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Interview

Lebensqualität ermöglichen

Dr. Torsten Briegel, neuer Vorstandsvorsitzender der Rewag, spricht über die Herausforderungen der Energiebranche.
Von Stephanie Burger und Thorsten Retta

Dr. Torsten Briegel (Foto: Simon Gehr)
Dr. Torsten Briegel (Foto: Simon Gehr)

Regensburg.Herr Dr. Briegel, können Sie uns kurz Ihre ersten Eindrücke von Regensburg und Ihrem neuen Wirkungskreis schildern?

Dr. Torsten Briegel: Mir ist Regensburg nicht unbekannt, weil ich in Ingolstadt Betriebswirtschaftslehre studiert habe und in dieser Zeit auch öfter nach Regensburg gekommen bin. Als ich im Sommer nach 15 Jahren zum ersten Mal wieder in der Altstadt war, war ich von der Atmosphäre hier sofort gefangen. Und bei der Rewag hat mir ein engagiertes und hoch kompetentes Team den Einstieg sehr leicht gemacht. Meinem Eindruck nach befindet sich die Rewag auf einem richtig guten Weg in die Zukunft, nicht zuletzt die Vielzahl innovativer Projekte weist darauf hin.

Die Rewag hat in den vergangenen Jahren die Eigenerzeugung stark ausgebaut, insbesondere mit Windkraft. Wie blicken Sie auf den derzeitigen Stillstand beim Windkraft-Ausbau?

Die Rewag hat ein großes Portfolio im Bereich Windenergie aufgebaut. Mit dem Windpark Feistelberg im Landkreis Schwandorf werden wir Ende des Jahres die vorerst letzte Anlage in Betrieb nehmen. In Bayern hat die 10H-Regel den Windkraftausbau sukzessive zum Erliegen gebracht. Für unsere Erzeugungsstrategie bedeutet das eine Akzentverschiebung in Richtung eigener Blockheizkraftwerke, um den Anteil der Eigenerzeugung noch weiter zu erhöhen. Wir werden aber mit der Fertigstellung von Feistelberg ein wichtiges Etappenziel erreichen: Der an unsere Privatkunden gelieferte Strom wird dann zu 50 Prozent von uns selbst erzeugter Ökostrom sein. Mittelfristig streben wir eine noch höhere Quote an. Photovoltaik ist beispielsweise noch ausbaufähig. Sollten sich interessante regionale Projekte ergeben, sind wir zur Stelle.

Wie werden Sie die Erzeugungsstrategie der Rewag weiterentwickeln?

Neben dem weiteren Ausbau unserer Eigenstromerzeugung stehen Quartiersprojekte im Fokus, wie wir es etwa im Dörnbergviertel umgesetzt haben. Dabei geht es um eine energieeffiziente Kombination von Strom- und Wärmeproduktion aus Blockheizkraftwerken, die idealerweise mit Bioerdgas betrieben werden.

Ein wichtiges Handlungsfeld des Konzernverbunds ist die Mobilität. Ihr Vorgänger hatte als Ziel ausgegeben, einen Autoverzicht zu ermöglichen. Wie kann das gelingen?

Zunächst muss ich dazu sagen: Anders als Olaf Hermes habe ich keine Rolle im Stadtwerk. Aber nachdem wir ja als Konzernverbund eng zusammenarbeiten, beschäftige ich mich natürlich auch mit der Mobilität. Ja, „ermöglichen“ ist ein gutes Stichwort. Ziel ist es, den Individualverkehr zu reduzieren und den verbleibenden Verkehr weitgehend in Richtung Elektromobilität zu transformieren. Denn diese brauchen wir für die Verkehrswende, die wiederum ohne Energiewende nicht gelingen wird. Dafür schaffen wir die infrastrukturellen Voraussetzungen. Bereits heute stellen wir 130 Ladepunkte zur Verfügung.

Studien zufolge müssen bis 2030 die Lademöglichkeiten aber noch um ein Vielfaches zunehmen. Sind Sie zuversichtlich, eine entsprechende Kapazität realisieren zu können?

Wir werden die E-Ladeinfrastruktur weiter engagiert ausbauen. Sie wird aus einer Mischung öffentlicher, halböffentlicher und privater Ladesäulen bestehen. Ich glaube nicht, dass Nutzer vorwiegend im öffentlichen Bereich laden werden. Aber für den öffentlichen Bereich sehen wir uns in der Verantwortung. Überall, wo es darstellbar ist, sind wir bereit zu investieren.

„Es ist ein ganzes Bündel an Herausforderungen, das die Energiewirtschaft bewältigen muss. Ganz oben steht das Ziel der Dekarbonisierung – mit all dem, was dazu nötig ist, vom Ausbau der erneuerbaren Energien bis hin zur stärkeren Kopplung der Sektoren Strom, Wärme und Mobilität.“

Dr. Torsten Briegel

Sehen Sie mit zunehmender E-Mobilität die Netzstabilität gefährdet?

Dort, wo Ladeinfrastruktur kontrolliert entsteht, werden wir keine Netzprobleme bekommen. Denn dahinter steht ein entsprechendes Lastenmanagement, wie wir es beispielsweise im Dörnbergviertel schon umsetzen. Im Gesamtkontext der Energiewende brauchen wir ohnehin diese aktive Steuerung des Stromverbrauchs, damit die Einspeisung der fluktuierenden erneuerbaren Energie keine Netzengpässe verursacht. Letztendlich geht es um die Schaffung einer hochmodernen Infrastruktur.

Ihr Vorgänger hat sich sehr dafür eingesetzt, das Portfolio von Stadtwerk und Rewag aus einer Hand anzubieten. Wie sieht Ihre Strategie aus?

Die initiierte Strategie ist sehr gut und entspricht genau meiner Vision. Das nach außen sichtbare Zeichen, künftig noch stärker gemeinsam zu agieren, war die Harmonisierung unseres Markenauftritts 2018. Als nächstes wird es aus meiner Sicht darum gehen, einen konkreten Mehrwert für die Kunden zu schaffen. Der ist zwar bereits seit jeher vorhanden, indem die Rewag die defizitären Sparten der Stadt wie ÖPNV, Bäder und Eisstadion subventioniert und damit zur Lebensqualität der Bürger beiträgt. Aber unsere Energiekunden sollen einen weitergehenden Nutzen durch unser gemeinsames Portfolio haben, beispielsweise in Form eines vergünstigten Bädereintritts oder bei der Inanspruchnahme anderer Konzernleistungen.

Welche Rolle spielt dabei und generell beim Umbau des Energiesystems die Digitalisierung?

Eine riesige, und das in mehrfacher Hinsicht. Wenn wir auf das Energiesystem blicken, so brauchen wir die Digitalisierung, um Intelligenz in das Stromnetz zu bringen, damit es die dezentral erzeugte Energie auch aufnehmen kann. Dann ist die Digitalisierung natürlich auch der zentrale Treiber der Smart-City-Entwicklung. Bei dieser sind wir als Energieversorger ein zentraler Akteur, beispielsweise wenn es um Smarthome-Lösungen oder um Quartiersentwicklung geht. Ohne eine leistungsfähige digitale Infrastruktur gibt es keine Smart-City. Hier können wir auf das Portfolio unserer Telekommunikationstochter R-Kom zurückgreifen. Und nicht zuletzt digitalisieren wir unsere eigenen Workflows – sehr viele sind bereits digitalisiert.

Vor welchen weiteren Herausforderungen steht die Energiebranche noch?

Es ist ein ganzes Bündel an Herausforderungen, das die Energiewirtschaft bewältigen muss. Ganz oben steht das Ziel der Dekarbonisierung – mit all dem, was dazu nötig ist, vom Ausbau der erneuerbaren Energien bis hin zur stärkeren Kopplung der Sektoren Strom, Wärme und Mobilität. Dann müssen wir uns auch als Unternehmen weiterentwickeln, denn das klassische Vertriebsgeschäft steht immer mehr unter Wettbewerbsdruck. Wir werden zunehmend vom Energieverkäufer zum Energiedienstleister, der integrierte Lösungen anbietet. Und dann ist da noch die große Daueraufgabe der Instandhaltung der bestehenden Infrastruktur im Bereich der Strom-, Gas- und Trinkwasserversorgung.

Was wünschen Sie sich von der Politik, um diese Herausforderungen bewältigen zu können?

Was wir brauchen, sind verlässliche Rahmenbedingungen, um Investitionen langfristig planen zu können. Ein Beispiel: In der dritten Regulierungsperiode der Anreizregulierung für Netzbetreiber wurde der Erlös im Netzgeschäft reduziert. Das Geld fehlt uns nun für die Ertüchtigung der Netze. Mehr Kontinuität – das würde ich mir wünschen. Alles andere können wir selbst, das ist unser ureigenster Anspruch.

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Weitere interessante Wirtschaftsthemen gibt es auch im neuen kostenlosen Newsletter der Wirtschaftszeitung: www.die-wirtschaftszeitung.de/newsletter

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