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Interview

Die digitale Chance liegt im B2B-Bereich

Wolrad Claudy, Geschäftsführer der m-partners GmbH, erklärt, warum in Deutschland Digitalisierungspotenzial brach liegt.
Von Stephanie Burger, Wirtschaftszeitung

Wolrad Claudy (Foto: Fotostudio Sauter)
Wolrad Claudy (Foto: Fotostudio Sauter)

Landshut.Herr Claudy, warum tun sich die deutschen Unternehmen so schwer damit, digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln?

Wolrad Claudy: Das Problem beginnt mit der oft gestellten Frage „Wie schaffen wir es, dass das nächste Facebook aus Deutschland kommt?“ Das ist die falsche Fragestellung. Es gab bei uns semantische Suchmaschinen, Social Networks und digitale Handelsplattformen bereits vor Google, Facebook und Amazon – aber wir haben nichts daraus gemacht. Nun ist der Zug im B2C-Bereich abgefahren. Unsere Chance liegt darin, erfolgreiche Geschäftsmodelle vor allem im B2B-Bereich des globalen Wettbewerbs zu skalieren. Die deutsche Volkswirtschaft ist stark auf B2B ausgerichtet und bringt deshalb eher Hidden Champions als Unicorns hervor. Sinnvoll wäre es nun, sich auf die neue Digitalisierungswelle zu konzentrieren, die von dezentralen, autonomen, auf KI und Blockchain gestützen Systemen ausgelöst wird. Hierfür werden erfolgreiche Geschäftsmodelle noch gesucht.

Wo sollten wir in Deutschland ansetzen, um uns besser zu positionieren?

Zunächst müssen wir unsere Bildungseinrichtungen in den Blick nehmen. Es entsteht in ihnen unzureichend Kreativität für neue Geschäftsmodelle und sie bieten zu wenig Gestaltungsräume für neue Ökosysteme. 1000 neue Professuren für KI – das ist eine typisch deutsche Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft. Zunächst einmal sollte mehr wirtschaftliches Basiswissen an den Schulen gelehrt werden. Darüber hinaus brauchen wir mehr Studiengänge, Forschungseinrichtungen und Professuren für digitale Geschäftsmodelle. Neben Technologie und Know-how ist vor allem ausreichend Wachstumskapital entscheidend für eine erfolgreiche Entwicklung im globalen Wettbewerb.

„1000 neue Professuren für KI – das ist eine typisch deutsche Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft.“

Wolrad Claudy

Woher kommt der Engpass an Wachstumskapital in Deutschland?

Hierzulande gibt es eine starke Präferenz staatlicher und privater Investments in patentierbare Technologie – obwohl die Innovation oft in nicht patentierbaren Geschäftsmodellen liegt, insbesondere bei digitalen Geschäftsmodellen. Der Erfolg des Silicon Valley beruht nicht allein auf Technologieinnovation, sondern mehr noch auf der mutigen Finanzierung ganzer Ökosysteme. Hinzu kommt ein Volumenproblem bei der Durchfinanzierung erfolgreicher Geschäftsmodelle. Hier gilt es, kulturelle Hemmnisse zu überwinden, die die Generierung einer höheren Risikokapitalquote verhindern, wie sie in anderen Industrieländern schon länger erreicht wird.

Wie können wir ein höhere Risikokapitalquote in Deutschland erreichen?

Diese gesellschaftliche Herausforderung kann der Staat am besten durch investitionsfreundlichere Rahmenbedingungen adressieren, anstatt die Rolle des Investors selbst auszufüllen. Schließlich sollte der Markt entscheiden, ob zum Beispiel die ökologische Stromspeichertechnologie der Zukunft chemischer, biologischer oder mechanischer Natur ist. Steuererleichterungen für private Investitionen sowie die Besicherung eines staatlichen Dachfonds, um die großen Geldtöpfe der Stiftungen, Versorgungskassen und Versicherungen für den Risikokapitalmarkt anzuzapfen, sind geeignete Instrumente zur Belebung. Erfolgreiche Unternehmen sollten aber auch selbst mutig in Start-ups investieren. Um das zu erleichtern, wäre in vielen Bereichen etwas weniger Regulierung wünschenswert. Die Reallabore des Bundeswirtschaftsministeriums mit der Schaffung regulatorischer Sonderzonen sind ein erster guter Ansatz, mehr Freiräume für das Experimentieren mit neuen Geschäftsmodellen zu schaffen. Ein anderes entscheidenderes staatliches Betätigungsfeld ist die Bereitstellung einer wettbewerbsfähigen digitalen Infrastruktur. Hier gilt es, in einer gemeinschaftlichen Kraftanstrengung die Versäumnisse der vergangenen zwei Jahrzehnte aufzuholen.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Weitere interessante Wirtschaftsthemen gibt es auch im neuen kostenlosen Newsletter der Wirtschaftszeitung: www.die-wirtschaftszeitung.de/newsletter

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