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Konjunktur

Italien ist die größte Gefahr

Drei positive, drei negative Faktoren sollte die „Wirtschaftsweise“ Isabel Schnabel der MZ nennen. Hier das Ergebnis
Von Bernhard Fleischmann

Italien und der Euro – Rom testet gerade die Belastbarkeit aus. Foto: Jens Büttner dpa
Italien und der Euro – Rom testet gerade die Belastbarkeit aus. Foto: Jens Büttner dpa

Negativ: Streit mit Italien kann zu grosser Krise werden


Die Risiken für die Wirtschaft befinden sich deutlich in der Überzahl. So sehen es die „Wirtschaftsweisen“. Eines der fünf Mitglieder ist Professorin Isabel Schnabel. Sie stellte am Mittwochabend an der Universität Regensburg das jüngst veröffentlichte Gutachten der „Weisen“ vor. Dabei sagte Schnabel zur MZ mit Blick auf die sehr expansive und höchst umstrittene Haushaltspolitik in Rom: „Die italienische Politik könnte die Risiken, die vom Finanzmarkt ausgehen, unterschätzen. Wir wissen aus früheren Krisen, dass Märkte ganz schnell umschlagen können. Sie reagieren im Moment noch moderat. Aber irgendwann wird der Schalter umgelegt und es kommt zu einer Krise.“ Schon heute verlangt der Kapitalmarkt für italienische Staatsanleihen einen deutlichen Renditeaufschlag. Zu den hohen Schulden kommt also ein teurerer Schuldendienst hinzu. Sorgen bereitet Schnabel zudem die enge Verflechtung von Staat und Banken – was für ganz Europa gelte. Banken hielten vor allem heimische Staatsanleihen. Geraten diese unter Druck, wackeln auch sogleich die Finanzinstitute. Man reißt sich miteinander in die Tiefe. So geschehen in der Finanzkrise vor zehn Jahren. Schnabel plädiert für eine stärkere Risikoteilung über Ländergrenzen hinweg. Eine EU-weite Einlagensicherung sei gerade in Deutschland ein Schreckgespenst. Zu Unrecht, findet Schnabel. Im Gegenteil: Deutschland würde davon profitieren.

Negativ: Engpässe bei Kapazitäten, weniger Erwerbsfähige


Die Wirtschaft ist heiß gelaufen. Wer Fachkräfte oder einen Handwerker braucht, sucht immer länger. Deutschlands Wachstum lag lange Jahre über dem normal erreichbaren Durchschnitt. Schnabel sagt: „Nun geraten wir an Kapazitätsgrenzen, da können wir halt nicht stärker wachsen.“ Langfristig bremst die Alterung der Bevölkerung – die Zahl der erwerbstätigen Menschen wird zurückgehen. Zuwanderung als Gegenmittel spiele eine wichtige Rolle, könne das Problem allein aber nicht lösen. „Wir können keine beliebige Zahl integrieren. Schwierig wird es vor allem, wenn wir qualifizierte Zuwanderer haben wollen – die bekommt man nicht so einfach.“ Das Rentensystem wird immer stärker belastet. Die Zahl der Renteneintritte geht in den nächsten Jahren beschleunigt nach oben. Die „Weisen“ kritisieren die Bundesregierung deshalb deutlich: Die doppelte Haltelinie für Beitragssatz und Rentenniveau über 2025 hinaus sei ebenso falsch wie die Mütterrente. „Das belastet die jüngere Generation einseitig.“ Das Renteneintrittsalter werde steigen müssen, Berechnungen der „Weisen“ zufolge auf 71 Jahre im Jahr 2080.

Negativ: Abschottung der Länder vom freien Handel


Gut wäre, wenn sich der Handelsstreit nicht auf Europa ausweiten würde. Schon der Konflikt zwischen USA und China habe Auswirkungen auf die globalen Wertschöpfungsketten und sei schädlich. Isabel Schnabel sagt: „Langfristig würde es nur Verlierer geben.“ Reformen der Welthandelsorganisation WTO könnten auch die USA wieder an den Verhandlungstisch bringen.

Zwei Generationen Wirtschaftsweise: Wolfgang Wiegard und Isabel Schnabel am Mittwochabend an der Uni Regensburg Foto: Fleischmann
Zwei Generationen Wirtschaftsweise: Wolfgang Wiegard und Isabel Schnabel am Mittwochabend an der Uni Regensburg Foto: Fleischmann

Positiv: Die Dynamik ist nach wie vor in Ordnung


In der deutschen Wirtschaft herrscht laut Isabel Schnabel weiterhin eine positive Grunddynamik. „Wir haben durchaus noch ein kräftiges Wachstum. Wir schlittern nicht auf eine Rezession zu, sondern nähern uns dem langfristig erreichbaren Wachstum – dieses liegt in Deutschland bei 1,4 bis 1,5 Prozent.“ Die momentane Abschwächung mit minus 0,2 Prozent im dritten Quartal des laufenden Jahres liege im Wesentlichen an der geringeren Produktion der Automobilindustrie wegen deren Schwierigkeiten mit der neuen Abgasnorm. „Da müssen die Bänder mehr oder weniger still gestanden haben.“ Sie glaube nicht, dass mit diesem Quartal eine Rezession eingeleitet sei.

Expertin für Entstehung von Finanzkrisen

  • Die Professorin:

    Die Wirtschaftswissenschaftlerin Isabel Schnabel ist seit 2015 Professorin für Finanzmarktökonomie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. Seit 2014 ist die 47-jährige gebürtige Dortmunderin Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („Wirtschaftsweise“).

  • Die Forscherin:

    Schnabels Forschungsschwerpunkte sind Bankenregulierung, das „Too-big-to-fail“-Phänomen (Zitat: „Wir müssen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Finanzinstitute, die nicht mehr tragfähig sind, tatsächlich abgewickelt werden können. Das gilt insbesondere für die großen, systemrelevanten Banken“) und systemische Finanzkrisen.

Positiv: Mehr Jobs und höhere Löhne stützen den Konsum


Auf der einen Seite wirken sich Fachkräftemangel und Kapazitätsengpässe bremsend aus, weil mögliche Aufträge nicht erledigt werden können. Andererseits machen sich die sehr dynamische Beschäftigung und steigende Löhne auch positiv bemerkbar. Schnabel: „Das führt dazu, dass die Menschen mehr konsumieren können.“ Der private Verbrauch halte die Konjunktur maßgeblich in Schwung. Die Stimmung der Wirtschaft dagegen sei nicht besonders gut. Das liege an der Sorge vor dem Handelskonflikt USA-China, der gerade für Deutschland eine erhebliche Bedrohung darstelle. Davon sehe man aber noch nicht viel. Kurzfristig könne er durch Handelsumlenkungen sogar positive Effekte bewirken.

Positiv: Staaten geben mehr Geld aus – ein kurzfristiger Schub


Die Staatsausgaben und die Geldpolitik wirken expansiv, sagt Schnabel. Im Koalitionsvertrag seien eine ganze Reihe von Maßnahmen geplant, die dazu führten, dass die Staatsausgaben steigen. Dies wirke auf die Konjunktur tendenziell positiv. Allerdings: Dies wäre gar nicht sinnvoll, wenn die Wirtschaft bereits an ihre Kapazitätsgrenzen stößt, wie das gegenwärtig der Fall ist. In den USA passiere genau das – und wirke sich auch auf Deutschland aus: „Wenn in den USA die Wirtschaft boomt, dann hat das Nachfrageeffekte. Das Verrückte ist ja, dass die USA dann mehr importieren – und sich so die Leistungsbilanz der USA noch mehr verschlechtert. Und Trump sagt dann wieder ,Oh die bösen Deutschen‘.“

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