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Wirtschaftssystem

Klimaschutz fordert das System heraus

Wissenschaftler stellen zunehmend infrage, ob das Klimaproblem innerhalb des Wachstumsparadigmas gelöst werden kann.
Von Stephanie Burger

2019 stand weltweit im Zeichen von Klimaprotesten. Foto: Animaflora Pics Stock - adobe.stock.com
2019 stand weltweit im Zeichen von Klimaprotesten. Foto: Animaflora Pics Stock - adobe.stock.com

Hamburg.„Wir stehen am Anfang eines Massenaussterbens und alles, worüber ihr reden könnt, sind Geld und das Märchen von einem für immer anhaltenden wirtschaftlichen Wachstum“, klagte Klimaaktivistin Greta Thunberg auf dem UN-Klimagipfel in Madrid die mächtigsten Politiker der Welt an. Ihre „How dare you?“-Rede wird wohl in die Geschichtsbücher eingehen – so wie vielleicht überhaupt das Jahr 2019. Es ist das Jahr, in dem das Klimaproblem zum Thema schlechthin wurde. Thunberg stellte in ihrer Rede eine im Grunde alte Frage, die aber im Kontext des Klimaproblems wieder verstärkt geführt wird: Ist Klimaschutz innerhalb des gegenwärtigen Wirtschaftssystems überhaupt möglich?

Die Politik jedenfalls scheint das zu glauben. Sie geht von der Grundannahme aus, dass Wirtschaftswachstum vollständig von Emissionen entkoppelt werden kann. Doch aufseiten der Wissenschaft mehren sich die Zweifel an der Vision eines „grünen Wachstums“. „Klimapolitik lässt sich nicht grundlegend verändern, ohne die Systemfrage zu stellen“, erklärte beispielsweise Prof. Dr. Wolfgang Kraushaar, Politologe und Protestforscher an der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur, in einem Interview im Deutschlandfunk. Seiner Ansicht nach geht aber auch die Fridays-for-Future-Bewegung in ihren Forderungen nicht weit genug. „Sie versucht, systemimmanent voranzuschreiten, und fordert nur, dass die Politik das umsetzen soll, was sie auf der Pariser Klimakonferenz 2015 beschlossen hat“, so Kraushaar. Die Bewegung müsse noch stärker als bisher die Frage stellen, welche Rolle die Ökonomie für die verschiedenen Formen der Umweltzerstörung spielt.

Wertewandel kündigt sich an

Am klassischen Wirtschaftssystem rütteln auch die Forscher am Frankfurter Zukunftsinstitut. Sie rufen in ihrer aktuellen Studie „Neo-Ökologie“ ebendiese zum prägenden Megatrend der beginnenden Dekade aus, der sich im Verlauf von zehn Jahren aus Einzelthemen wie Umweltschutz oder Corporate Social Responsibility herausgebildet habe. Als Treiber des Wandels werde er zu einer Disruption des globalen Wirtschaftssystems führen, heißt es im einführenden Kapitel. Die Autoren beschreiben vier Dimensionen, aus denen sich „Neo-Ökologie“ zusammensetzt: die Entstehung einer neuen globalen Haltung, in der Weltbürgertum das Denken in Nationalstaaten auflöst, sich verändernde Konsumlogiken, ein neues Verständnis von Natur und der Wandel der Gesamtgesellschaft in Richtung Postwachstum.

„Die Zeichen für eine Trendwende im Zeitgeist häufen sich seit Jahren und gerade der Blick auf die jüngeren Generationen lässt keine Zweifel, dass sich hier ein grundlegender Wertewandel auftut. Die Jugendbewegung Fridays for Future ist historisch einzigartig in ihrer globalen Dynamik und Vernetzung. Das wird die nächsten Jahrzehnte stark prägen – und damit die ganze Gesellschaft“, erklärt Lena Papasabbas, Kulturanthropologin und Co-Autorin der Studie. Gegenläufige Zeitgeistphänomene wie Massenkonsum oder Hyperindividualisierung konstatiert sie zwar, betrachtet diese jedoch weniger als Gegenbewegung, sondern vielmehr als Auslöser für den beschriebenen Wertewandel. „Große Teile der Gesellschaft hinterfragen zunehmend die Logiken des Kapitalismus, das Credo des ‚Immer-mehr‘ und seine Konsequenzen für Umwelt, Individuen und Gemeinschaft.“

Balance zwischen Mensch und Umwelt

Die Klimakrise kann der Studie zufolge nur bewältigt werden, wenn sich sämtliche Gesellschaftsbereiche auf ein Postwachstumsparadigma ausrichteten. Darunter werden Konzepte verstanden, die soziale Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und Wohlbefinden jenseits von ökonomischem Wachstum begründen. Es gibt mehrere Konzepte des Postwachstums, wie beispielsweise auch das der internationalen Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung (GWÖ), die seit Kurzem mit einer Regionalgruppe unter anderem in Regensburg vertreten ist. Ein Konzept hat auch das Zukunftsinstitut entwickelt und vorgestellt. Der „Next Growth“-Ansatz sieht keine vollständige Abkehr vom ökonomischen Wachstum vor, erweitert jedoch den Wachstumsbegriff um gesellschaftliche, ökologische und menschliche Aspekte. Postuliert wird eine neue unternehmerische Entscheidungsfreiheit, die auch zu einem Schrumpfen führen kann. Die Vision ist eine nachhaltige Balance zwischen Menschheit und Umwelt, eine Wirtschaft, die keine künstlichen Bedürfnisse mehr erzeugt sondern hilft, höhere soziale, emotionale und kulturelle Dimensionen zu erschließen. Klingt nach einer schönen Utopie. Papasabbas weist jedoch den Vorwurf der Realitätsferne entschieden von sich. „Wachstum im klassischen Sinne kann aufgrund begrenzter Ressourcen nicht ewig weitergehen. Die Frage ist nicht, ob Unternehmen den Shift Richtung Postwachstum nehmen werden, sondern wann. Ob die Wirtschaft rechtzeitig reagiert, kann aber niemand sagen.“ Ihr Lieblingsszenario sei, dass immer mehr Unternehmen und Start-ups Wachstum umdeuteten – also weg vom Profitdenken, hin zu anderen Mehrwerten, sagt Papasabbas. „Damit würden sie Konzerne immer mehr in die Bredouille bringen. Gleichzeitig muss und wird sich der Druck vonseiten der Konsumenten und Arbeitnehmer verstärken. Der entscheidende Anstoß allerdings muss aus der Politik kommen – sonst sehe ich schwarz.“

Für große Ernüchterung aufseiten des Umweltschutzes sorgte kürzlich die Entscheidung eines großen deutschen Konzerns: Siemens will eine Zugsignalanlage für ein umstrittenes Kohlebergwerk in Australien liefern. Soweit also „business as usual“. Aber dass Siemens-Chef Joe Kaeser den Auftrag überhaupt mit Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer diskutiert, wäre noch bis vor Kurzem kaum vorstellbar gewesen. Vielleicht öffnet das Klimaproblem doch das Fenster für einen Wandel im Wirtschaftssystem. Als Signal könnte auch die kürzlich vom Bundeskabinett verabschiedete Nationale Bioökonomiestrategie gewertet werden, die unter anderem eine ressourcenbasierte Neuausrichtung der Wirtschaft vorsieht.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Weitere interessante Wirtschaftsthemen gibt es auch im neuen kostenlosen Newsletter der Wirtschaftszeitung: www.die-wirtschaftszeitung.de/newsletter

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