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Handel

Die Zukunft ist nicht nur digital

Drei Einzelhändler in Ostbayern mit völlig unterschiedlichen Geschichten zeigen, wie Transformation gelingen kann.
Von Rebecca Sollfrank, Wirtschaftszeitung

  • 2018 feierten Sabine (re.) und Julia Ehrenreich noch einmal Erweiterung: Sie haben den ehemaligen Lottoladen der Großeltern zu einem Paradies für Home- und Fashionstyle gemacht. Foto: Rebecca Sollfrank
  • 1926 eröffnete die Familie Lautenschlager im historischen Hörl-Haus in Burglengenfeld den ersten Laden. Im Laufe der Jahrzehnte machte das Gebäude innen wie außen zahlreiche Wandlungen durch. Unsere Aufnahme stammt aus den 60er-Jahren. Foto: privat

Ostbayern.Amazon, E-Bay und Co. lassen die Innenstädte ausbluten – so lautet das Mantra, wenn es um den Aufstieg des E-Commerce geht. Doch es gibt Beispiele, die zeigen, dass innovative Ideen die alte und die neue Welt nicht nur versöhnen können, sondern darüber hinaus Handwerk und Traditionsstandorten neuen Schwung bringen – auch in Ostbayern.

Ein gutes Beispiel sind Marlene und Johann Ehrmaier aus Volkenschwand. Das Paar verbindet Traditionshandwerk mit Social-Media-Beratung für die Partner aus der Branche. Johann Ehrmaier baute sein Balkonbaugeschäft mit mehreren Patenten auf, die nach einem Sportunfall 1996 seine Frau übernahm. Erfinder Johann verlegte sich als Autor eines Praxisratgebers für Hauseigentümer, Planer und verarbeitende Firmen auf die brancheninterne Informationsvermittlung. Im Frühjahr des vergangenen Jahres gab die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) für die Ehrmaiers den Anstoß, aus der Not eine Tugend zu machen. Mit Sohn Thomas, einem Unternehmensberater, der sich vor allem für eine „regionale, soziale Marktwirtschaft 4.0“ engagiert, wollten sie ihren Partnern sowie den Planern und Verarbeitern ihrer Produkte für den Balkonbau eine Marketing-Unterstützung bieten. Herausgekommen ist ein Bonussystem: Wer als Partnerfirma Bilder eines Referenzobjekts mit Ehrmaier-Produkten schickt, bekommt ein Projekt- respektive Firmenvideo, das über die Firmenkanäle Youtube und Facebook sowie im Newsbereich der Homepage bereitgestellt wird. Die Firmen können diese Videos auch als Beratungstool für den nächsten Auftrag nutzen.

Digital-Native-Gründer vor großen Herausforderungen

Onlinebestellung oder örtlicher Einzelhändler – ist das Jacke wie Hose? Für David und Philipp Beckers war 2005 klar: Unser Weg ist ein Onlineshop. Die Regensburger Brüder waren Pioniere, als sie vor gut 13 Jahren hemdwerk.de gründeten. Doch tut sich die heutige Gründergeneration der Digital Natives mit der virtuellen Handelswelt generell leichter? „Nicht unbedingt“, sagt David Beckers. Um in Zeiten von DSGVO die Rechtssicherheit eines Webshops zu sichern, sei sehr viel Zeit und Geld nötig. Und wer schnell erfolgreich wird, gerät ins Visier der Abmahnindustrie. Außerdem müsse man in Sachen Suchmaschinen- und Social-Media-Optimierung (SEO und SMO) dranbleiben. „Wer heute im Onlinehandel schnell sichtbar werden will, kommt an aufwendigen SEO- und SMO-Maßnahmen nicht vorbei“, betont sein Bruder Philipp. Als Onlineshoppioniere hatten er und sein Bruder es vor 13 Jahren leichter. Sie setzten auf die Werbestrategie „Online bleiben“, verkauften Gutscheine für Maßhemden bei E-Bay und schufen damit ein Erfolgsmodell, das bis heute vor allem von Stammkunden lebt. Aktuelle Projekte sind ein neuer Konfigurator und das B2B-Geschäft, in dem sich hemdwerk.de bereits zum Spezialisten für CI-konforme Anfertigungen gemausert hat. Ist das Ladengeschäft, das 2015 auf der Agenda stand, damit vom Tisch? „Das Projekt Ladengeschäft haben wir zurückgestellt“, sagt David Beckers. „Aber wir glauben weiterhin an die Zukunft des stationären Einzelhandels.“ Auch wenn die Onlinepioniere sich über Umsatzeinbrüche nicht wirklich wundern, angesichts oft „unmotivierter, wenig geschulter Kundenberater, nicht konkurrenzfähiger Preise und fehlender innovativer Konzepte“. Eines bringt ihn jedoch ins Schwärmen: „Wenn ein Traditionsunternehmen einen Umbau nicht scheut und mit perfekter und kompetenter Beratung das Shoppen zu einem Erlebnis macht.“

Vom Lotto-Geschäft zu Glamour und Style

Damit beschreibt er eigentlich genau das, was im Glam & Style geschehen ist. Generationen von Burglengenfeldern wuchsen mit „dem Lautenschlager“ auf. Seit 1926 kaufte man hier Schreib- und Spielwaren, gab später seinen Lottoschein ab oder Inserate für die örtliche Tageszeitung auf. Nach einer veritablen Transformation lockt Glam & Style heute mit ungewöhnlichen Home- und Fashionideen Kunden aus der ganzen Region an. Der Wandel kam mit der dritten Generation. Sabine Ehrenreich, die Enkelin der Gründer, stieg 2007 ins Geschäft ein und brachte ihre Liebe zu Home-&-Garden-Artikeln mit. Das Wohlfühlsortiment wurde 2015 durch eine Fashion-Ebene ergänzt. Das verantwortungsvolle Erbe eines aus dem 16. Jahrhundert stammenden, denkmalgeschützten Hauses erwies sich nach und nach als Aktivposten in Sachen Ambiente, wie man etwa am 2008 integrierten historischen Gewölbekeller sieht.

Julia Ehrenreich schließlich leckte Blut, als sie als vierte Generation 2015 das Thema Modeschmuck mit in den Laden brachte. Wer Mutter und Tochter heute besucht, wird von ihrer strahlenden Laune und ihrem offensichtlichen Händchen für die Präsentation schöner Dinge angesteckt. „Das Tolle an unserer Familie ist, dass meine Großeltern mit Mitte 80 jede unserer Marketingaktionen begeistert unterstützen“, freut sich Julia. Keine Frage, dass sie mit diversen Facebook-Posts den überregionalen Bekanntheitsgrad von Glam & Style regelmäßig stärkt. „Dabei denken wir aber nicht nur an unseren eigenen Laden“, erklärt Sabine Ehrenreich. Regelmäßig laden die beiden Frauen nach Ladenschluss um 18 Uhr kleinere Kundengruppen zum Private Shopping ein. Und in den Goody Bags finden sich Gutscheine für weitere Burglengenfelder Unternehmen aus den Branchen Handel, Dienstleistung und Gastronomie.

Im November 2018 konnte Glam & Style die Eröffnung der Ladenerweiterung auf 320 Quadratmeter feiern. Beste Voraussetzungen für die Nachfolge der fünften Generation. Julias Töchterchen Charlotte ist sich sicher: „Ich werde hier mal Chef.“

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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