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Regulierung

Das Comeback des Handwerksmeisters

Die Meisterpflicht ist für viele Berufen abgeschafft worden. Pfusch und andere Nachteile könnten die Rolle rückwärts bringen.
Von Bernhard Fleischmann

Besonders bei Fliesenlegern könnte bald wieder der Meisterbrief notwendig sein, um sich mit einer Firma selbstständig zu machen. Foto: Patrick Pleul/dpa
Besonders bei Fliesenlegern könnte bald wieder der Meisterbrief notwendig sein, um sich mit einer Firma selbstständig zu machen. Foto: Patrick Pleul/dpa

Regensburg.Ein schiefer Boden, Fliesenfugen, die sich nach wenigen Kontakten mit Wasser auflösen – Pfusch am Bau ist berüchtigt. Gutachter Adrian Blödt, Dipl.-Ing. (FH) aus Kohlberg (Landkreis Neustadt/Waldnaab), weiß: „An Fußböden gibt es sehr viele Schäden.“ Dass dies relativ häufig vorkommt, liegt nach Ansicht der Ständevertreter des Handwerks unter anderem an zu großen Freiheiten für Anbieter, die nicht ausreichend qualifiziert sind. Das soll sich ändern.

Die Meisterpflicht ist für Betriebe in zahlreichen Berufen weggefallen. Im Jahr 2004 wurden 53 Berufe liberalisiert, vom Goldschmied über den Orgelbauer, den Rollladenbauer bis hin zum Fliesen-, Parkett- oder Estrichleger. Jetzt scheint es so, als würde die Uhr zurückgedreht.

Hans Peter Wollseifer Foto: MZ-Archiv/Tino Lex
Hans Peter Wollseifer Foto: MZ-Archiv/Tino Lex

Die Handwerkskammern sind die treibende Kraft für die „Rückmeisterung“. Der deutsche Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer wetterte dieser Tage: „Wir können nicht jeden wild drauflos arbeiten lassen.“

Ob die Qualität der Arbeiten als Argument berechtigt sind, – ist umstritten. Auch die Beauftragung eines Meisterbetriebs schützt nicht zuverlässig vor großen Pannen. Etwa dann, wenn am Ende ein Sub-Subunternehmer übernimmt, der alles andere als qualifiziert ist.

Schäden an Fußböden

Blödt hält aufgrund seiner Erfahrungen mit Baumängeln eine ausgedehnte Meisterpflicht für sinnvoll, aber nicht uneingeschränkt. „Es gibt Anbieter ohne Meisterqualifikation, die ihre Grenzen kennen und in ihrem Rahmen gute Arbeit abliefern“, sagt er. Bei Fliesen- und Parkettlegern plädiert Blödt klar für eine Rückkehr zur Meisterpflicht, denn: „An Fußböden gibt es sehr viele Schäden.“

Verweigert ein Bauherr Zahlungen und landet der Streit vor Gericht, werden Gutachter herangezogen. Für das Zimmererhandwerk wird etwa Adrian Blödt eingeschaltet. Solche Verfahren werden sehr schnell sehr teuer, was Solo-Selbstständige und kleine Betriebe meist dazu bewege, lieber auf den ausstehenden Betrag zu verzichten als sich auf das unkalkulierbare Abenteuer vor Gericht einzulassen.

Mitunter werde gegen Beschränkungen verstoßen. So könnten sich Zimmerer mit Gesellenbrief selbstständig machen, dürften aber nicht alle Gewerke ausführen. Sie dürften etwa Dachfenster einbauen, aber nicht das Dach eindecken. Es seien schon einige Firmen erwischt worden, die mehr taten, als sie durften.

Jürgen Kilger, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern/Oberpfalz Foto: Graggo/Handwerkskammer
Jürgen Kilger, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern/Oberpfalz Foto: Graggo/Handwerkskammer

Die Argumentation der Handwerksvertreter scheint bei politischen Entscheidern allmählich zu wirken. Jürgen Kilger, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, macht einen „ausgeprägten politischen Willen“ aus, die Meisterpflicht in weiten Teilen wieder einzuführen. Die bayerische Staatsregierung habe einen entsprechenden Antrag im Bundesrat gestellt, die Bundesregierung eine Arbeitsgruppe eingerichtet.

Es sollen nach dem Wünschen des Handwerks nicht alle 53 liberalisierten Berufe wieder in die Meisterpflicht genommen werden, aber „deutlich über 30“, so Kilger.

Aus seiner Sicht hat die Deregulierung Wirtschaft und Verbrauchern mehr geschadet als genutzt. „2004 war der Einstieg in den heutigen Fachkräftemangel“, sagt Kilger. Das sei gut an Zahlen ablesbar: Zwar absolvierten weiterhin Handwerker auch in diesen Berufen die Meisterprüfung, aber weniger – damit schrumpften auch die Zahl der Ausbilder und in der Konsequenz die der Auszubildenden. „Diese Fehlentwicklung wird jetzt erkannt“, freut sich Kilger.

Mehr Betriebe, weniger Azubis


Auf der anderen Seite gab es immer mehr Unternehmen in diesen Bereichen. Nur würden sich dahinter viele Solo-Selbstständige verbergen. Im Gebiet der hiesigen Handwerkskammer hat sich die Zahl der Betriebe zwischen 2004 und 2017 ziemlich genau verdreifacht – auf 7175 Ende 2017. Dem stehen spürbar weniger Meisterprüfungen (37 statt 57) und Ausbildungsverhältnisse (473 statt 705) gegenüber.

So eindeutig wie die Handwerksvertreter diesen Zusammenhang herstellen, ganz so einfach sei es nicht, sagt Andreas Pieper, Sprecher des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB, Bonn). Für die Rückgänge der Auszubildendenzahlen im Handwerk seien sehr unterschiedliche Gründe verantwortlich. Er nennt vor allem die demografische Entwicklung oder die Tendenz zur höheren Qualifizierung. „Einen ausschlaggebenden Effekt der Abschaffung der Meisterpflicht zuzuschreiben, ist deshalb schwierig.“ Allerdings hält Pieper die Abschaffung der Ausbildungsqualität abträglich.

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Noch ein Aspekt spricht aus Kilgers und Wollseifers Erfahrung für die Rückkehr zu mehr Regulierung: Sie beklagen Wettbewerbsverzerrungen. „Viele Solo-Selbstständige geben an, dass sie weniger als 17 500 Euro Umsatz haben, damit müssen sie dann den Kunden gar keine Mehrwertsteuer in Rechnung stellen. Die können ihre Leistungen deutlich günstiger anbieten“, sagte Wollseifer. Diese Betriebe seien außerdem selten darauf angelegt, Personal aufzubauen und auszubilden.

Die Neuordnung des Handwerks 2004

  • Gesetz:

    Unter Meisterpflicht versteht man eine gesetzliche Regelung in Deutschland, die es nur Handwerksmeistern und Gleichgestellten erlaubt, handwerkliche Betriebe zu führen. Es gibt aber eine Reihe von Ausnahmen, etwa für Altgesellen.

  • Neuordnung 2004:

    Vor 15 Jahren wurden 53 Berufe von der Meisterpflicht befreit. Damit verblieben noch 41 Berufe mit Meisterpflicht. Zudem wurde eine Reihe weiterer Beschränkungen abgeschafft. So muss der Inhaber nicht mehr Meister sein.

Obendrein zahlten Solo-Selbstständige häufig keine Kranken- und Unfallversicherung und sorgten nicht fürs Alter vor. „Dadurch können sie ganz andere Preise kalkulieren und noch mal fast 40 Prozent günstiger anbieten. So kommt es, dass sie für die Stunde 25 Euro berechnen, und Betriebe, die ihre Sozialversicherungsabgaben leisten, 50 Euro berechnen.“

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