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Interview

Ende des Aufholprozesses

Dr. Oliver Ehrentraut, Direktor der Prognos AG, spricht über Globalisierung, Digitalisierung und Demografie.
Von Stephanie Burger, WZ

Dr. Oliver Ehrentraut (Foto: Istvan Pinter)
Dr. Oliver Ehrentraut (Foto: Istvan Pinter)

Regensburg.Doktor Ehrentraut, man hat das Gefühl, derzeit überwiegt der pessimistische Blick in die Zukunft. Wie sehen Sie das?

Dr. Oliver Ehrentraut: Unsere Prognose sieht gar nicht so düster aus. Im Gegenteil – die Voraussetzungen für wirtschaftliche Erfolge sind gegeben, die Wachstumsperspektive ist gut. Aber natürlich gibt es Herausforderungen, die wir volkswirtschaftlich beziehungsweise gesellschaftlich bewältigen müssen. Wenn wir in Deutschland beispielsweise die Digitalisierung verschlafen, dann wird die Wohlstandsentwicklung nicht in diesem Maße weitergehen.

Gehen Sie davon aus, dass Deutschland der digitale Wandel gelingt?

Ja, unsere Analysen zeigen, dass die Wirtschaft durchaus aus der Vergangenheit lernt. Unsere Unternehmen haben immer wieder ihre Anpassungsfähigkeit bewiesen. Wir haben eine gute Bildungslandschaft und eine gut ausgebildete Bevölkerung. Deutschland ist Europas Spitzenreiter bei den Patentanmeldungen – auch ein Indikator für Innovationsfähigkeit. Aber wir müssen aufpassen, unseren technologischen Vorsprung zu halten. Andere Länder holen schnell auf.

Zum Jahreswechsel erscheint der „Prognos Deutschland Report 2025|2035| 2045“. Sie blicken darin bis zu 30 Jahre in die Zukunft. Auf welchen Grundlagen basieren Ihre Prognosen?

Unseren Prognosen liegen modellgestützte Analysen zugrunde, in denen jahrzehntelange Fortschreibungen volkswirtschaftlicher und demografischer Entwicklungen einfließen. Auf dieser Basis arbeiten unsere Wissenschaftler die zentralen Rahmenbedingungen für die deutsche Wirtschaft heraus. Unsere Aussagen beschreiben Entwicklungen, die wir für verlässlich halten. Damit möchten wir Orientierung bieten – ganz bewusst mit langfristiger Perspektive. Denn heutige Entscheidungen entfalten ihre Wirkung erst Jahre oder Jahrzehnte später. Darüber hinaus entwickeln wir auch „Was wäre wenn“-Szenarien, also Prognosen auf Basis von Vorannahmen.

Gibt es in Langzeitprognosen nicht zu viele Einflussfaktoren, die gar nicht berücksichtigt werden können?

Ja, es gibt „Black Swans“, also unvorhergesehene, singuläre Ereignisse, die der wirtschaftlichen Entwicklung eine entscheidende Wende geben können. Solche Ereignisse können wir tatsächlich nicht abbilden. Aber –und das ist auch eine Erkenntnis aus unserer Tätigkeit – es gibt sehr viele Entwicklungen und Effekte, die viel stabiler sind, als man zunächst denkt. So zum Beispiel auch die Demografie.

„Die Globalisierungsskepsis ist die Folge einer falschen Verteilung sowie einer Überforderung mit der komplexen Welt. Die Politik ist gefordert, die Verteilungsfrage gerechter zu beantworten.“

Dr. Oliver Ehrentraut

Ein zentrales Thema des Reports ist die Globalisierung. Geht der Globalisierungsprozess seinem Ende entgegen?

Nein, er wird sich weiter fortsetzen. Viele Dinge, die uns in der Gegenwart als wirkmächtig erscheinen, wie Handelskonflikte oder die Folgen der Finanzkrise, erweisen sich als kurzfristige Effekte, die nichts am langfristigen Pfad ändern. Die Wertschöpfungsketten sind so verflochten, dass sich das Rad der Globalisierung nicht mehr zurückdrehen lässt. Außerdem rechnet sich die Arbeitsteilung. Es überwiegen die Vorteile der Globalisierung.

Aber Tatsache ist doch auch, dass viele Länder sich abschotten und weite Teile der Bevölkerung der Globalisierung zunehmend skeptisch gegenüberstehen.

Protektionismus hilft auf Dauer nicht. Trumps Versuch, die US-Autoindustrie durch protektionistische Maßnahmen zu stabilisieren, wird langfristig nicht von Erfolg gekrönt sein. Bei einem in Spartanburg produzierten BWM – was sind daran die amerikanischen und was die deutschen Anteile? Das kann kaum trennscharf verortet werden. Dass der Einzelne, der durch die Globalisierung seinen Job verloren hat, auf diese nicht gut zu sprechen ist, ist verständlich. Andererseits verdanken wir der Globalisierung auch viele Jobs. Die Globalisierungsskepsis ist vor allem die Folge einer falschen Verteilung sowie einer Überforderung mit der komplexen Welt. Die Politik ist gefordert, die Verteilungsfrage gerechter zu beantworten, sodass wieder mehr von der Globalisierung profitieren.

Was war die überraschendste Erkenntnis des Reports?

Überrascht hat uns die Erkenntnis, dass der Aufholprozess Ost, also die Annäherung der ost- an die westdeutschen Bundesländer, vorbei ist. Die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den Bundesländern werden sich verfestigen. Hauptursache dafür ist die demografische Entwicklung. Es fehlt an erwerbsfähiger Bevölkerung. Die Handlungsoptionen sind begrenzt, denn die Demografie ist träge. Es wird auch 2045 keine gleichermaßen „blühenden Landschaften“ geben.

Wie können wir vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und der Digitalisierung unsere sozialen Sicherungssysteme erhalten?

Aktuell versorgen drei Erwerbstätige einen Rentner. In 20 Jahren werden zwei Erwerbstätige diese Leistung übernehmen. Darauf müssen die Generationenverträge der sozialen Sicherungssysteme vorbereitet werden. Die Digitalisierung wird zwar die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nicht aussterben lassen, aber sie bringt neue Arbeitsformen mit sich, wie Clickworker. Eine zentrale Frage ist, ob wir nicht die Finanzierung auf eine andere Grundlage stellen sollten. Es ist zu prüfen, ob vielleicht eine Erwerbstätigenversicherung, in die alle Berufstätigen einbezogen werden, also auch Selbstständige, Freiberufler, Beamte und Politiker, der neuen Arbeitswelt besser gerecht wird als die heutige Sozialversicherungspflicht. Auch eine Wertschöpfungsabgabe oder andere alternative Finanzierungskonzepte sollten Gegenstand der Diskussion sein.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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