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WZ Porträt

Dankbar, beeindruckt und demütig

Regierungspräsident Axel Bartelt über sein Amt, die Zeit als Protokollchef von Edmund Stoiber und Momente am Grill.
Von Gerd Otto und Thorsten Retta

  • Präsident der Regierung der Oberpfalz und selbst ernannter „Neu-Oberpfälzer“: Axel Bartelt (Fotos: Istvan Pinter)
  • Auf der Fahrt zwischen Regensburg und Donaustauf beantwortete der Regierungspräsident die Fragen der WZ-Redakteure Thorsten Retta (l.) und Gerd Otto.
  • Im marineblauen Zweireiher mit Doppelknopfleiste hätte Axel Bartelt durchaus die Brücke der MS Kristallprinzessin übernehmen können.

Regensburg.Herr Bartelt, genau genommen sind Sie als gebürtiger Ulmer kein „richtiger Bayer“. Wie bezeichnen Sie sich selbst?

Axel Bartelt: Sie haben nur zum Teil Recht. Ich bin zwar gebürtig ein baden-württembergischer Schwabe aus Ulm und deshalb nenne ich mich heute gerne augenzwinkernd „Neu-Oberpfälzer“. Aber andererseits habe ich vor 41 Jahren durch die Eheschließung mit meiner Frau Claudia, einer waschechten Münchnerin – legal nach Artikel 6 der Bayerischen Verfassung –, die Bayerische Staatsangehörigkeit erworben und fühle mich auch als Bayer. Und ich bin dem lieben Herrgott dankbar, dass ich in diesem wunderschönen Land leben darf.

Wie hat diese „Neu-Oberpfälzer“ Perspektive Ihre Arbeit als Regierungspräsident der Oberpfalz beeinflusst?

Es ist sicher von Vorteil, dass ich meine Aufgabe als Regierungspräsident der Oberpfalz frei und unbelastet von irgendwelchen Vorurteilen und persönlichen Erfahrungen angetreten habe. Ich war von Anfang an und bin auch immer noch vom Fleiß und dem Einsatz der Oberpfälzer beeindruckt, wie sie sich im Laufe der Jahre aus der schier ausweglos scheinenden Situation eines Armenhauses befreit haben. Allein in den letzten zehn Jahren stieg die Beschäftigtenzahl um 90000 Menschen, und statt einer Winterarbeitslosigkeit von über 45 Prozent, wie es sie zum Beispiel Ende der 80er-Jahre im Raum Bad Kötzting gab, liegt die Oberpfalz heute mit einer Quote von 2,3 Prozent an der Spitze aller bayerischen Regierungsbezirke – und das seit mehr als drei Jahren. Das ist beeindruckend und darauf können die Menschen hier in der Region stolz sein!

Wie sehen Sie Ihre Arbeit?

Ich verstehe mich eher als Dienstleister, Vermittler und Manager, damit sich die Oberpfalz auch weiterhin positiv entwickelt. Als jemand, der den anderen Akteuren die Bälle zuspielt, und nicht als erster Mann in der Oberpfalz. Als Regierungspräsident sollte man sich stets auch immer etwas zurücknehmen, ich bin ja auch kein gewählter Politiker, sondern ein Beamter, der seine Aufgaben sehr ernst nimmt – und dennoch Spaß dabei hat.

Apropos Aufgaben: Worin sehen Sie die größten Herausforderungen der Region?

In der Herstellung gleicher Lebensverhältnisse zwischen der nördlichen beziehungsweise östlichen Oberpfalz und Regensburg – beziehungsweise dem südwestlichen Teil der Oberpfalz. Beispielsweise bei der Infrastruktur. Das ist das A und O. Dieser Bereich kam aufgrund der Grenzlage viele Jahre zu kurz. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so etwas wie die Bahnverbindung zwischen München und Prag heute in Europa ein zweites Mal gibt: Sieben Stunden Fahrzeit für knapp 400 Kilometer, und das zwischen zwei europäischen Metropolen – das sind rund 55 Kilometer in der Stunde! Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Die Strecke wurde zwar auf massiven Druck des Freistaats Bayern endlich in den vordringlichen Bedarf im Bundesverkehrswegeplan aufgenommen. Aber Fakt ist: Die Tschechen sind hier bedeutend weiter als wir.

„Ich bin fest davon überzeugt, dass die Millionen Flüchtlinge, die nach 1945 ins Land kamen, für Deutschland – und speziell für Bayern – ein Gewinn waren, der bis heute wirkt.“

Axel Bartelt

Ihre Mutter stammt aus dem heutigen Tschechien. Wie sind Sie familiär geprägt?

Beide Elternteile sind Flüchtlinge, das hat mich sicher sehr geprägt. Mein Vater stammt aus Mecklenburg-Vorpommern, meine Mutter aus dem Sudetenland. Sie mussten mit nichts anfangen. Meinen Eltern wurde damals eine 20 Quadratmeter große Dachwohnung zugewiesen, in der wir anfangs zu viert lebten. In leeren Apfelsinenkisten haben meine Eltern die Wäsche und die Kleidung aufbewahrt. Sie haben aber, wie viele andere Flüchtlinge, nie aufgegeben, sich aus ärmlichsten Verhältnissen hochgearbeitet, ihren beiden Kindern die beste Schulausbildung ermöglicht und ihren Beitrag zum Wiederaufbau Deutschlands nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geleistet. Nicht nur deshalb bin ich fest davon überzeugt, dass die Millionen Flüchtlinge, die nach 1945 ins Land kamen, für Deutschland – und speziell für Bayern – ein Gewinn waren, der bis heute wirkt.

Was können wir heute daraus lernen?

Dass jeder von uns in besonderen Lebenssituationen zu mehr fähig ist, als er sich selbst zutraut. Dass man sich sein Schicksal nicht aussuchen kann, sondern es so annehmen muss, wie es ist, man aber immer auch versuchen muss, das Beste daraus zu machen. Und dass wir uns der politischen Fehler von damals und deren katastrophalen Folgen stets bewusst sein und alles tun sollten, damit sich so etwas nie wiederholen kann.

Nach dem Jurastudium begann Ihre berufliche Laufbahn als Regierungsrat an der Regierung Oberbayern. Ihr Berufsziel war aber eigentlich Rechtsanwalt. Sie arbeiteten sogar in einer Anwaltskanzlei in Texas in den USA. Was gab den Ausschlag für das bayerische Innenministerium?

Nach Bekanntgabe der Prüfungsergebnisse des zweiten Staatsexamens habe ich zu meiner Überraschung ein Schreiben des Innenministeriums erhalten, ob ich nicht Interesse hätte, im Innenressort mitzuarbeiten. Es war wohl die bemerkenswerte Breite der Tätigkeitsfelder, die mich damals fasziniert hat. Vom Landratsamt über die Bezirksregierungen bis ins Ministerium und die Verwaltungsgerichte eröffnen sich einem jungen Juristen hier die unterschiedlichsten Aufgabenbereiche. In den Anfangsjahren habe ich bestimmt nicht gleich an Ministerium oder Staatskanzlei gedacht.

Das änderte sich 1993, als Sie nach sechs Jahren im Innenministerium doch in die Staatskanzlei wechselten – als persönlicher Referent des Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und später als Chef des Protokolls. Was ist von diesen über 20 Jahren in der Staatskanzlei am meisten in Erinnerung geblieben?

Natürlich war es beeindruckend, in der Schaltzentrale des Freistaates Bayern, noch dazu unmittelbar für den bayerischen Ministerpräsidenten, arbeiten zu dürfen und dabei Persönlichkeiten wie Papst Benedikt XVI., Michail Gorbatschow, dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, der thailändischen Königin Sirikit oder dem Präsidenten der EU-Kommission José Manuel Barroso zu begegnen. Dafür bin ich sehr dankbar. Einer der wenigen bedeutenden Staatsmänner, den wir in meiner Zeit als Protokollchef in Bayern nicht begrüßen konnten, war der amerikanische Präsident. Dafür durfte ich 2002 beim Besuch des Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber bei George W. Bush im Weißen Haus mit dabei sein. So etwas entschädigt für alle Mühen und Überstunden.

Und inhaltlich? Welche Begegnung hat Sie mit am meisten geprägt?

Das war im August 1994, als ich von Ministerpräsident Stoiber gebeten wurde, eine Begegnung zwischen ihm und dem damaligen tschechischen Ministerpräsidenten Václav Klaus vorzubereiten, und zwar „geheim“, ohne Protokoll und Presse – nur sie beide mit ihren Ehefrauen. Stoiber hatte schon damals den Weitblick, zu erkennen, wohin sich die politischen Verhältnisse entwickeln. Solche Treffen können zwar durchaus eine heikle Mission sein, es gelang ihm aber, über mehrere Stunden ein intensives, vertrauensvolles Vier-Augen-Gespräch mit Klaus zu führen. Die beiden Ehegattinnen absolvierten in der Zwischenzeit ein Besuchsprogramm am Chiemsee, was für Frau Stoiber als gebürtige Sudetendeutsche sicher auch nicht einfach war. Leider war die Zeit für eine wirkliche Versöhnung damals noch nicht reif – auf beiden Seiten. Grundsätzlich, und das ist meine persönliche Erfahrung aus vielen Jahren, kommt es bei außenpolitischen Kontakten entscheidend darauf an, dass die „Chemie“ zwischen zwei Politikern stimmt. Es kann aber auch das protokollarische – oder in diesem Fall das protokollbefreite – Umfeld wesentlich dazu beitragen, ob ein Gespräch positiv verläuft oder nicht.

„Ich koche sehr gerne und im Sommer werfe ich oft den Grill an, um alles Mögliche über der ,lodernden Glut‘ zuzubereiten.“

Axel Bartelt

Und was macht der Regierungspräsident Axel Bartelt, wenn er sich gerade nicht um die Oberpfalz kümmert?

Meine oft knappe Freizeit verbringe ich natürlich sehr gerne zu Hause, gemeinsam mit meiner Familie im Chiemgau, wo wir seit fast 30 Jahren in einem kleinen Dorf abseits der großen Politik, dafür mit netten Nachbarn, vier Katzen und einem Hund zufrieden und zurückgezogen leben. Ich liebe die Natur, insbesondere die Berge, und gehe, wann immer es möglich ist, zum Wandern. Aber auch beim Angeln kann ich mich gut erholen. Ich koche sehr gerne und im Sommer werfe ich oft den Grill an, um alles Mögliche über der „lodernden Glut“ zuzubereiten. Bis jetzt sind alle Gäste gerne wiedergekommen.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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