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Bildung

Mehr Vielfalt oder mehr Spaltung?

Jeder elfte Schüler in Deutschland besucht eine Privatschule – Tendenz steigend. Der Boom wird kontrovers diskutiert.
Von Claudia Rothhammer

Mädchen im Unterricht. An Privatschulen wird ein besonderes pädagogisches Konzept oder eine weltanschauliche Ausrichtung verfolgt. In machen Privatschulen gilt auch Geschlechtertrennung. Foto: pololia - stock.adobe.com
Mädchen im Unterricht. An Privatschulen wird ein besonderes pädagogisches Konzept oder eine weltanschauliche Ausrichtung verfolgt. In machen Privatschulen gilt auch Geschlechtertrennung. Foto: pololia - stock.adobe.com

Regensburg.Die einen schließen, die anderen eröffnen: In den vergangenen Jahren ist Bewegung in die deutsche Schullandschaft gekommen. Vor allem kleine Grund- und Mittelschulen kämpfen ums Überleben – und einige haben diesen Kampf verloren oder ordentlich Federn gelassen, sprich Klassen eingebüßt. Andererseits meldet das Statistische Bundesamt Jahr für Jahr steigende Schülerzahlen an Privatschulen. So teilte die Bundesbehörde bereits vergangenes Jahr mit: In 25 Jahren, im Zeitraum zwischen 1993 und 2018, sei die Zahl privater Schulen in Deutschland um 81 Prozent gestiegen. Vor wenigen Monaten informierte die Bundesbehörde außerdem, dass Schulen in freier Trägerschaft wiederholt Zuwachsraten verzeichneten.

Kritiker befürchten zunehmende Chancenungleichheit

Das bedeutet, fast eine Million Schüler in Deutschland kehren den staatlichen Schulen den Rücken, beinahe jeder elfte Schüler besucht eine Privatschule. In Bayern waren es im vergangenen Schuljahr sogar 11,4 beziehungsweise 11,7 Prozent, je nachdem, ob man Wirtschaftsschulen miteinbezieht oder nicht. Lässt man die Berufsschüler komplett außen vor, gehen laut Verband Bayerischer Privatschulen (VBP) sogar 14 Prozent aller bayerischen Schüler auf Privatschulen. So oder so: Die Nachricht wurde von Medien und Gesellschaft unterschiedlich aufgenommen. Die einen sehen im Boom der Privaten eine sinnvolle Ergänzung der Schullandschaft, gerade dort, wo staatliche Schulen geschlossen haben, andere wie der Bayerische Elternverband sprechen von einer „bedauerlichen Entwicklung“.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bezeichnet den Aufwärtstrend der Privaten sogar als „höchst problematisch“ und forderte den Staat auf, diesem Trend Einhalt zu gebieten. Die Befürchtung der GEW ist, dass private Schulen sozial selektiv wirken. „Wenn die Zahl der Privatschulen wächst, verschärft das die ohnehin schon höchst ungleiche Verteilung von Bildungschancen“, heißt es in einer Presseinformation der GEW zu diesem Thema. Die Gewerkschaft mahnt mehr Maßnahmen für die Stärkung des öffentlichen Schulwesens und gegen die soziale Spaltung der Gesellschaft an. Sie verweist in diesem Zusammenhang auf den gesellschaftlichen Integrationsauftrag der Schulen. Privatschulen sind zudem laut GEW nicht unbedingt besser als öffentliche Schulen. Es gebe private Schulen, die ganz konventionell arbeiteten, ebenso wie öffentliche Schulen, die reformfreudig und förderorientiert seien.

Boomen Privatschulen vielleicht deshalb, weil die Besserverdienenden unter sich bleiben wollen? Das weist VBP-Präsident Bernd Dietrich von sich. Die Schülerzahlen an bayerischen Privatschulen würden nur moderat ansteigen – im Gegensatz zum Osten der Republik. Dort finde der eigentliche Boom statt. Für Experten ist das nicht verwunderlich: Hier sind Privatschulen erst seit der Wende erlaubt, der Nachholbedarf ist groß. Auch das Klischee, dass auf Privatschulen nur Kinder der gehobenen Schicht gehen sollen, stimmt laut Dietrich nicht: „Unsere Schüler bilden den Durchschnitt der Bevölkerung ab.“ Ja, die meisten Privatschulen verlangten Schulgeld, aber das müsse nicht hoch sein. Er führt als Beispiel Schulen in kirchlicher Trägerschaft an. Hier mache das monatliche Schulgeld oft nur einen kleinen zweistelligen Eurobetrag aus.

Für Dietrich geht die öffentliche Diskussion auch am eigentlichen Kernthema vorbei. „Bei der Entscheidung für eine Privatschule ist nicht wichtig, dass es eine Privatschule ist, sondern das Angebot, das die Schule bietet.“ Dietrich führt aus: Unter den rund 1400 Privatschulen in Bayern – die privaten Berufsfachschulen mitgezählt – finde man ein breites Spektrum an Pädagogikkonzepten. „Die Eltern sind kritischer geworden, überlegen sehr genau, welches Angebot am besten zum Kind passt.“ Früher sei für die Eltern eine Privatschule erst in höheren Klassen interessant gewesen, vor allem, wenn es an der staatlichen Schule Probleme gegeben habe. Heutzutage überlegten sich die Eltern bereits bei der Einschulung genau, an welche Schule ihr Kind gehen soll. „Die einen wollen eine Schule, die mit modernster Technik arbeitet, die anderen wollen von der Digitalisierung überhaupt nichts wissen. Dazwischen ist die Bandbreite groß“, sagt Dietrich. Auch im Kitabereich finde man diesen bunten Strauß an verschiedenen Bildungskonzepten, vom Waldkindergarten angefangen bis hin zum bilingualen Kindergarten.

Eltern schätzen gute Ganztagsprogramme

Eine zweisprachige Ausrichtung ist laut Dietrich für Eltern besonders attraktiv. „Schulen, die die Fremdsprachenkompetenz der Kinder stärken, werden sehr nachgefragt. Die Eltern wollen, dass ihre Kinder gut auf das spätere Berufsleben vorbereitet sind.“ Und noch etwas: „Ein gutes Ganztagskonzept überzeugt ebenfalls – also eines, bei dem die Schüler abends, wenn sie nach Hause kommen, wirklich freihaben, weil sie nachmittags in der Schule alles erledigt und ordentlich gelernt haben.“ Hier könnten viele staatliche Schulen nicht mithalten. „Ein gutes Ganztagsprogramm kostet natürlich Geld“, sagt Dietrich. Aber seiner Erfahrung nach sind die Eltern gerne bereit, das Lernen am Nachmittag und die Hausaufgaben an die Schule zu delegieren und dafür auch zu bezahlen. „Viele rechnen so: Das Kind bekommt nachmittags die beste Förderung und beide Elternteile können trotzdem in Vollzeit arbeiten.“

Dieser Text ist ein Beitrag aus der Wirtschaftszeitung. Weitere interessante Wirtschaftsthemen gibt es auch im neuen kostenlosen Newsletter der Wirtschaftszeitung: www.die-wirtschaftszeitung.de/newsletter

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