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Ostbayern
Montag, 16. Juli 2018 29° 8

Tarifvertrag

Metaller: Arbeitszeit wichtiger als Geld

Die Abmachungen gelten als zukunftsweisend. Arbeitnehmervertreter in Ostbayern sind zufrieden, Arbeitgeber nicht so ganz.
Von Christian Ebner, dpa, Marion Koller und Bernhard Fleischmann

Arbeiten nach Stechuhr ist in vielen Berufen mittlerweile verpönt. Foto: Peter Endig/dpa
Arbeiten nach Stechuhr ist in vielen Berufen mittlerweile verpönt. Foto: Peter Endig/dpa

Stuttgart.Die Wirtschaft brummt und Fachkräfte sind rar: Die IG Metall hat nach Einschätzung von Experten die günstigen Rahmenbedingungen genutzt und im ewigen Pilotbezirk Baden-Württemberg einen Tarifabschluss erreicht, der über das sonst übliche Lohngefeilsche hinausgeht. Denn neben Gehaltszuschlägen am oberen Rand stehen das Recht auf vorübergehende Teilzeit für alle und ein sozialpolitischer Zuschlag für bestimmte Beschäftigtengruppen auf der Haben-Seite der Gewerkschaft. Angesichts voller Auftragsbücher verbuchen die Arbeitgeber neben der langen Laufzeit die mögliche Ausweitung des Arbeitsvolumens als Erfolg. Auch Unternehmer und Arbeitnehmervertreter aus Ostbayern werten den Abschluss als überwiegend positiv.

So sagte Andreas Sauer, Sprecher des BMW-Werks Regensburg, zu unserem Medienhaus: „BMW sieht die mögliche Flexibilisierung der Arbeitszeit gleichermaßen für Unternehmen wie Arbeitnehmer positiv.“ Ähnlich hört sich das bei Gerhard Witzany an, dem Präsidenten der IHK Regensburg. Die Flexibilisierung bei der Arbeitszeit zugunsten der Mitarbeiter wertet er als logische Folge einer allgemeinen Diskussion und Entwicklung: „Unternehmen müssen sich den gesellschaftlichen Erfordernissen stellen.“

„Kompliziert und teuer“

Nicolas Maier-Scheubeck, Geschäftsführer der Maschinenfabrik Reinhausen, sagt: „Der Abschluss ist kompliziert, der Abschluss ist teuer. Gut ist die lange Laufzeit von 27 Monaten und dass es keinen Streik gibt.“ Er begrüßt die neuen neun statt elf Stunden Ruhezeit, die Lebenswirklichkeit mit der Digitalisierung habe die alte Regelung überholt. Schließlich könne man niemandem verbieten, abends noch einmal im Büro anzurufen, wenn ihm etwas einfällt. „Kopfarbeiter hören nie auf.“ Aber: „Es ist grundfalsch, dass man wegen privater Belange Unterschiede in der Bezahlung macht.“ Letztlich enthalte das der Tarifabschluss. Damit meint Maier-Scheubeck die Neuregelung, dass Schichtarbeiter, Eltern und pflegende Mitarbeiter die neu geschaffene tarifliche Sonderzahlung in acht freie Tage umwandeln können.

Von Wissenschaftlern und Volkswirten werden die Abmachungen zur Arbeitszeit als zukunftsweisend bewertet. Künftig kann jeder Metaller ohne Lohnausgleich bei 28 Wochenarbeitsstunden vorübergehend kürzertreten und zum verabredeten Zeitpunkt in spätestens zwei Jahren wieder in Vollzeit zurückkehren. „Das ist eine absolute Neuerung in Tarifverträgen und bringt endlich auch Drive in die politische Diskussion“, meint der Tarifexperte der gewerkschaftlichen Böckler-Stiftung, Thorsten Schulten.

Auch eine Ausweitung möglich

Mit einigen komplizierten Kniffen können die Arbeitgeber künftig das Arbeitsvolumen ihrer Belegschaften mindestens halten, wenn nicht sogar ausbauen, wie Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Oliver Zander erklärt. Zwar wurden die Höchstquoten für 40-Stunden-Verträge nicht aufgehoben, doch die IG Metall hat neue Schlupflöcher zugelassen. Besonders interessant: Nach einem neuen Modell zur Durchschnittsarbeitszeit kann die fehlende Arbeitsleistung jedes Teilzeitbeschäftigten auf solche Mitarbeiter verteilt werden, die gerne mehr als 35 Stunden arbeiten wollen.

Die neue Beweglichkeit soll nicht nur für Schönwetterperioden geeignet sein. „Die Arbeitszeit kann mit diesem Lösungsmodell sowohl teils verkürzt als auch verlängert werden“, begrüßt Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer den Abschluss. „Mit der höheren Flexibilität bei der Arbeitszeit ist die Metall- und Elektroindustrie für zukünftige Herausforderungen durch den demografischen Wandel und die Digitalisierung gut gewappnet“, sagt Achim Wambach vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim.

Wirtschaftlich stellt der Abschluss sportliche Anforderungen an die Unternehmen, die über die Laufzeit eine jährliche Steigerung des Personalaufwands von 3,45 Prozent verkraften müssen. „In Summe kommt dieser Abschluss die Mittelständler zu teuer“, klagt der Maschinenbauverband VDMA.

Noch unklar sind die Kosten für Sonderregeln für Schichtarbeiter, Eltern junger Kinder und pflegende Familienangehörige. Unter engen Voraussetzungen können sie statt einer für 2019 erstmals vorgesehenen Sonderzahlung acht zusätzliche Tage freinehmen – zwei Tage mehr als der eigentliche Gegenwert der Zahlung.

Alle Ziele erreicht, analysiert der Chef der Regensburger IG Metall, Jürgen Scholz. Aus Arbeitnehmersicht ist er „sehr zufrieden“ und geht davon aus, dass der Abschluss auch in Bayern gelingt, wo morgen verhandelt wird. Nach Weihnachts- und Urlaubsgeld gebe es mit der 27,5-Prozent-Zahlung ab 2019 eine dritte Sonderzahlung. Auch Werner Zierer, BMW-Betriebsratschef in Regensburg, sieht den Abschluss positiv. Er enthalte intelligente Lösungen bei der Reduzierung der Arbeitszeit. Gerade ältere Kollegen über 55 dürften sich über die neue Möglichkeit der Arbeitszeitverringerung erfreut sein. Die übrigen Gewerkschaften haben die selbstbestimmte Arbeitszeit als künftiges Megathema längst entdeckt. „Auch in anderen Tarifbereichen wird die Gestaltung der Arbeitszeit eine besondere Rolle spielen. Das wird der große Verteilungskonflikt der nächsten Jahre“, sagte DGB-Chef Reiner Hoffmann.

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