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Karriere

Handwerk bietet auch Jobs für Akademiker

Immer weniger Schulabgänger entscheiden sich für eine Ausbildung. Besonders im Handwerk führt das zu Problemen.
Von Carina Freundl, Wirtschaftszeitung

Michael Leitner (Mitte) ist nach dem Studium in einen Handwerksbetrieb eingestiegen. Foto: Andreas Renner Fotografie
Michael Leitner (Mitte) ist nach dem Studium in einen Handwerksbetrieb eingestiegen. Foto: Andreas Renner Fotografie

Ostbayern.„Wir brauchen Master und Meister“, behaupten Politiker und Kammervorstände bei ihren Reden gerne. So falsch ist diese Aussage auch nicht. Der Fachkräftemangel trifft unter anderem das Handwerk massiv. Es fehlt an Nachwuchs, eine Ausbildung ist nicht mehr so attraktiv, wie sie es einmal war. In den kommenden zehn Jahren steht in Ostbayern in mehr als 11000 Betrieben eine Übergabe an. Hier kommen die Akademiker ins Spiel: Als Geschäftsführer könnten sie etwa nach einem Ingenieurs- oder Betriebswirtschaftsstudium in einen Betrieb einsteigen. Aber ist das, was in der Theorie so sinnig klingt, auch in der Praxis eine gute Lösung?

Qualifiziert ein Studium fürs Handwerk?

Schon jetzt arbeiten Akademiker in Handwerksbetrieben, meist als Betriebsleiter oder Geschäftsführer, berichtet Christian Kaiser, stellvertretender Bereichsleiter Berufsbildung bei der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz. Das Handwerksrecht erlaube bei einschlägigem Studium, dass auch Akademiker ohne handwerkliche Ausbildung einen Betrieb leiten. „Ausbildung und dann ein ergänzendes Studium – das wäre der Königsweg“, erklärt er weiter. Denn nur so kenne der Chef beide Seiten, auch die des Arbeiters.

Die Hälfte der 20- bis 24-Jährigen hatte 2017 Abitur oder Fachabitur. Die Voraussetzungen wären also gegeben. In Ostbayern entschieden sich in den letzten Jahren aber nur wenige Abiturienten für eine duale Ausbildung im Handwerk. Bei den Meisterabschlüssen zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Während deutschlandweit 2017 gerade einmal neun Prozent der Bevölkerung zwischen 30 und 34 einen Meistertitel tragen durften, hatten mehr als dreimal so viele, nämlich 29 Prozent, ein Studium abgeschlossen.

Von anderen bewundert, in Deutschland wenig geschätzt

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob ein Studium überhaupt für die Arbeit in einem Handwerksbetrieb oder gar dessen Übernahme qualifiziert. „In keiner Weise“, lautet die Antwort von Michael Leitner, Geschäftsführer der gleichnamigen Baufirma aus Pettendorf im Landkreis Regensburg. Er ist nach seinem Bachelorabschluss im Bauingenieurwesen in das Familienunternehmen eingestiegen. Die Kenntnisse aus dem Studium seien zwar an manchen Stellen nützlich, berichtet er, für den betrieblichen Alltag rüsten sie aber nicht. „Das Handwerkszeug, das ich bei meiner tagtäglichen Arbeit benötige, lernt man während einer Ausbildung im Betrieb. Keine Baustelle ist wie die andere. Hier komme ich mit theoretischem Wissen nicht weit, Erfahrung zählt, wenn der Kunde eine Lösung sehen will.“ Nach dem Studium habe er längere Zeit auf Baustellen mitgearbeitet, sich die notwendigen Kenntnisse angeeignet. „Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass ich in dieser Zeit 95 Prozent dessen gelernt habe, was in meinem Alltag wichtig ist. Die restlichen fünf Prozent ergänze ich mit Wissen aus dem Studium“, gibt er zu bedenken.

Bei Kunden, Kollegen und Lieferanten hingegen falle Leitner häufig auf, dass das Studium Anerkennung finde, man ihm aufgrund des Abschlusses automatisch hohe Kompetenz zuschreibe. „Das ist ein großes Problem“, sagt er. Das duale Ausbildungssystem hier in Deutschland wird in anderen europäischen Ländern bewundert. Innerhalb unserer Gesellschaft verliert die Ausbildung jedoch zunehmend an Wertschätzung. Nicht nur deshalb ist es kaum verwunderlich, dass immer mehr junge Menschen das Abitur sowie einen Hochschulabschluss anstreben. Zwar ist die Zahl der Lehrlinge mit (Fach-)Abitur im Bereich der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz in den vergangenen Jahren gestiegen. Sie macht aber weiterhin nur einen Bruchteil aus. Generell entscheiden sich immer weniger Jugendliche für eine Ausbildung. „An diesem Punkt versuchen wir, anzugreifen“, berichtet Christian Kaiser. Spezielle Ausbildungsmodelle in den Berufen Glaser und Metallbauer starten im September in Zusammenarbeit mit der Berufsschule Vilshofen. In eigenen Klassen können Abiturienten eine verkürzte Ausbildung absolvieren und gleichzeitig schon den betriebswirtschaftlichen Teil der Meisterausbildung sowie die Ausbildereignung anhängen.

Es sei ein Vorurteil, dass im Handwerk nur Mittelschulabsolventen gesucht werden, so Kaiser weiter. „Natürlich sind Facharbeiter die Kräfte, die am meisten benötigt werden. Es gibt aber auch Projekte, etwa im Bereich der Elektrotechnik, die immer komplexer werden – hier haben Abiturienten und Hochschulabsolventen gute Entwicklungsmöglichkeiten.“ Der ideale Weg sei hier abermals die Kombination aus Ausbildung und Studium. Ein Modell, das auch Michael Leitner empfehlen würde. Die ostbayerischen Handwerksbetriebe haben das ebenfalls erkannt und in den letzten Jahren mehr Ausbildungsplätze für duale Studenten geschaffen. Der Hintergedanke dabei: dem Akademisierungstrend begegnen, kluge Köpfe, aber auch Facharbeiter gewinnen. Was in der Theorie vielversprechend klingt, lässt sich in vielen Betrieben aber in der Praxis nicht umsetzen. Es fehlen die notwendigen Strukturen. Ein Großteil der Handwerksbetriebe besteht aus wenigen Mitarbeitern und ist inhabergeführt. Ingenieure finden hier in der Regel keinen Platz. Und selbst wenn, der Mitarbeiter, der die Planungen ausführt, fehlt weiterhin.

Der Fachkräftemangel, besonders auch im Handwerk, ist hausgemacht. Der Deutsche Qualifikationsrahmen (DQR) stellt den Meister mit dem Bachelor auf eine Stufe – die Gesellschaft aber bei Weitem nicht. Wer studiert, ist klug, verdient viel Geld. Zum Handwerker passen diese Attribute der öffentlichen Meinung nach nicht. Dass ein Handwerksmeister oftmals deutlich mehr verdient als ein Bachelorabsolvent, ist vielen nicht bewusst. „Außerdem stellen sich viele Menschen bei einem ‚Bachelor of Engineering‘ eine junge, smarte, gut gekleidete Person vor, beim Meister einen älteren Herren mit Arbeitshose und dreckigen Händen“, ergänzt Leitner.

Imagekampagne gegen verstaubte Vorurteile

Um diesen Vorurteilen zu begegnen, bietet die Handwerkskammer Infovorträge an Schulen an. „Die Gymnasien zeigen dafür immer mehr Interesse“, sagt Kaiser. Imagekampagnen sollen die verstaubten Vorurteile beseitigen. Und auch die Betriebe sind gefragt: Sie müssen aufzeigen, was sie einem potenziellen Mitarbeiter bieten können. Nur so besteht die Hoffnung, dass die Gesellschaft ihre Ansichten ändert und der Fachkräftemangel im Handwerk sich nicht weiter verschärft.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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