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Digitalisierung

Das Ende der Dummheit steht bevor

Künstliche Intelligenz entwickelt sich zu einem universalen Werkzeug. Auch in Ostbayern stehen KI-Lösungen im Fokus.
Von Stephanie Burger

Mustererkennung und Algorithmen sind die Basis für KI-Anwendungen. Bild: Sergey - adobe.stock.com
Mustererkennung und Algorithmen sind die Basis für KI-Anwendungen. Bild: Sergey - adobe.stock.com

Deggendorf.Ein lernender Algorithmus fällt Gerichtsurteile, Chatbots beraten Kunden und intelligente Pflückroboter holen Äpfel vom Baum: Derzeit kommen täglich aus aller Welt Erfolgsmeldungen über die künstliche Intelligenz (KI). Beratungshäuser wie Gartner oder Forrester sind sich einig: KI ist die Schlüsseltechnologie der Zukunft. Ob mit ihr sogar das „Ende der Dummheit“ beginnt, wie Zukunftsforscher Lars Thomsen postuliert, ist zwar noch nicht ausgemacht. Tatsache ist aber, KI wird die Zukunft prägen und keine Branche unberührt lassen.

Deutschland verliert Anschluss

Derzeit scheint Goldgräberstimmung in der KI-Szene zu herrschen. Immer mehr geht es um den praktischen Einsatz der KI. Das zeigte auch die Hannover Messe im April, auf der eine Vielzahl von KI-Lösungen für die Industrie präsentiert wurde. Sinnvolle KI-Lösungen sind vorhanden – ob sie jedoch auch implementiert werden können, steht auf einem anderen Blatt. Denn es fehlt Experten zufolge an KI-Kompetenz in den deutschen Unternehmen. Zuletzt hat dies der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) festgestellt, der dazu eine Umfrage unter 900 Mitgliedern durchgeführt hat. VDI-Präsident Volker Kefer fordert, dass KI ebenso selbstverständlich werden muss wie die Mathematik. Ein weiteres alarmierendes Ergebnis der Umfrage ist, dass nur noch 14 Prozent der Befragten Deutschland in einer Führungsposition auf dem Gebiet der KI sehen – ein Minus von 53 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. „Das deutet stark darauf hin, dass Deutschland den Anschluss im globalen KI-Wettbewerb verliert“, so Kefer.

Ähnlich sieht das auch Prof. Dr. Dr. Heribert Popp, der ab Herbst den Bachelor -Studiengang KI an der Technischen Hochschule Deggendorf leiten wird. „Die KI wird für alle Firmen ein Werkzeug sein, ein bleibender Gebrauchsgegenstand wie PC oder Smartphone“, sagt Popp. Den Kompetenzverlust sieht er auch darin begründet, dass Deutschland die KI-Forschung in den vergangenen 15 Jahren vernachlässigt habe. So seien die in den 1990-er Jahren eingerichteten Forschungsinstitute sukzessive aufgelöst worden, sagt Popp. Seit kurzem drehe sich jedoch der Trend um.

„Wenn wir aber nicht eine europaweite KI Initiative starten, droht deutsche KI gegenüber chinesischer und amerikanischer KI ins Hintertreffen zu geraten.“ Während der Professor das Drei-Milliarden-Euro-Paket der Bundesregierung für unzureichend hält, begrüßt er das kürzlich gestartete bayerische Kompetenznetzwerk KI. Dessen Ziel ist es, neue Forschungskapazitäten und bestehende Einrichtungen sowie den außeruniversitären Bereich und Hochschulen eng miteinander zu vernetzen. Forschungseinrichtungen sollen in München, Erlangen, Würzburg, Augsburg, Bayreuth, Ingolstadt und Amberg-Weiden entstehen.

Das Netzwerk ist mit einer Investitionssumme von rund 130 Millionen Euro hinterlegt, es sollen 95 Stellen geschaffen werden. In Ingolstadt ist der Startschuss bereits erfolgt, dort hat im April das Forschungszentrum „Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen“ eröffnet. An der OTH Amberg-Weiden wird laut Präsidentin Prof. Dr. Andrea Klug das Thema KI in das bestehende, vom Freistaat geförderte Leitprojekt „Digitaler Campus“ integriert. „Wir möchten im Rahmen des Kompetenznetzwerks eine serviceorientierte KI-Infrastruktur in der Oberpfalz aufbauen“, sagt Klug.

Interesse an KI nimmt stark zu

KI-Lösungen in kurzer Zeit zum Einsatz zu bringen – das ist das Ziel des Technologischen Instituts für angewandte Künstliche Intelligenz, kurz TIKI, in Weiden. CEO Ralf Plüschke, der auf langjährige Erfahrung in der Entwicklung von KI-Anwendungen zurückblickt, konstatiert, dass sich in der Region in Sachen KI einiges bewegt. „Man muss aber stark differenzieren. Sämtliche deutsche KI-Anstrengungen sind nicht mit denen in Ländern wie den USA oder China vergleichbar. Aber Fakt ist, die Unternehmen hierzulande haben den Mehrwert der KI erkannt.“ Auch bei den Unternehmen in der Region habe in den vergangenen fünf Jahren das Interesse, KI-Lösungen zu implementieren, stark zugenommen, sagt Plüschke.

Außerdem seien viele Start-ups mit KI-basierten Geschäftsmodellen an den Start gegangen. 34 von den 132 deutschen KI-Start-ups sitzen in München, aber auch in Ostbayern nehmen laut Dr. Veronika Fetzer, Projektleiterin der Digitalen Gründerinitiative Oberpfalz, KI-Gründungen zu. Zahlen liegen dazu nicht vor. Fetzer nennt aber Beispiele für vielversprechende KI-Start-ups aus der Oberpfalz, wie Consollino mit einer KI-Lösung für die alternative Energieversorgung, Planery mit einem KI-Planungstool für den Wohnungsbau, 8select mit einer KI-Lösung für kuratiertes Shopping oder die Parksteiner Adigi GmbH, die KI-gestützte Urlaubsberatung anbietet.

Plüschke macht im Zusammenhang mit KI-Start-ups jedoch darauf aufmerksam, dass viele davon vertikale Lösungen entwickeln, dass heißt, sie nutzen Infrastrukturen von Providern wie Google oder Amazon, um darauf aufbauend spezifische KI-Lösungen, wie einen Chatbot für den Erstkontakt von Kunden, zu entwickeln. „Auch solche Lösungen brauchen wir. Wichtig für die Unternehmen ist es aber vor allem, auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene KI-Lösungen schnell und mit überschaubarem Aufwand entwickeln zu können.“ Solche horizontalen Lösungen seien allerdings relativ komplex. „Eine wirklich produktive KI-Lösung hat vier Entwicklungsstufen durchlaufen, auf denen Data Engineers, Data Scientists, Software-Entwickler und IT-Experten zusammenarbeiten.“ Zu lösen ist diese Aufgabe nach Ansicht von Plüschke vor allem kooperativ und mithilfe einer technischen Plattform, die das kooperative Arbeiten ermöglicht.

KI setzt Digitalisierung voraus

Dieser Ansatz steckt hinter der Gründungsidee des TIKI-Instituts, das 2018 aus einem Forschungsbereich der Sammhamer AG hervorgegangen ist. Der Weidener Full-Service-Dienstleister Samhammer hatte bereits 2012 mit KI-Forschung begonnen, um technische Serviceprozesse zu optimieren. Seit 2015 setzt Samhammer die Ergebnisse dieser Forschung erfolgreich in Kundenprojekten ein.

„Mit TIKI möchten wir die Erfahrung aus sechs Jahren Grundlagenforschung für den Mittelstand nutzbar machen“, so Plüschke. Außerdem wolle man den Kompetenzerwerb unterstützen. „Wir erarbeiten zum Beispiel in gemischten Kundengruppen eine Lösung. Das erfordert Altruismus, führt aber dazu, dass alle Beteiligten gut trainiert in ihre Unternehmen zurückkehren.“ Eine Umfrage, die Prof. Dr. Dr. Heribert Popp kürzlich durchgeführt hat, zeichnet ein ambivalentes Bild: Während sich einige Unternehmen schon konkret mit KI beschäftigen, geben ungefähr genauso viele an, dies erst in zwei bis drei Jahren tun zu wollen. „Letztere sind noch mit der Digitalisierung ihrer Prozesse beschäftigt“, sagt Popp, der mangelnde Digitalisierung als wesentliche Hürde für den KI-Einsatz ausmacht. Popp ist jedoch überzeugt, dass kaum eine Branche es sich leisten könne, auf KI zu verzichten, vor allem um Wartungskosten zu senken, die Produktivität zu steigern und die Qualitätskontrolle zu verbessern.

„KI ist ein Muss“, betont auch Plüschke. Er sieht ihre Rolle darin, Menschen in ihrer Entscheidungsfindung zu unterstützen. „Im täglichen Leben ist KI in viele Anwendungen integriert. Auch im Berufsleben werden Menschen künftig KI-Unterstützung erwarten, zum Beispiel um bessere Entscheidungen treffen zu können.“ Unternehmen nennen Plüschke zufolge vor allem zwei Gründe, warum sie sich überhaupt mit KI befassen möchten – die Erschließung neuer Geschäftsmodelle und den Fachkräftemangel. „KI soll Mitarbeiter von zeitraubenden Tätigkeiten entlasten, um sie für wichtigere Aufgaben einsetzen zu können.“ In diesem Sinne bewahrheitet sich vielleicht doch das Diktum des Zukunftsforschers.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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