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Interview

Die digitale Welt mutig gestalten

Anstatt in „German Angst“ zu verfallen, sollten die Unternehmen Industrie 4.0 mutig angehen, sagt Prof. Dr. Gerold Bausch.
Von Thomas Tjiang

Prof Dr. Gerold Bausch (Foto: Thomas Tjiang)<a target=">
Prof Dr. Gerold Bausch (Foto: Thomas Tjiang)

Nürnberg.Herr Prof. Bausch, ist die Digitalisierung mehr als nur ein Thema für Software-Ingenieure und Maschinenbauer?

Prof. Dr. Gerold Bausch: Ich spreche bei der Digitalisierung lieber von einer technologischen Weiterentwicklung. Diese hat uns seit Jahrhunderten immer wieder Neues beschert. Und wie alle technologischen Entwicklungen betrifft die Digitalisierung nicht nur die Entwickler, sondern die Anwender, uns als Gesellschaft insgesamt. Gerade jetzt, bei dieser massiven Entwicklung unterschiedlichster Technologien, sind natürlich die Entwickler gefragt, aber auch Wirtschaft und Politik, die Regulierer und die Anwender. Gerade die Nutzer müssen sagen, welche Anwendungen sie eigentlich haben wollen und welche nicht.

Gefühlt werden die Nutzer weniger gefragt, die Treiber sind die Giganten aus den USA und China. Wie steht es um die Nutzer-Diskussion in Deutschland?

Die Diskussion ist noch nicht richtig auf Touren gekommen. Die Technologien sind sehr komplex, es wird nicht einfach nur ein Auto neu erfunden. Wir reden über künstliche Intelligenz, über Blockchain, über 3-D-Druck – die Liste wird immer länger. Im Consumer-Bereich nehmen wir die neuen Technologien weitgehend hin, ohne sie groß zu hinterfragen. Manche haben ihren Facebook-Account wieder gelöscht und bezahlen nur noch mit Bargeld. Mittelfristig können wir uns den Entwicklungen aber nicht verschließen. Wenn wir nicht zurück ins Mittelalter wollen, sondern in die Zukunft, müssen wir diese Themen gesamtgesellschaftlich diskutieren und angehen.


Steht bei uns die sprichwörtliche „German Angst“ der breiten Diskussion im Wege?

Ich kann nicht sagen, warum die „German Angst“ immer so im Vordergrund steht. Historisch gesehen waren wir diejenigen, die viele technologische Entwicklungen nach vorn gebracht haben. Da waren wir nicht ängstlich. Unsere Chance besteht jetzt darin, Fehler nicht zu wiederholen, wenn wir das Thema Industrie 4.0 weiterentwickeln. Wenn wir aber jetzt unsere gesunde Skepsis nutzen, um zu klären, wem welche Daten gehören und wer sie unter welchen Umständen nutzen kann, dann können wir einen größeren Nutzen generieren und uns von anderen Unternehmenspraktiken abgrenzen.

Ist es geklärt, wie zum Beispiel Daten von Social Media-Nutzern oder Daten von Industriemaschinen ausgewertet werden dürfen?

Die Nutzung personengebundener Daten ist meines Wissens nach relativ gut geregelt. Bei maschinengebundenen Daten kommt es auf das jeweilige Geschäftsmodell an. Früher hat sich ein Unternehmen einen Maschinenpark gekauft, das war sein Eigentum – mehr gab es nicht. Heute werden verstärkt statt Maschinen eher Betriebsstunden gekauft, faktisch gehört das System weiterhin dem Hersteller. Hier geben die Vertragsbedingungen Auskunft über die Datenverwendung, manchmal sind Aspekte, wie der Ort der Speicherung und Weiterverarbeitung, verhandelbar. Aus den Maschinendaten ergeben sich Ansätze für einen effizienteren Betrieb und weitere Möglichkeiten. Eigentlich gehören die Daten zur Maschine, aktuell müssen das die Unternehmen aber direkt im Einzelfall klären.

Die Digitalisierung rückt auch das autonome Fahren immer näher. Muss hier nicht zunächst rechtlich die Gretchenfrage geklärt werden, ob bei einem absehbaren Unfall eher eine Oma oder ein Kind überfahren werden soll?

Das ist eine spitzfindige Frage für Juristen. Als Ingenieur habe ich das Gefühl, dass wir uns viel zu stark mit dieser Frage beschäftigen. Die Unfallstatistik zeigt deutlich, dass durch Alkohol oder Nutzung eines Handys am Steuer viele Unfälle mit Verkehrstoten passieren. Wohlgemerkt: obwohl es klar verboten ist. Eine Maschine wird nie betrunken oder abgelenkt sein, sondern menschliche Schwächen etwa beim Sehen sogar noch ausgleichen. Eine KI im Auto will auch nicht noch schnell bei Rot über die Ampel fahren. Es werden also per se weniger Unfälle passieren. Aber auch eine Maschine ist natürlich nicht unfehlbar, vielleicht passieren auch Fehler, die wir jetzt noch gar nicht auf dem Schirm haben.

Blicken wir auf die Finanz- und Versicherungsbranche. Trifft hier die künstliche Intelligenz die besseren Entscheidungen, wenn es um Kredite oder Policen geht?

Diese KI-basierte Maschine trifft eigentlich keine Entscheidungen, sondern folgt letztendlich nur den von Bankern programmierten Regeln. Der Vorteil ist, dass solch ein System sehr viel schneller agieren kann als ein Mensch. Dabei treten allerdings auch neue Fehler auf, die es bisher nicht gab, beispielsweise der „Flash Crash“ aus den Jahren 2010 oder 2015, bei dem Algorithmen massenweise Verkaufsorders ausgelöst haben, obwohl es überhaupt keinen Grund dafür gab. Der automatisierte Börsenhandel muss, abseits der technologischen Möglichkeiten, auf seine Bedeutung hinterfragt werden.

Welche Impulse kann Ihrer Meinung nach der Net.Law.S-Kongress in Zukunft für eine breitere Diskussion setzen?

Wir müssen uns noch genauer die Folgen der Technikentwicklung in der Gesellschaft anschauen und dann zügiger zu Lösungen kommen, die der Masse der Menschen nützt und nicht einzelnen Unternehmen. Da alles ganz neu ist, müssen wir auch einfach mal Dinge in kleinerem Maßstab ausprobieren, schnell aus Fehlern lernen und gegebenenfalls nachbessern. Dann lässt sich feststellen, ob wir Guidelines oder einen rechtlichen Rahmen brauchen. Aber die Politik darf vorab nicht alles totregulieren. Beispielsweise hat bis vor Kurzem kaum jemand Anstoß daran genommen, wenn er personalisierte Nachrichten bei Facebook bekam. Erst mit der Erkenntnis, dass sich damit Meinungen massiv beeinflussen lassen, sodass man in einer Blase lebt und von bestimmten Nachrichten abgeschnitten ist, entsteht auch ein Handlungsbedarf.

•Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Weitere interessante Wirtschaftsthemen gibt es auch im neuen kostenlosen Newsletter der Wirtschaftszeitung: www.die-wirtschaftszeitung.de/newsletter

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