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Interview

Die Heimat mit der Welt verbinden

Prof. Dr. Wolfgang A. Herrmann, langjähriger Präsident der Technischen Universität München (TUM), bilanziert seine Amtszeit.
Von Gerd Otto

Prof. Dr. Wolfgang A. Herrmann war von 1995 bis 2019 Präsident der Technischen Universität München. Foto: Tino Lex
Prof. Dr. Wolfgang A. Herrmann war von 1995 bis 2019 Präsident der Technischen Universität München. Foto: Tino Lex

München.Als ihr Präsident von 1995 bis 2019 hat Prof. Dr. Wolfgang A. Herrmann die Technische Universität München (TUM) zu einer modernen, weltoffenen und international hochgeachteten Hochschule geformt. In dieser 24-jährigen Amtszeit erklärte Herrmann, wie er im Gespräch mit der Wirtschaftszeitung betont, die Berufung neuer Professoren zur Chefsache, um mit wissenschaftlichen Spitzentalenten gezielt das Profil der Universität zu schärfen. Durch konsequente Internationalisierung verband er die TUM mit der Welt und machte sie für Studierende und Forschende aus dem Ausland immer attraktiver. Während seiner Präsidentschaft wurde neben Straubing, Heilbronn, Raitenhaslach, Garching, Weihenstephan und Berchtesgaden auch in Singapur oder Peking investiert.

Herr Professor Herrmann, am Coronavirus kommt in diesen Tagen niemand vorbei. Wie reagiert eigentlich der Chemiker und Naturwissenschaftler auf dieses Phänomen?

Prof. Dr. Wolfgang Herrmann: Vor allem lernen wir daraus, dass von unserer Bevölkerungsdichte in der Tat Gefahren ausgehen können und unsere Freiheit nicht unbegrenzt ist. Aus dem Blickwinkel Deutschlands, das ja einst als die „Apotheke der Welt“ galt, kann es uns außerdem nicht gleichgültig sein, dass die Wirkstoffe moderner Medikamente fast nur noch in China und Indien hergestellt werden. Hier muss sicherlich ein Umdenken einsetzen. Gleichzeitig erinnere ich mich persönlich mit Freude daran, dass ich meine chinesische Kollegin Prof. Dr.-Ing. Liqiu Meng schon 2008 für die Position als Vizepräsidentin für Internationale Allianzen und Alumni der Technischen Universität München, also der TUM, gewinnen konnte. Seit 2013 ist Liqiu Meng sogar Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften.

Wenn Sie heute, wie vor 20 Jahren geplant, Bayerns Minister für Gesundheit und Verbraucherschutz wären: Was würden Sie vor allem vermeiden?

Jedenfalls herrschte damals, im Jahr 2001, auf dem Höhepunkt des BSE-Skandals bundesweit eine Panik ohnegleichen, was heute vor allem verhindert werden müsste. Rückblickend war es auf jeden Fall ein Frevel, Rinder notzuschlachten und sie zu verbrennen. Im Übrigen bin ich keineswegs unglücklich darüber, dass es mit dem Eintritt ins bayerische Kabinett doch nicht geklappt hat. Dafür ist mein Sohn Florian (heute Chef der Staatskanzlei und Europaminister, Anmerkung der Redaktion) besser geeignet, er kann besser zuhören. Zudem wäre ich heute längst kein Minister mehr und hätte selbst wohl kaum eine so lange Amtszeit an der Spitze der TUM geschafft.

Und welche gesellschaftspolitischen Folgen hat all dies aus der Perspektive des langjährigen Präsidenten der TUM?

Hier könnten die Beziehungen der TUM zu Partneruniversitäten und Unternehmen in China ebenfalls als positive Beispiele internationaler Kooperation dienen. So haben wir schon früh mit der Universität Peking einen Austausch vereinbart und bieten etwa mit der Tongji-Uni sogar einen Doppel-Master in der Elektro- und Informationstechnik an. Vor allem aber bin ich überzeugt, dass Toleranz international tickt. Wahre Internationalität bedeutet eben, die Heimat mit der Welt zu verbinden. Wer in der kulturellen, auch christlich geprägten Heimat verwurzelt ist, respektiert auch die fernen Kulturen rund um unseren Planeten. Hier hat die Wissenschaft in ihrer vorbehaltlosen Ausrichtung auf die Wahrheitssuche auch den Auftrag zur Völkerverständigung, die namentlich in einer Welt der Technik dem humanen Denken verpflichtet ist.

Hat das Coronavirus das Zeug dazu, weit über das Gesundheitswesen hinaus ein Symbol zu werden, etwa für das Thema Globalisierung?

Die derzeit zu beobachtende globale Bedrohung durch den neuen Coronavirus SARS-CoV-2 erinnert natürlich an die verheerenden Auswirkungen von Pest und Cholera im Mittelalter mit ihren weitreichenden Konsequenzen für Wirtschaft und Gesellschaft eines ganzen Kontinents. Dementsprechend dürfte es durchaus zu einer Rejustierung der Wirtschaftsstandorte kommen, etwa unter dem Aspekt, nicht ausschließlich die Markt- und Gewinnbetrachtung in den Vordergrund zu schieben.

Sie selbst haben 2002 den ersten Campus einer deutschen Universität im Ausland initiiert, und zwar in Singapur. Welche Rolle spielt Globalisierung für F&E deutscher Hochschulen?

In der Tat hat sich die Wertschätzungsbalance zwischen dem Handwerk und den akademischen Berufen verschoben, was der Bedeutung handwerklicher Tätigkeiten nicht gerecht wird.

Prof. Dr. Wolfgang A. Herrmann

Dieses German Institute of Science and Technology GIST, also TUM Asia, war in der Tat ein Meilenstein für unsere Universität. Hier arbeitet man mit führenden Universitäten und Unternehmen zusammen, wobei Studierende für ein Ingenieursstudium aus Asien, den USA und Europa nach Singapur kommen. Wir hatten damals den richtigen Riecher. Heute ist dieser Standort ein Vorzeigemodell deutscher akademischer Internationalität. Den Horizont zu erweitern halte ich ohnehin für ganz wesentlich, um eine Hochschule zur Marke zu entwickeln, wie uns dies mit dem Label TUM in den letzten Jahrzehnten gelungen ist. In die Welt hinausgehen, also international agieren, gehört ebenso zu den wichtigen Eigenschaften einer Universität wie die Attribute interdisziplinär und unternehmerisch oder auch der Mut, sich dem Wettbewerb zu stellen.

Apropos Wettstreit oder Ranking des Bildungssektors: Kann man aus der alle drei Jahre neu aufgelegten PISA-Studie sinnvolle Konsequenzen für die Wettbewerbsfähigkeit ziehen?

Auch hier handelt es sich eher um ein Marketinginstrument, um die Möglichkeit einer Markenbildung, was aber nicht unterschätzt werden sollte. Um dies zu erreichen, als Wirtschaftsstandort und als einzelne Universität gleichermaßen, brauchen wir Alleinstellungsmerkmale. Dazu zähle ich aus Sicht der TUM etwa das Akademiezentrum im ehemaligen Zisterzienserkloster Raitenhaslach bei Burg-hausen, wo mehr geboten wird als der schiere Wissenschaftstourismus. Für mich ist diese regionale Verankerung unserer Alma Mater die Voraussetzung, um dreimal hintereinander bei der Exzellenzinitiative des Bundes bestehen zu können, als deren Vater ich unseren heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier erleben durfte. Als Kanzleramtschef bei Bundeskanzler Gerhard Schröder hat er diese Initiative aus der Taufe gehoben.

Und zu Hause? Früher musste man „auswandern“, wenn man in Weiden, Cham oder eben auch in Ihrem Kelheim Abitur machte. Inzwischen hat sich die Hochschullandschaft wesentlich verändert. Wie kleinteilig sollte, ja müsste oder darf unsere Hochschulszene sein?

Auf diesem Sektor sollte nicht jeder Unsinn realisiert werden. Vielmehr müssten alle Bemühungen, an welchem Standort auch immer, gefördert werden, die auf Netzwerkkonzepte, Profilbildung oder Alleinstellungsmerkmale setzen. Im Zusammenhang mit der TUM darf ich an unser Engagement in Sachen nachwachsender Rohstoffe am Standort Straubing erinnern oder auch an die Reform rund um Weihenstephan, wo aus den einstigen Komponenten Bier, Ackerbau und Viehzucht inzwischen ein Zentrum moderner Lebenswissenschaften geworden ist.

„Akademisierungswahn“ ist ein gern benutzter Begriff, wenn es um den Bildungsmarkt geht. Haben wir tatsächlich zu viele Studierende und Defizite in unserem dualen Ausbildungssystem?

In der Tat hat sich die Wertschätzungsbalance zwischen dem Handwerk und den akademischen Berufen verschoben, was der Bedeutung handwerklicher Tätigkeiten nicht gerecht wird. Deshalb plädiert die TUM dafür, alles zu tun, um die Attraktivität technischer Berufe zu erhöhen. Eingedenk unserer Erfahrung, dass der beste Diplomchemiker schon immer der Studiosus mit einer Lehre war, bildet die TUM selbst Azubis aus und fördert die duale Entwicklung. Eliten sind für mich im Übrigen jene Menschen, die gegen den Strom zu schwimmen den Willen und die Kraft haben, und zwar der Werkstattmeister und die Sekretärin ebenso wie die Professorin oder der von uns ausgebildete Lehrer in den Schulklassen.

•Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Weitere interessante Wirtschaftsthemen gibt es auf www.die-wirtschaftszeitung.de sowie im kostenlosen Newsletter der Wirtschaftszeitung: www.die-wirtschaftszeitung.de/newsletter

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