MyMz
Anzeige

Interview

Es braucht mehr Mut zum Risiko

Dr. Carsten Rudolph, Geschäftsführer der Gründerschmiede BayStartUP, spricht über die dynamische Gründerszene in Nordbayern.
Von Thomas Tjiang, Wirtschaftszeitung

Dr. Carsten Rudolph (Foto: Thomas Tjiang)
Dr. Carsten Rudolph (Foto: Thomas Tjiang)

Nürnberg.Herr Doktor Rudolph, bundesweit sind die Gründerzahlen seit Jahren auf Talfahrt – wie lässt sich das erklären?

Carsten Rudolph: Das lässt sich ganz banal mit der guten wirtschaftlichen Lage erklären. Man muss einerseits die Gründer sehen, die aus der Not heraus gründen, weil sie anders keine Perspektiven sehen. Hier dient eine Gründung der eigenen Existenzsicherung. Andererseits geht der Trend bei den technologiegetriebenen Gründungen nach oben. Auch Venture-Capital-Investitionen gehen nach oben. Wenn man allein in unserem Umfeld sieht, wie schnell die stärkeren Start-ups auf 100 Mitarbeiter und mehr kommen, kann ich nur das positive Bild einer dynamischen Start-up-Szene zeichnen.

Der KfW-Gründermonitor diagnostiziert, dass nicht mal ein Drittel der Bevölkerung überhaupt eine Selbstständigkeit für erstrebenswert hält. Fehlen vielleicht auch die positiven Vorbilder?

Ich kenne keine richtige oder erstrebenswerte Zahl an Gründern für eine Volkswirtschaft. Hätten wir eine Gründerquote von 50 Prozent, hätten wir lauter „Zwei-Mann-Firmen“. Das kann es ja auch nicht sein. Die fehlenden Vorbilder würde ich ein Stück weit unterschreiben. Viele der deutschen Gründer, die Samwer-Brüder einmal ausgenommen, drängen sich nicht so in den Vordergrund wie etwa ein Elon Musk. Ein weiterer Aspekt ist, dass Unternehmen wie etwa Flixbus deutlich älter eingestuft werden, als sie tatsächlich sind.

Sie betreuen bayerische Start-ups mit Coaching, Networking und Wettbewerben. Wie fällt die nordbayerische Bilanz von Regensburg bis Aschaffenburg aus?

Wir sind 2018 mit dem Businessplan-Wettbewerb Nordbayern 20 Jahre alt geworden. In dieser Zeit haben wir einige sehr erfolgreiche Firmen hervorgebracht. Die haben teils mehrere hundert Mitarbeiter, manche sind börsennotiert. Wir diskutieren als eine Art Geburtshelfer über die Planung, um den für viele wesentlichen Schritt zur ersten Finanzierung hinzubekommen. Das galt 1998 genauso wie heute. Unser Netzwerk an Begleitern mit Steuerberatern und Rechtsanwälten, aber auch Investoren ist sehr wichtig. Auch der Austausch unter den Start-ups in einem Flächenland wie Bayern passiert nicht automatisch. Daher verknüpfen wir etwa einen Regensburger Gründer mit einem aus Garching.

Ist die Förderlandschaft inzwischen so unübersichtlich geworden, dass man sich als Newcomer ohne Helfer wie zum Beispiel BayStartUP nicht zurechtfinden kann?

Das betrifft weniger die öffentliche Förderlandschaft als vielmehr den Zugang zu vermögenden Privatpersonen, die die ersten paar Hunderttausend Euro in ein Start-up investieren. Die rennen ja nicht mit einem Schild über den Marktplatz „Ich bin Multimillionär und investiere gern“. Auch uns gelingt es nur selten, einen Investor in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Diesen Zugang, auch wenn es letztlich nicht kompliziert ist, haben Unternehmen in der frühen Phase nicht. Wir haben 2018 insgesamt knapp 63 Millionen Euro an 50 Start-ups vermittelt. Aber die Spanne ist groß. Das beginnt bei ein paar Hunderttausend Euro und geht bis mehrere Millionen Euro.

„Heute ist man nach einer gescheiterten Gründung auch nicht mehr gebrandmarkt. Viele Personalabteilungen suchen nach Profilen mit unternehmerischer Erfahrung, die wollen ja geradezu den Unternehmer im Unternehmen.“

Dr. Carsten Rudolph

Das klingt üppig, international werden aber auch gern mal dreistellige Millionenbeträge investiert. Ist die Finanzierung von Start-ups ein Problem?

Jein. Bei unseren Zahlen betrachten wir nur die Frühphase einer Gründung. Auch Start-ups, die von uns betreut wurden, sammeln in den Folgerunden deutlich mehr Geld ein. Generell sehen wir eine sehr positive Entwicklung beim Thema Risikokapital. Nachholbedarf haben wir bei deutschen Investoren, die Beträge im zweistelligen Millionenbereich stemmen. Aktuell sind eher Amerikaner, Japaner oder jüngst auch die Chinesen präsent. Ich glaube, das Geld wäre bei Versicherungsfonds oder Corporates da. Die Risikobereitschaft deutscher Unternehmen, in diesen Dimensionen in deutsche Start-ups zu investieren, ist noch verhalten. Da geht noch mehr. Volkswirtschaftlich läge der Vorteil darin, dass gute Ideen im Land bleiben.

Mit Risikokapital können sich Unternehmen auch Know-how zum Technologietransfer erkaufen. Wie stark ist dieser Aspekt ausgeprägt?

Wir sehen die gesamte Spanne. Manche machen es gar nicht, manche sehr intensiv. Die haben ihre Venture-Aktivitäten mit mehreren 100 Millionen Euro ausgestattet, halten aber auch weltweit Ausschau. Geht es eher um Invest statt um Strategie, muss man noch die Venture-Capital-Gesellschaften nennen, die Geld für ihre Fonds einsammeln, um in junge Technologie zu investieren. Da haben die Fonds in den USA oder UK deutlich mehr Gewicht. Für Unternehmer kann das aber eine Hilfe sein, wenn sie innovativ investieren, aber nicht jedes einzelne Start-up bewerten wollen.

Sind bayerische oder auch deutsche Gründer gegenüber amerikanischen oder chinesischen Start-ups im Nachteil, weil ihr Heimatmarkt vergleichsweise klein ist?

Das ist kein gravierender Nachteil. Wichtig ist, dass es EU-weite Gesetze gibt, die sprachlichen Hürden sind minimal. Im zweiten Schritt haben sie sogar einen Vorteil, weil sie schneller multilingual sind. Wir erleben bei manchen Gründern eine zu starke Fokussierung auf den deutschen Markt. Die Erfolgreichen denken sofort international oder gar global und starten mit Englisch als erster Sprache in den Markt. Zuerst den Heimatmarkt zu bedienen und dann in zwei Jahren über eine Internationalisierung nachzudenken, diese Zeit gibt es bei den meisten innovativen Themen nicht mehr.

Die Kehrseite des Gründens beinhaltet immer auch das Risiko des Scheiterns. Wie groß ist diese Angst?

Da hat sich einiges gedreht. Das Risiko, wenn man in jungen Jahren gründet, ist nahezu Null. Das Risiko besteht eher dann, wenn man eine junge Familie hat und sein Eigenheim abbezahlt. Heute ist man nach einer gescheiterten Gründung auch nicht mehr gebrandmarkt. Viele Personalabteilungen suchen nach Profilen mit unternehmerischer Erfahrung, die wollen ja geradezu den Unternehmer im Unternehmen. Da hat sich viel getan.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht