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Pflege

Das System steht vor dem Kollaps

Der Pflegemarkt steht vor gewaltigen Herausforderungen: Es geht vor allem um mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen.
Von Gerd Otto, Wirtschaftszeitung

In Klniiken und Altenheimen herrscht Pflege-Notstand. Foto: upixa - stock.adobe.com
In Klniiken und Altenheimen herrscht Pflege-Notstand. Foto: upixa - stock.adobe.com

München.Immer wenn die Politik mit so martialischen Begriffen wie „Sofortprogramm“ hantiert oder voller Demut dem Bürger ein „Wir haben verstanden“ zu signalisieren versucht, ist davon auszugehen, dass es tatsächlich lichterloh brennt. Für die Alten- und Krankenpflege trifft dies auf jeden Fall zu, und dies nicht erst seit gestern. In den aktuellen Eckpunkten eines Gesetzes, das ab 2019 gelten soll, verspricht der neue Bundesgesundheitsminister Jens Spahn 13000 zusätzliche Pflegestellen, wofür die Große Koalition in Berlin künftig eine Milliarde Euro jährlich auszugeben bereit ist. Getragen werden diese Kosten freilich nicht von der Pflegeversicherung, wo heuer laut Ministerium eher mit einem Milliardendefizit gerechnet wird, sondern von der gesetzlichen Krankenversicherung, die als wesentlicher Bestandteil der Gesundheitspolitik in Deutschland derzeit über Reserven in Höhe von 29 Milliarden Euro verfügt. Diese Momentaufnahme könnte allerdings trügerisch sein, kam es in den letzten Jahren doch gerade im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung immer wieder zu beträchtlichen Defiziten.

In der Pflegeversicherung hat das Finanzpolster inzwischen deutlich abgenommen. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums betrug die Rücklage Ende 2017 fast 2,5 Milliarden weniger als ein Jahr zuvor. Als Ursache dieser Entwicklung wird in Berlin auf die 2017 in Kraft getretene Pflegereform verwiesen, die unabhängige Experten wie der Münchner Sozialarbeiter Claus Fussek lediglich als „Reförmchen“ bezeichnet haben. Obwohl laut Fussek hier nur „ein paar unwesentliche finanzielle Verbesserungen mit zwei Minuten Pflege mehr pro Tag in der Pflegestufe 1“ herausgesprungen seien, kam es 2017 zu Mehrkosten in Höhe von 3,7 Milliarden Euro. Gleichzeitig wurde der Beitragssatz der Pflegeversicherung um 0,2 Prozentpunkte auf 2,55 Prozent beziehungsweise 2,80 Prozent für kinderlose Versicherte angehoben, für 2019 ist eine weitere Erhöhung geplant. Die aktuelle Reserve der gesetzlichen Pflegeversicherung beträgt sieben Milliarden Euro und entspricht 2,2 Monatsausgaben.

Vor diesem Hintergrund hat sogar der neue Pflegebeauftragte der Bundesregierung Andreas Westerfellhaus eine grundlegende Finanzreform der gesetzlichen Pflegeversicherung gefordert. Vor allem müsse die Pflegeversicherung auf eine breitere Basis gestellt werden, betonte Westerfellhaus dieser Tage. Dabei dürfe es keine Tabus geben. Auch auf Kapitaleinkünfte wie Mieten sollten Beiträge zur Pflegeversicherung erhoben werden. „Es kann nicht sein, dass die Zukunft der Erben wichtiger sein soll als die Zukunft der Pflege“, ließ sich Westerfellhaus im „Spiegel“ zitieren und verwies auf „gigantische Herausforderungen“. Insbesondere die Pflegenden „ächzen unter Überforderung“, stellt der langjährige Präsident des Deutschen Pflegerats, des Dachverbands der Berufsverbände im deutschen Pflege- und Hebammenwesen, fest.

In den vergangenen 30 Jahren ist die Lebenserwartung im Schnitt um sieben Jahre angestiegen. Gleichzeitig erhöhte sich auf diese Weise auch das Risiko, pflegebedürftig zu werden. Derzeit sind dies in Deutschland etwa 3,3 Millionen Menschen. Dieser demografische Faktor hat laut Bundesgesundheitsministerium für die Pflege eine doppelte Wirkung: Zum einen steigt mit der Alterung der Bevölkerung die Nachfrage nach professioneller Pflege, zum anderen sinkt aber das Arbeitskräftepotenzial, aus dem der Bedarf nach Pflegefachkräften gedeckt werden kann. Derzeit sind bis zu 30000 Stellen der knapp 1,1 Millionen Arbeitsplätze bei Pflegediensten und in Pflegeheimen nicht besetzt. Die Zahl ausländischer Pflegekräfte in Deutschland hat sich seit 2013 auf 128000 Personen fast verdoppelt.

Und wie wird sich der deutsche Pflegemarkt in den kommenden Jahren entwickeln? Nach dem aktuellen Rating-Report von Deloitte, RWI und der hcb GmbH wird das Marktvolumen von derzeit 47 auf über 66 Milliarden Euro im Jahr 2030 anwachsen. Benötigt werden dafür zusätzlich 400000 vollstationäre Pflegeplätze, mit einem Investitionsbedarf von 85 Milliarden Euro. Die Zahl der Pflegebedürftigen wird bis 2030 auf 4,1 Millionen Menschen zunehmen.

Wie auch immer, nicht nur der Pflegebeauftragte der Bundesregierung plädiert für mehr Personal und deutlich bessere Arbeitsbedingungen. Inzwischen steht bei immer mehr Kritikern auch das gesamte System „Minutenpflege“ auf dem Prüfstand. Wer sich Regelungen wie „Mundgerechtes Herrichten der Nahrung und Getränke: Fünf Minuten gleich 2,20 Euro“ ausgedacht hat, das fragt sich auch Claus Fussek. Man brauche einen „Aufstand der Anständigen“, meint Fussek, der demnächst selbst in Rente geht und entsprechend frustriert auf seine jahrelangen Bemühungen zurückschaut: „Alle wissen Bescheid und schweigen dennoch.“

Der wohl bekannteste Pflegekritiker der Republik ist der festen Überzeugung, dass man das Thema grundsätzlicher angehen müsste. Die „Produkte“ Krankheit und Pflege dürften nicht als markt- und börsenfähig betrachtet werden. Wo die Menschenwürde infrage gestellt werde, wo es um die tägliche Versorgung von kranken und pflegebedürftigen Menschen gehe, müssten geschäftliche Interessen ihre Grenzen haben. Es sei ein ethischer und volkswirtschaftlicher Irrsinn, wenn die Behandlung von Oberschenkelhalsbrüchen zur wirtschaftlichen Führung einer Klinik gebraucht werde. Dass es auch anders geht, zeigt ein Beispiel aus Holland, wo „Buurtzorg“ als Non-Profit-Organisation seit zehn Jahren Pflege anbietet, ganz nach dem Motto „Menschlichkeit statt Bürokratie“.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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