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Interview

Flagge zeigen für Europa

Prof. Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), bilanziert 2018 und blickt voraus auf 2019
Von Thomas Tjiang

Prof. Dieter Kempf (Foto: Thomas Tjiang)
Prof. Dieter Kempf (Foto: Thomas Tjiang)

Nürnberg.Herr Professor Kempf, wenn Sie auf das Jahr 2018 zurückblicken – wie fällt da Ihr Urteil aus?

Prof. Dieter Kempf: Wir blicken zurück auf neun Jahre Wachstum und stetig sinkende Arbeitslosenzahlen. Doch im vierten Quartal des endenden Jahres sehen wir einen Einbruch, zumindest einen Einbruch der Erwartungen. Bis zum dritten Quartal gingen wir im Bundesverband der Deutschen Industrie, kurz BDI, von einem Wachstum von über zwei Prozent aus. Jetzt sehen wir für das Gesamtjahr nur noch etwa eineinhalb Prozent. Eine wesentliche Ursache ist der neue Testzyklus in der Automobilindustrie. Eine Vielzahl unterschiedlicher Automodelle muss den neuen Testzyklus bestehen, dadurch bildet sich eine Warteschlange vor den Prüfständen. Im Export gibt es in manchen Bereichen deutliche Rückgänge. Zwar sind beispielsweise die Unternehmen im Maschinenbau recht zufrieden. Insgesamt sind aber die Exporterwartungen zurückgegangen. Risikofaktoren existieren und bleiben bestehen – etwa der protektionistische Kurs des US-Präsidenten oder negative Auswirkungen durch den geplanten Brexit.

Geht das Jahr 2018 als Jahr des Vertrauensverlustes in die deutsche Automobilindustrie in die Geschichte ein?

Ich rate, die Frage differenziert zu beantworten. Richtig problematisch wird es, wenn der Vertrauensverlust auf eine komplette Branche abfärbt und möglicherweise auf die Wirtschaft insgesamt. Das wäre fatal, doch das sehe ich noch nicht. Dringend nötig ist eine rationale Diskussion über die Themen Verbrennungsmotor und Diesel. Denn ich bin nicht sicher, ob für die zukünftige Mobilität der batteriebetriebene Elektromotor die einzige Alternative ist. Meine Devise ist: Lasst uns ergebnisoffen an allen denkbaren Fronten forschen.

Bei der Digitalisierung gelten Sie ja als ungeduldig. Ging es bei der Industrie 4.0 für Sie schnell genug voran?

Mit dem Tempo der digitalen Transformation in der Industrie, mit den industriellen Prozessen und den Datenplattformen in vertikalen und horizontalen Strukturen bin ich gar nicht so unzufrieden. Die Plattform Industrie 4.0 zeigt, dass nicht nur die Großen, sondern auch mittelständische Unternehmen dabei sind. Sie haben das Potenzial in den Bereichen Produkt, Plattform, Prozess und Digitalisierung der eigenen Wertschöpfung klar erkannt. Dabei sind unsere Unternehmen im Vergleich zu internationalen Wettbewerbern weit.

Leuchtende Vorbilder im Mittelstand gibt es viele; finden sich auch welche in der Breite?

Anwendungsbeispiele durchziehen Unternehmen aller Größen und Branchen. Ein Beispiel: Eine kleine Brauerei hatte große Probleme mit ihren Fassrückläufern. Jetzt arbeitet sie mit einem Start-up zusammen, das alle Fässer mit Chips getaggt hat. So lässt sich feststellen, wo sich jedes einzelne Fass in diesem Moment befindet. Außerdem bietet der Chip Produktionsdaten zur Biersorte und zum Herstellungsdatum – und eine Verbindung zur Buchhaltung. Aus dem Mangel beim Fässerpfand ist eine effiziente digitale Anwendung entstanden. Wir im BDI setzen uns sehr stark für die Begegnung und Vernetzung von Start-ups und etablierten Unternehmen ein. Ein anderes Beispiel stammt aus dem Nürnberger Incubator Zollhof: Dort wurde eine automatische Vermessung von Paketen im Durchlauf entwickelt, mit der sich alle nachfolgenden logistischen Prozesse bis zur Beladung des Lieferfahrzeugs optimieren lassen.

„Obwohl viele erfolgreiche Industrieunternehmen die hohe Ingenieurskunst beherrschen, haben sich manche mit dem Sprung in die Möglichkeiten datenbasierter Produktion und Geschäftsmodelle zurückgehalten.“

Prof. Dieter Kempf

Ist die digitale Holschuld schon ausreichend in den Chefetagen der KMUs angekommen?

Zumindest existiert die Einsicht, dieser Verantwortung mitunter noch nicht genug nachgekommen zu sein. Obwohl viele erfolgreiche Industrieunternehmen die hohe Ingenieurskunst beherrschen, haben sich manche mit dem Sprung in die Möglichkeiten datenbasierter Produktion und Geschäftsmodelle zurückgehalten. Glücklicherweise hat sich inzwischen viel Spannung gelöst.

Wie sind Ihre Erwartungen für das Jahr 2019?

Das hängt entscheidend von der Frage ab, ob es einen harten Brexit gibt. Ich hoffe auf einen geregelten Brexit. Ähnlich bedeutend ist die Frage, wie sich der Handelsstreit zwischen den USA und China entwickelt. Wir brauchen hier auf allen Seiten mehr Verständnis, dass regelbasierter und globalisierter Handel der richtige Weg ist. Es geht darum, die globale Handelsordnung zu wahren und zu entwickeln, die derzeit vom Recht des Stärkeren immer stärker erschüttert wird.

Ein neues Thema in diesem Ausmaß sind für die Unternehmen die Folgen des Populismus und die Sabotage supranationaler Institutionen – nicht nur mit Blick auf die Europawahl 2019. Muss die Wirtschaft stärker Flagge zeigen?

Wir wollen in der Wirtschaft mehr tun – und ich sage bewusst: wir. Das gilt gerade im Hinblick auf die Europawahl, nicht nur für die deutsche Wirtschaft, sondern auch für unsere Partnerverbände aus anderen EU-Ländern. Wir werden gemeinsam für diese Europäische Union werben und deutlich machen, was die EU für die Beschäftigten überall auf dem Kontinent leistet und ermöglicht. Auch wenn es an der einen oder anderen Stelle berechtigte Kritik am Zustand der Staatengemeinschaft gibt: Keiner darf das Erreichte mutwillig vom Tisch wischen. Sicherheit, Migration, Wachstum, Arbeitsplätze, Klimawandel, Ressourcenknappheit, das können wir nur gemeinsam meistern: Deutsche und Europäer, Politik und Wirtschaft.

Führt ein „my country first“ also auch in Deutschland in die Sackgasse?

Als vor über 40 Jahren die ersten Weltwirtschaftsgipfel stattfanden, waren die sieben größten Wirtschaftsmächte dabei. Die sieben, die sich heute noch in der gleichen Konstellation in jedem Jahr treffen, sind längst nicht mehr die größten Volkswirtschaften. In Zukunft wäre bei einer Neugründung der G7 wohl kein einziges europäisches Land mehr dabei, auch Deutschland nicht. Es wären eher die USA und sechs asiatische Länder. Ich plädiere für eine starke EU – dann wären wir Europäer in zehn Jahren im Konzert der Mächtigen neben den USA und fünf asiatischen Staaten sicher mit von der Partie. Nur gemeinsam werden wir Europäer in der Welt auf Dauer erfolgreich bleiben.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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