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Digitalisierung

KI-Lösungen werden noch wenig genutzt

Aktuell entstehen zahlreiche KI-Anwendungen. Viele Unternehmen stehen jedoch der KI noch zögerlich gegenüber.
Von Christian Buck

Künstliche Intelligenz spielt eine entscheidende Rolle beim autonomen Fahren. Foto: iaremenko - stock.adobe.com
Künstliche Intelligenz spielt eine entscheidende Rolle beim autonomen Fahren. Foto: iaremenko - stock.adobe.com


Digitalstrategie wenig verbreitet

Wer Mitte April auf dem „hub.berlin“, dem internationalen Kongress des Digitalverbandes Bitkom, und dem darin integrierten „BigData.AI Summit“ unterwegs war, konnte den Eindruck gewinnen, dass Deutschland bereits ein Hotspot der Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz (KI) ist. Rund 300 Referenten präsentierten den über 8000 Teilnehmern KI-Lösungen aus verschiedenstenen Branchen. Die Botschaft von Firmenvorständen, Experten und Politikern war klar: Digitalisierung und die Schlüsseltechnologie Künstliche Intelligenz eröffnen riesige Chancen. Laut einer Prognose des Veranstalters Bitkom wird der europäische Markt für KI von rund drei Milliarden Euro in diesem bis auf zehn Milliarden Euro im Jahr 2022 wachsen. Das würde einem jährlichen Wachstum von durchschnittlich 38 Prozent entsprechen.

Doch zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine Lücke. Diese beginnt bereits damit, dass die deutsche Wirtschaft noch zu wenig digital aufgestellt. Laut einer Bitkom-Umfrage unter 606 Unternehmen aus allen Branchen verfügt nur jedes dritte über eine zentrale Digitalstrategie. Gerade mal 15 Prozent haben einen Digitalverantwortlichen und 21 Prozent haben noch nie in digitale Geschäftsmodelle investiert. Das ist auch mit ein Grund, warum beim Thema Künstliche Intelligenz noch viel Luft nach oben ist: 62 Prozent der Unternehmen stellen der Umfrage zufolge zwar fest: KI ist die wichtigste Zukunftstechnologie. Zugleich glauben aber 16 Prozent, dass KI keine Auswirkungen auf ihr Unternehmen hat, 27 Prozent sehen mit Blick auf das eigene Unternehmen KI eher als Risiko. Nur eine knappe Mehrheit von 53 Prozent betrachtet KI als Chance für das eigene Unternehmen. „Wer glaubt, dass KI das eigene Geschäft nicht verändern wird, der dürfte einer fatalen Fehleinschätzung unterliegen“, warnt Bitkom-Präsident Achim Berg. „KI beeinflusst alles und jeden.“

Wie sehr die epochale Technologie eine Branche verändert, zeigt sich heute bereits in der Automobilindustrie. KI-Lösungen werden bereits in der Logistik, in der Produktion und auch für die Kundenbindung eingesetzt. Eine entscheidende Rolle aber spielt sie beim autonomen Fahren. Hersteller und Zulieferer investieren deshalb Milliardensummen in die neue Technologie. Der Aufwand ist dabei so groß, dass bis vor kurzem noch undenkbare Allianzen entstehen – zum Beispiel zwischen den Erzrivalen BMW und Daimler. Das liegt auch an der neuen Konkurrenz durch Unternehmen wie die Google-Tochter Waymo, die bereits Ende 2018 ihren Robotaxi-Dienst „Waymo One“ in Phoenix, Arizona, gestartet hat.

Degradiert zum Zulieferer

„Das ist ein Kampf der Welten: hier die etablierten Hersteller, dort die neuen Mobility Provider“, sagt der Automobilexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch-Gladbach. „Wenn es schlecht läuft, werden die deutschen Hersteller zu Zulieferern von Google, Uber und anderen degradiert. Denn den Nutzern ist es egal, mit welcher Hardware sie fahren – man achtet ja auch nicht auf die Marke des Taxis oder des Busses, in dem man sitzt.“ Dem Gewinner dieses Wettbewerbs winkt jedenfalls ein enormes Preisgeld: McKinsey schätzt den Umsatz mit Robotaxis in Europa, den USA und Asien im Jahr 2030 auf 1600 Milliarden Euro. Auch im Gesundheitswesen verspricht der Einsatz von Künstlicher Intelligenz einen qualitativen Sprung bei Diagnose und Therapie. Vor allem die KI-gestützte Analyse von Bilddaten liefert derzeit reihenweise Erfolgsmeldungen. „In der Radiologie erleben wir aktuell eine mathematische Revolution, die schneller und tiefgreifender ist als alle Umbrüche zuvor“, sagt Professor Stefan Schönberg, Präsident der Deutschen Röntgengesellschaft. Er glaubt, dass Radiologen dank KI in Zukunft viele verschiedene Daten – etwa Laborwerte oder genetische Veranlagungen von Patienten – mit ihren Aufnahmen kombinieren und auf dieser Grundlage ihren ärztlichen Kollegen konkrete Therapieempfehlungen geben werden. Einige Algorithmen sind bereits als maschinelle Assistenten im Einsatz: Am Massachusetts General Hospital in Boston hilft Künstliche Intelligenz bei der Analyse von Röntgenaufnahmen der Brust, und ein KI-basiertes Melanom-Diagnosesystem aus Heidelberg ist bereits in rund 40 deutschen Arztpraxen installiert.

Die Liste der vielversprechenden KI-Anwendungen ließe sich fast beliebig fortsetzen: Marketing, Vertrieb, Industrieproduktion und Finanzwesen, selbst die Polizei sollen davon profitieren – zum Beispiel durch Videoanalysen mithilfe von Algorithmen. Dass die neue Technologie einen tiefgreifenden Einfluss auf Unternehmen und Menschen haben wird, ist unbestritten. Offen ist hingegen die Frage, welche Rolle die deutsche Wirtschaft auf diesem Zukunftsfeld spielen wird.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Hier geht es zum E-Paper: www.die-wirtschaftszeitung.de/epaper

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