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Interview

Der schwarze Peter wird weitergereicht

Verpackungstechniker Sven Sängerlaub vom Fraunhofer Institut IVV spricht über Lösungsansätze für das Verpackungsproblem.
Von Barbara Simon, Wirtschaftszeitung

Sven Sängerlaub (Foto: Hochschule München)
Sven Sängerlaub (Foto: Hochschule München)

Freising.Vom Multitalent zum globalen Problemfall: Überrascht Sie als Verpackungstechniker der Imageverlust von Kunststoff und Kunststoffverpackungen?

Sven Sängerlaub: Überraschend und auch erfreulich ist, dass das Umweltbewusstsein wieder einen höheren Stellenwert bekommt. Diese Situation hatten wir bereits in den 90er-Jahren, die zu vielen Verbesserungen, beispielsweise der Verpackungsverordnung, geführt hat. In der Tat wächst weltweit mit dem Wohlstand auch die Kunststoffproduktion kontinuierlich. Der durchschnittliche EU-Bürger verbraucht um die 25 kg Kunststoff für Verpackungen pro Person und Jahr. In Deutschland ist der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch mit circa 40 Kilo Kunststoff nochmals höher, das entspricht der Masse von vier gefüllten Putzeimern mit Wasser. Hinsichtlich der Meeresverschmutzung besteht besonders bei aufstrebenden Volkswirtschaften akuter Handlungsbedarf. Acht der zehn Flüsse, die am meisten Plastik in die Meere tragen, liegen in Asien. Dort fehlen oft Sammelsysteme und Verpackungen gelangen in die Umwelt.

Das Plastikmüllproblem ist also hausgemacht – durch unseren Lebensstil?

Die Diskussion ist vielschichtig. Die Supermarktkultur wäre ohne Verpackungen kaum vorstellbar und unser moderner Lebensstil mit ständiger Zeitknappheit fördert To-go-Verpackungen. Und der Trend zu Convenience- und To-go-Produkten, kleineren Haushalten mit dem Bedarf an kleineren Packungsgrößen, zunehmendem Onlinehandel und dem Wunsch nach hygienischen und daher verpackten Produkten hält an. Hier kann der Bürger sein Konsumverhalten hinterfragen. Ernährungsphysiologisch besonders wertvolle Lebensmittel sind oft empfindlich, beispielsweise To-go-Salate. Darauf zu verzichten, um Verpackungen einzusparen, ist eine schwierige Entscheidung. Kleinere Packungen für Singlehaushalte machen Sinn, weil sie Lebensmittelverluste reduzieren können. Auch ist bedenkenswert, dass 50 % der Deutschen übergewichtig sind. Kleinere Packungsgrößen können die Kalorienaufnahme reduzieren. Der Trend zu Single-Haushalten und zu Street-Food anstatt eines gemeinsamen Kochens und Essens mit der Familie fördert diese Entwicklung. Generell fände ich es besser, nicht über Müll, sondern über ungenutzte Wertstoffe zu sprechen.

In der Kritik stehen vor allem die Konsumenten und die Entsorgungssysteme: Ließe sich die Plastikflut über eine Optimierung des Recyclingsystems eindämmen?

Der schwarze Peter wird gern weitergereicht. So einfach ist die Sache jedoch nicht. Jeder trägt einen Teil der Verantwortung. Der Bürger kann Verpackungen besser trennen und entsorgen, um den Entsorgern die Trennung zu erleichtern. Auch können Bürger auf unverpackte Lebensmittel zurückgreifen. Die dualen Systeme müssen ihre Trennsysteme verbessern, und Recycler ihre Recyclingsysteme. Beide sind jedoch auf stabile Rahmenbedingungen angewiesen, das Stichwort lautet Investitionssicherheit. Hier ist die Politik in der Verantwortung. Packmittelhersteller müssen besser recycelbare Verpackungen entwickeln. Ein Thema sind Mehrschicht-Monomaterialien. Also die Kombination von Materialien die sich gut recyceln lassen. Der Handel kann einen Beitrag durch die Optimierung der Logistik liefern. Je schneller verpackte Lebensmittel konsumiert und je besser sie gelagert werden, desto geringer sind die Anforderungen an die Verpackungen. Letztendlich ist der Bürger gefragt, Produkte aus Recyclingmaterial zu kaufen. Forschungseinrichtungen müssen natürlich auch ihren Beitrag leisten.

Was im Gebrauch ein Segen ist, ist für die Ökosysteme ein Fluch: Plastik ist robust und langlebig, es braucht zum Teil viele Jahrzehnte für die Zersetzung. Verpackungstechniker stehen vor einer Herausforderung: Alternativen sollen funktional und gleichzeitig schnell abbaubar sein ...

Mein Institut, das Fraunhofer Institut, beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit umweltverträglicheren Verpackungen. Durch das Verpackungsgesetz, das am 1. Januar in Kraft getreten ist, ist viel Bewegung in das Thema gekommen. Die Packmittelhersteller arbeiten intensiv an besser recycelbaren Verpackungen, auch die Lebensmittelhersteller und der Handel üben diesbezüglich Druck aus. Ab 2022 sollen über 60 Prozent aller Kunststoffverpackungen werkstofflich recycelt werden – eine echte Herausforderung! Ganz wichtig ist bei all den Maßnahmen, die Funktion der Verpackung nicht zu vergessen, nämlich ein Produkt zu schützen. Die Plastiktüte darf im Übrigen gar nicht erst in die Umwelt gelangen. Wenn es überall geeignete Sammelsysteme geben würde und jeder Bürger diese nutzt, gäbe es das Problem mit Plastik in der Umwelt nicht in dem Umfang wie wir es heute erleben. Hinsichtlich Sammelsysteme sind viele europäische Länder vorbildhaft. Je nach Datenlage geht man davon aus, dass in Deutschland weniger als 0,3 % des Abfalls unsachgemäß entsorgt wird. Nichtsdestotrotz, werden kleine Mengen die in die Umwelt gelangen kritisch gesehen, weil sie sich über Jahrzehnte akkumulieren. Ein Ansatz sind hier bioabbaubare Kunststoffe. Die Diskussion um deren Nutzen wird kontrovers diskutiert. So können sie Littering (Vermüllung) fördern, weil der Bürger denkt, dass man sie in die Umwelt werfen kann. Darüber hinaus, gehen die Rohstoffe verloren. Besser wäre Recycling. Eine andere Sichtweise ist es, zu akzeptieren, dass durch Unbedarftheit und Unachtsamkeit Verpackungen in die Umwelt gelangen. Aus dieser Sicht macht Bioabbaubarkeit Sinn.

Wie weit ist die Forschung und Entwicklung hier inzwischen mit markt- und massentauglichen Lösungen?

Bei bepfandeten PET-Flaschen ist die Industrie schon recht weit. Diese werden zu über 95 % recycelt und in geschlossenen Kreisläufen gefahren. Ein anderes Thema sind jedoch flexible Mehrschichtverpackungen, besonders aus dem Post-Consumer Bereich, z.B. aus dem gelben Sack. Dort werden oft Polymere kombiniert, die deren besten Eigenschaften nutzen, z.B. Festigkeit, Sauerstoff- und Wasserdampfbarriere. Deshalb sind Folien materialeffizient und sehr dünn. Diese Materialkombinationen sind jedoch eine schwierige Herausforderung für das Recycling. Wir beschäftigen uns intensiv mit dem Thema. Der Fokus ist in Europa die Verbesserung der Recycelbarkeit. Es werden besser recycelbare Mehrschichtverpackungen entwickelt. Da ihr Verarbeitungsverhalten anders ist, müssen diese Prozesse und Anlagen optimiert werden. Hierbei geht um Lauffähigkeit auf Verpackungsmaschinen, Thermoformbarkeit zu Bechern und Schalen und dichte Siegelnähte. Bei besser recycelbaren Verpackungen kann die Durchlässigkeit für Sauerstoff und Licht höher sein. Dafür erstellen wir Haltbarkeitsmodelle für verpackte Lebensmittel, um einen guten Kompromiss zwischen Haltbarkeit und Recycelbarkeit zu finden. Bei all den Optimierungen darf man die Prozess- und Materialkosten nie aus den Augen verlieren. Hinsichtlich Recycling haben wir mit der CreaCycle GmbH den CreaSolv® -Prozess entwickelt. Polymere können gelöst, gefiltert und getrennt werden. Das Lösemittel wird verdampft und ein hochwertiger Kunststoff ist das Ergebnis. Wir glauben, dass mehrere Recyclingsysteme am Markt koexistieren werden. Bei Recyclaten bewerten wir den Fehlgeruch, um daraus Reinigungsstrategien abzuleiten. Die Fehlgerüche kommen von Lebensmitteln und anderen Störstoffen im Recyclat.Verderben Lebensmittel durch schlechte Verpackungen, ist die Gesamtbilanz negativ. Im verpackten Lebensmittel stecken zehn- bis 50-mal mehr Ressourcen als in der Verpackung selbst.

Inwieweit spielen rechtliche Vorgaben und Verkaufspsychologie eine Rolle bei der Entwicklung?

Es gibt in Deutschland strenge Vorgaben hinsichtlich Hygiene und Kennzeichnung. Aus diesem Grund sind Verpackungen oft unverzichtbar, beziehungsweise schwer zu ersetzen. Verpackungen werden als „stumme Verkäufer“ bezeichnet. Letztendlich entscheidet der Bürger, was er kauft. Eine ansprechende Gestaltung ist deshalb essenziell. Hier muss ein Kompromiss zwischen Nachhaltigkeit und Marketing gefunden werden. Eine nachhaltige Verpackung verschwindet vom Markt, wenn sie nicht gekauft wird.

Verpackungen spielen auch in der Logistik, beim Transport und Lagerhaltung eine wichtige Rolle: Wie lässt sich das Verpackungsproblem lösen, wenn es um riesige, globale Warenströme geht?

Ein Ansatz ist es, Verpackungen einen Wert zu geben, beispielsweise durch Etablierung von Recyclingsystemen. Natürlich müssen die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen stimmen. Wir beobachten ein zunehmendes Umweltbewusstsein auch in Afrika und Asien, in Tansania, Kenia und Ruanda gibt es ein Plastikbeutelverbot, in Europa für Einweggeschirr. Ob damit Probleme gelöst werden oder es sich um Symbolpolitik handelt, ist eine eigene Diskussion.

Die Verpackungstechnologie steht vor großen Aufgaben: Ist es gerade deswegen oder trotzdem eine Zukunftsbranche?

Die Umstellung auf eine nachhaltige Verpackungswirtschaft stellt eine große Kraftanstrengung dar und erfordert engagiertes Personal. Deshalb sind die beruflichen Perspektiven exzellent. Schätzungsweise 500000 Beschäftige arbeiten in Deutschland in der gesamten Wertschöpfungskette für Verpackung und erbringen eine Gesamtwirtschaftsleistung von 50 Mrd. € also circa 2 % des deutschen Bruttoinlandsproduktes. Bedauerlicherweise ist die Anzahl der Studenten, beispielsweise hier an der Hochschule München oder Kempten, gegenwärtig rückläufig, auch aufgrund des schlechten Rufs der Verpackungen. Der Zeitpunkt wäre günstig für ein Studium.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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