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KI

Auch Maschinen machen Fehler

Künstliche Intelligenz ist nicht der Weisheit letzter Schluss, meint Prof. Dr. rer. pol. Georg Herde von der TH Deggendorf.
Von François Baumgartner, Wirtschaftszeitung

Prof. Dr. Georg Herde (Foto: TH Deggendorf/Mathias mad Adam)
Prof. Dr. Georg Herde (Foto: TH Deggendorf/Mathias mad Adam)

Deggendorf.Herr Prof. Herde, warum ist die digitale Analyse für Prüfung, Revision und Controlling so wichtig?

Prof. Dr. Georg Herde: Neue digitale Geschäftsmodelle verändern die Wirtschaft grundlegend. Mehr denn je geht es gerade hier um zuverlässige Erkenntnisse, um Fakten, die in einer immer schneller werdenden Kommunikation Bestand haben müssen. Dies unterstreicht einmal mehr die wachsende Bedeutung der digitalen Datenanalyse. Computer durchstöbern mit raffinierten Algorithmen Steuererklärungen, Unternehmensbilanzen oder Daten aus statistischen Erhebungen. Sie finden Fehler, Manipulationen und Unregelmäßigkeiten und bilden damit zunehmend die Grundlage für weitreichende Entscheidungen.

Was kann man mit Data Science und künstlicher Intelligenz (KI) alles machen?

Im Rechnungswesen können zum Beispiel nicht nur ex post, sondern auch in Echtzeit auffällige Transaktionen, die von der Norm abweichen, sehr gut erkannt werden. Data Science und künstliche Intelligenz werden damit nicht nur im Rechnungswesen als Entscheidungsunterstützung herangezogen. Das können Prognosemodelle sein, wie etwa im Bereich von Kosten- und Ertragsszenarien, oder Algorithmen zur Aufdeckung von Anomalien oder doloser Handlungen.

Lösen Algorithmen alle Probleme?

Nein. Sie stellen in erster Linie Werkzeuge dar. Es sind immer noch Menschen, die diese Algorithmen beherrschen und richtig interpretieren können müssen. Der Glaube oder vielleicht sogar das Wunschdenken, man könne das menschliche Denken und das mühsame Arbeiten mit der Mathematik und Statistik outsourcen oder durch Algorithmen ersetzen, ist ein Trugschluss. Die Wirtschaftsprüfung auf Knopfdruck wird es so bald nicht geben. Wir müssen daher wissen, wie diese Algorithmen funktionieren, und lernen, ihre Ergebnisse richtig einzuschätzen. Nur dann prüfen wir, sonst glauben wir an den Rechner, das Programm oder den Programmierern.

Was halten Sie von einer programmierbaren Nullfehlertoleranz?

Operative Exzellenz ist wichtig. Dort, wo computergestützte Entscheidungsprozesse helfen können, sollte deren Einsatz erwogen und durch Menschen kontrolliert werden. Künstliche Intelligenz ist aber nicht der Weisheit letzter Schluss. Wie wir Menschen machen auch Maschinen Fehler. Und aus Fehlern zu lernen ist eine Grundvoraussetzung für jeden Erkenntnisgewinn. Eine Nullfehlertoleranz in unserer Gesellschaft halte ich daher für einen Widerspruch in sich. Algorithmen, die keine Erklärungskomponente haben, berauben uns der Möglichkeit, Fehler zu erkennen.

Wie sieht die Zukunft der Abschlussprüfung aus?

Im Hinblick auf die gesellschaftlichen Änderungen durch Massendatenanalysen und künstliche Intelligenz sollten wir uns fragen, welche Eigenschaften in Zukunft von den Mitgliedern der prüfenden Berufe erwartet werden. Neben der Beherrschung von rechtlichen Rahmenbedingungen wird ein vertieftes Verständnis von mathematischen, statistischen und rechnergestützten Analysemethoden entscheidend sein.

Was bedeutet das für die betriebswirtschaftliche Hochschulbildung?

Wir werden unser Ausbildungsprogramm anpassen müssen und einen Fokus auf die genannten Schlüsselqualifikationen legen. Aber auch die Berufsorganisationen werden ihre Prüfungs- und Zugangsexamina anpassen müssen. Steuer-, Handelsgesetze, Bilanzierungsrichtlinien zu kennen bleibt weiterhin wichtig, wird aber alleine nicht mehr ausreichen. Wir brauchen eine Zusatzqualifikation in den Bereichen mathematisch-statistische Methoden und IT, die beispielsweise eine Beziehung zwischen Bewertungsmethoden und modernen Verfahren der analytischen Erkenntnisgenerierung herstellen kann. Das ist allerdings bei vielen Studenten nicht so populär.

Der Glaube oder vielleicht sogar das Wunschdenken, man könne das menschliche Denken und das mühsame Arbeiten mit der Mathematik und Statistik outsourcen oder durch Algorithmen ersetzen, ist ein Trugschluss. Die Wirtschaftsprüfung auf Knopfdruck wird es so bald nicht geben.“

Prof. Dr. Georg Herde

Prof. Andreas V. Georgiou war Eröffnungsredner des 15. Deggendorfer Forums zur digitalen Datenanalyse Ende April. Welche Rolle spielt die Ethik in der Statistik?

Die Ethik spielt in allen Lebensbereichen eine zunehmende, wenn nicht eine zwingende Rolle. Umwelt, Politik, Konfliktbewältigung oder autonomes Fahren werden durch ethische Fragestellungen begleitet. Was nützen uns die besten Methoden der KI, wenn zuletzt über das Ergebnis und nicht über die Konsequenzen abgestimmt wird? Für diese Diskussion konnten wir uns keinen besseren Referenten als Professor Andreas V. Georgiou wünschen, der Leidtragender fehlender oder nicht angewendeter ethischer Rahmenbedingungen ist. Damit meine ich seine Korrektur des griechischen Staatsdefizits für 2009 von ursprünglich 3,9 auf 15,4 Prozent. Das führte letztendlich zur von der EU diktierten Austeritätspolitik.

Wie reagierten die Griechen auf seine Ehrlichkeit?

Georgious Offenheit wurde in Griechenland Teil des Narrativs vieler Verschwörungstheorien gegenüber der EU und auch Deutschland. 2018 hat der oberste Gerichtshof wegen „Verletzung des nationalen Interesses“ eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren zur Bewährung verhängt – ein mögliches Nachspiel vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte steht meines Wissens nach wie vor im Raum. Flankiert wurde Georgious Position durch den Vortrag von Prof. Gigerenzer. Er betonte eindringlich die Notwendigkeit einer breiten Ausbildung mit statistischen Grundkenntnissen als zwingende Notwendigkeit des gesellschaftlichen Miteinanders.

Wie bewerten Sie das 15. Forum zur digitalen Datenanalyse in der Rückschau?

Die erhaltenen, durchweg positiven Rückmeldungen, aber auch die kreativen Vorschläge für das Forum im nächsten Jahr belegen, dass wir einen Nerv getroffen haben. Wir wollten ein Zeichen, einen Gegenpol setzen zu der beherrschenden Euphorie bei den Schlagwörtern „Digitalisierung“ und „disruptive Geschäftsmodelle“. Dies scheint gelungen. Die Planungen zum 16. Deggendorfer Forum Ende April 2020 laufen.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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