurden. Ebenfalls 2018 vermeldete der Fleischkonzern Wiesenhof eine Beteiligung am israelischen Start-up Supermeat, das auf den Markt für Geflügellaborfleisch drängt. Erstmals hatte die Firma Memphis Meat im März 2017 in San Francisco künstliches Hühner- und Entenfleisch produziert – mit dem Blick auf die Geschmäcker in Asien. Das Kilo Kunsthuhn schlug zumindest damals noch mit 9000 Dollar zu Buche.

Fleisch spaltet die Gesellschaft

Aber was bringt uns Menschen dazu, uns mit so viel Elan und Kapital ins Lebensmittel Fleisch zu verbeißen? Unser Fleischkonsum – in Deutschland immerhin im Schnitt pro anno 60 Kilo pro Person – ist eine historische Entwicklung, die aus der Eiweißunterversorgung der Bevölkerung vor den beiden Weltkriegen resultiert. Professor Dr. Gunther Hirschfelder lehrt an der Universität Regensburg vergleichende Kulturwissenschaft und hat zahlreiche Bücher über Ernährung und Esskultur veröffentlicht. „Fleisch war schon immer ein Wohlstandsindikator und für weite Teile der Bevölkerung Sehnsuchtsprodukt“, erklärt er. Das führte zu einer positiven Aufladung des Produktes Fleisch, das zudem in zahlreichen Bräuchen im Jahreslauf verankert war. Das 21. Jahrhundert brachte indes nicht nur den radikal neuen digitalen Lebensstil, sondern einen Wandel in der Esskultur. Und der sei geprägt von einem neuen politischen und medialen Umgang mit dem Thema. „Klimaschutz und Tierwohl sprechen klar gegen die Massentierhaltung“, sagt Hirschfelder. Die Vernunft – und das Gewissen – raten also eigentlich zum Fleischverzicht, doch das tradierte Bauchgefühl verlangt nach der gewohnten tierischen Kost.

„Das ist ein Widerstreit zwischen kognitiver und emotionaler Ebene“, sagt Hirschfelder, für den Laborfleisch trotzdem aus kulturhistorischer Sicht kein logischer Schritt ist. Das wäre für ihn eher der Vegetarismus respektive die Erschließung anderer Eiweißquellen, wie das etwa die nordindische Küche wunderbar vormacht. Der Mensch, so Hirschfelder, brauche Eiweiß, aber nicht vom Tier.

Zweifel am Petrischalen-Burger kommt von mehreren Seiten, etwa an seiner Klimafreundlichkeit. Das Online-Magazin „Scinexx“ berichtet im Februar 2019 über Berechnungen von John Lynch und Raymond Pierrehumbert von der University of Oxford. Die beiden werteten vier verschiedene Fleischkultivierungstechniken auf ihren CO-Ausstoß hin aus. Das Ergebnis, vereinfacht dargestellt: Bei weiterhin hohem globalem Fleischkonsum hätte das Laborfleisch zunächst zwar den kleineren Klima-Fußabdruck. Würde der Fleischkonsum aber sinken, drehe sich das Verhältnis. Weil das Laborfleisch vor allem CO-Emissionen verursache, die in der Atmosphäre lange klimaschädlich wirkten, wohingegen Rinderhaltung vor allem das weitaus flüchtigere Methangas zur Folge habe. Fazit der Oxforder: Weniger Naturrinder wären allemal besser als Laborfleischmassenproduktion. Auch wenn die Studie auf dem aktuellen Energiemix basiert und das Laborfleisch, mit regenerativen Quellen erzeugt, schnell Boden gegen das Wiesenrind gewänne, bleibt eine nachvollziehbare Lehre: Noch so sauberes Laborfleisch ist keine Lizenz zum uneingeschränkten Fleischkonsum. Und seine wirklich klimafreundliche Produktion hängt, wie bei der E-Mobilität, von der weitreichenden Verfügbarkeit regenerativer Energien ab.

Essen bleibt eine Religion

Wie sich der Fleischmarkt in den kommenden Jahren entwickelt, hat die bereits erwähnte Unternehmensberatung A.T. Kearney vorausberechnet. Sie geht bis 2030 von einem Marktanteil von veganen Fleischimitaten und Laborfleisch von 28 Prozent, bis 2040 sogar von bis zu 60 Prozent aus. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass der Aktienwert des amerikanischen Fleischersatzherstellers Beyond Meat unlängst innerhalb von zwei Tagen von 1,5 auf vier Milliarden Dollar gestiegen ist. Als „Silicon Valley der Laborfleischproduktion“ sieht sich laut Wirtschaftswoche vom 14. März dieses Jahres allerdings Israel. Im Dezember 2018 vermeldete die Firma Aleph Farms, ein Drei-Millimeter-Steak gezüchtet zu haben, was ein ungleich komplexerer Vorgang ist als das bisher übliche Hackfleisch. Aus Israel kommt darüber hinaus ein bisher wenig beachteter Nebeneffekt: Mehrere Rabbiner haben das Laborfleisch inzwischen als koscher eingestuft und weil es nicht vom geschlachteten Tier komme, könnte man es womöglich sogar mit Käse, also einem Milchprodukt, verzehren, was normalerweise gegen die jüdischen Ernährungsregeln verstößt. So bleibt Ernährung 4.0, was Ernährung 1.0 schon immer war: eine Religion.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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