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Digitalisierung

Harte Hunde haben ausgedient

Die digitale Transformation fordert neuen Führungsstil und flache Hierarchien, sagt Wirtschaftsexperte Thomas Sattelberger.
von François Baumgartner, Wirtschaftszeitung

„Unternehmer in Niederbayern oder der Oberpfalz müssen sich alle die eine, zukunftsentscheidende Frage stellen: Was macht mich als Arbeitgeber attraktiv für eine ehrgeizige junge Informatikerin?“, sagt Thomas Sattelberger. Foto: Wolfgang Maria Weber
„Unternehmer in Niederbayern oder der Oberpfalz müssen sich alle die eine, zukunftsentscheidende Frage stellen: Was macht mich als Arbeitgeber attraktiv für eine ehrgeizige junge Informatikerin?“, sagt Thomas Sattelberger. Foto: Wolfgang Maria Weber

Regensburg. Herr Sattelberger, der Sanierungsfall Deutsche Bank bewegt die Gemüter. Der Aktienkurs kennt seit Jahren nur eine Richtung, es kommt zu Entlassungen. Gleichzeitig werden Maßanzüge bestellt und für Vorstände gibt es exorbitante Abfindungen. Wie kann das sein?

Thomas Sattelberger: Die Deutsche Bank hat seit 2010 für Verfehlungen rund 20 Milliarden Euro Strafe gezahlt. Und selbst im Jahr 2018 hat sie noch 643 Einkommensmillionäre auf der Payroll gehabt. Ein Berg Geld, unnötig vernichtet. Mit diesen Milliarden hätte sich die Bank für die Digitalisierung rüsten und gleichzeitig den Personalumbau sozial gestalten können. Die Misere der Bank setzt sich zusammen aus Managementfehlbesetzungen, moralisch-kultureller Verwahrlosung, technologischem Rückstand und einer unternehmerischen Fehlsteuerung durch exzessive Vergütungspolitik. Und das Kontrollorgan, der Aufsichtsrat, hat diese Weiter-so-Strategie über viele Jahre unterstützt.

Wie verhindert man solche Fehler?

Mit moralisch unbescholtenen und gleichzeitig mutigen Menschen an der Spitze. Ein Unternehmen darf nicht die Täter des alten Systems zu Reformern ernennen. Unabdingbar ist zudem eine konsequente Talent- und Kulturarbeit, die gute Menschenführung ins Zentrum stellt. Und eine Vergütungspolitik, die ausschließlich die Nachhaltigkeit der Unternehmensentwicklung honoriert. Außerdem ein divers zusammengesetzter Aufsichtsrat, der dem Vorstand auch Paroli bietet.

Wie sichert man die Geschäftsfähigkeit eines Unternehmens angesichts bevorstehender Veränderungen ab?

Unternehmenslenker brauchen vor allem ein Frühwarnradar für plötzlich aufkommende Veränderungen. Solche „menschlichen Antennen“ können Vertriebler sein, die eigenen Kunden oder die scharfe Beobachtung neuer Konkurrenten. Aber Vorsicht: Ohne kluges Handeln durch die Techniker und Ingenieure im Unternehmen hilft so ein Radar nicht. Auch kleine und mittelgroße Unternehmen brauchen eine Experimentiermentalität und müssen einen Teil ihrer Profite in neues, unbekanntes Terrain der digitalen Geschäftsmodelle investieren. Ein gutes Beispiel ist der mittelständische Baumaschinenhersteller Putzmeister aus Aichtal in Baden-Württemberg. Der verkauft seine Betonpumpen und Verputzmaschinen nicht nur, sondern hat für sie eine eigene globale Leasing-Plattform entwickelt.

Warum sind die Konzerne und der Mittelstand in Deutschland so massiv unter Druck?

Nehmen wir die Automobilkonzerne. Die haben Tesla und Elon Musk jahrelang belächelt, und jetzt verkauft er im zweiten Quartal 2019 an die 100000 Fahrzeuge und verdrängt die deutschen Hersteller von der amerikanischen Ost- und Westküste. Erfolg verwöhnt, macht aber auch blind für den Wettbewerber hinter der Hecke. Viele Firmen hierzulande sind in ihrer Unternehmenskultur viel zu schwerfällig und altmodisch. Das gilt nicht nur für neue Technologietrends, sondern auch in der Arbeitswelt. Unternehmer in Niederbayern oder der Oberpfalz müssen sich alle die eine, zukunftsentscheidende Frage stellen: Was macht mich als Arbeitgeber attraktiv für eine ehrgeizige junge Informatikerin?

Als ehemaliger Toppersonaler sind Sie ein Fachmann in den Bereichen digitaler Wandel und Fachkräftesicherung. Was müssen die Unternehmen jetzt tun?

Derzeit fehlen allein in Niederbayern 6000 Facharbeiter und 3300 Spezialisten wie zum Beispiel Meister, Techniker und Bachelorabsolventen. Und es fehlen 2300 Master-Akademiker, vor allem Ingenieure und Informatiker. Diese Zahlen werden sich bis 2025 verdoppeln. Um mit dieser bedrohlichen Situation umzugehen, hat Niederbayern vier große Stellschrauben.

Erstens: Von den extrem, auch im bayerischen Schnitt überdurchschnittlich vielen ungelernten Arbeitnehmern in Niederbayern muss eine beträchtliche Zahl eine Berufsausbildung in Modulen, in Teilzeit oder Vollzeit absolvieren. Zweitens: Wir brauchen deutlich spürbar mehr Anreize für Meister- und Technikerausbildungen, etwa neue BAföG-Modelle und Stipendiatenprogramme in der beruflichen Bildung. Drittens: Die Hochschulen in Niederbayern müssen zusammen mit den Unternehmen alles daran setzen, die Zahl der hier verbleibenden Absolventen deutlich zu erhöhen – auch und gerade unter den Studierenden aus anderen Ländern. Viertens: Zu viele gut qualifizierte Frauen zieht es wegen fehlender Berufsaussichten in größere Städte. Wir brauchen auch in unseren Regionen mehr Offenheit für attraktive Arbeitsplätze für Frauen und müssen traditionelle Geschlechterbilder stärker hinterfragen. Sonst stimmen die Menschen mit den Füßen ab.

Welche Herausforderungen sehen Sie noch?

Natürlich beunruhigt mich die extreme Automobilabhängigkeit Niederbayerns. Das gilt ja nicht nur für den Anteil an der industriellen Wertschöpfung, sondern auch für den Umfang der Beschäftigten und die damit verbundenen Pendlerströme. Man nennt sowas auch Klumpenrisiko. Niederbayern braucht daher neben dem Standbein Automobil auch starke Spielbeine! Ich denke zum Beispiel an die Haus- und Gebäudetechnik, an die Informations- und Kommunikationsindustrie sowie an eine Gründerszene, die viel kräftiger sein könnte. Die Hochschulen in Niederbayern unternehmen hier schon gute Anstrengungen, davon braucht Niederbayern aber noch das Zehnfache.

Was bedeutet das für den qualifikatorischen Strukturwandel auf dem ostbayerischen Arbeitsmarkt?

Gerade die digitale Wirtschaft ist in Niederbayern und der Oberpfalz noch sehr unterentwickelt. Der Auf- und Ausbau des Gründerzentrums Digitalisierung Niederbayern in Deggendorf und Passau ist seit vielen Jahren überfällig. Niederbayern braucht deutlich mehr Digitalexperten. Und das allein reicht nicht aus. Wir brauchen viel mehr Weiterbildungsangebote, um Digitalkompetenz zu vermitteln. Nicht nur ein paar Dutzende, sondern an die Zehntausende. Kammern, Weiterbildungsträger, Unternehmen sind hier gefordert. Es fehlen derzeit vor allem Infrastruktur, Kultur und kompetent geschulte Ausbilder. Insgesamt brauchen wir einen digitalen Qualifizierungsschub in Ostbayern – vom Fundament der Bildungspyramide bis an die Spitze.

Warum könnte die Entwicklung insbesondere Niederbayern hart treffen?

Weil noch viele verarbeitende Betriebe in der nichtdigitalisierten Welt verharren. Dieser „Trend“ trifft die Region vor allem dann hart, wenn man die Digitalisierung nur als vorübergehende Erscheinung und nicht als große Chance begreift. Wir brauchen einen Wandel in den Köpfen. Digitalkompetenz bei Beschäftigten wie bei Gründern kann und wird die Digitalisierung und das Wachstum der gewerblichen Wirtschaft erheblich beschleunigen. Und das macht die Unternehmen wiederum attraktiv für höher qualifizierte Fachkräfte. Technologie und Talent gehen Hand in Hand. Und wenn sich das verknüpfen lässt mit einer nachhaltigen, gründer- und digitalisierungsfreundlichen Regionalentwicklung, dann stimmt die Gleichung!

Herr Sattelberger, brauchen wir eine andere Führungskultur?

Eines ist klar: Patriarchentum und digitaler Umbruch vertragen sich nicht. Gute Führung und digitaler Umbruch dagegen schon. Niedrigqualifikation und technologischer Stillstand sind häufig Ergebnis einer Führung durch „harte Hunde“. Das Erfolgsrezept der Zukunft sieht anders aus und viele kluge Familienunternehmen stellen sich heute bereits darauf ein oder sollten dringend damit beginnen: Die digitale Welt eröffnet engagierten Talenten viel mehr Freiheits- und Experimentierräume und bindet sie in Entscheidungsprozesse ein. In der bisherigen Welt hat es ausgereicht, wenn der Chef jeden in der Firma duzt oder jede einzelne Maschine auf dem Hof kennt. Das ist vorbei.

Dieses Interview ist ein Beitrag aus der aktuellen Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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